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Aus der Stadt Hannover erlebt eine besondere Nacht
Hannover Aus der Stadt Hannover erlebt eine besondere Nacht
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13:34 15.07.2011
Hannover ist ohne Strom. Eine halbe Stunde, mancherorts auch länger als eine Stunde. Quelle: Daniel Reinhardt
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Hannover

In den Fenstern sind Lichtpunkte zu sehen, flackernder Kerzenschein und vereinzelt der schimmernde Monitor eines Laptops, den ein Akku noch am Leben hält. Einige Menschen treibt die Dunkelheit aus dem Wohnzimmer, sie stehen auf ihren Balkonen. Ein Fahrradfahrer kurvt ohne Beleuchtung die Voßstraße in der List entlang. „Licht an“, schreit ein Mann aus der Dunkelheit. Vielleicht meint er nur den Radfahrer, vielleicht aber auch irgendeinen großen Zampano am Lichtschalter der Stadt.

Hannover ist ohne Strom. Eine halbe Stunde, mancherorts auch länger als eine Stunde. Es wirkt wie eine Ewigkeit. Auf dem Königsworther Platz steht ein Taxi quer auf der Straße, die Ampeln sind aus. Ein Unfall, wie aus einem Endzeitfilm. In Linden gehen einige aus Neugier und mit der vagen Aussicht auf ein Erlebnis noch einmal auf die Straße, manche haben sich beim dunklen Kiosk noch ein Bier besorgt, blicken versonnen in die Nacht. „Endlich mal meine Nachbarn kennengelernt“, verzeichnet später jemand im Internet. Der Moltkeplatz wirkt gegen 23 Uhr wie ausgeknipst, selbst die Autofahrer scheinen sich in diesen Minuten entschieden zu haben, ihr Auto stehen zu lassen, um den besonderen Zauber der Nacht nicht zu stören. Kein Wagen ist auf der normalerweise noch gut befahrenen Ferdinand-Wallbrecht-Straße zu sehen. Allein der 100er-Bus fährt treu seine Runde und zieht eine erstaunliche Lichtspur durch die Nacht.

Reklametafeln haben weiter Strom

Erst im Dunkeln fällt auf, was sonst in der Stadt alles leuchtet: die Reklamen am Kiosk, das matte Gelb der Straßenlaternen, das so selbstverständlich zur hannoverschen Nacht gehört, dass man es schon fast für die Dunkelheit hielt. Am Mittwochabend ist die echte, die düstere Nacht zurückgekehrt, die ohne Strom. Eine Nacht, die Pläne durchkreuzt. Ein Mann auf dem U-Bahnsteig spricht in sein Mobiltelefon, es ist ein Satz wie aus einem mittelmäßigen Katastrophenfilm: „Natürlich komme ich nach Hause, Schatz. Die Frage ist nur, wann.“ Ein wenig muss sich der Schatz noch gedulden. Denn an eine Bahn ist noch lange nicht zu denken. „Wettbergen – 1 min.“, verspricht die Anzeigetafel der Üstra. Das Versprechen ist schon viele Minuten alt.

Was machen diese Menschen, die da bei Kerzenschein hinter ihren Fenstern sitzen? Ohne Fernsehprogramm, ohne Musik, ohne genug Licht zum Lesen? Und was machen die, bei denen kein Kerzenlicht flackert? Natürlich wird auf den Straßen gewitzelt, dass in neun Monaten die Geburtenrate in Hannover einen kleinen Sprung nach oben machen wird. Vielleicht stimmt das sogar.

Auf den Hinterhöfen der Stadt kann man beobachten, wie manche sich einen Spaß daraus machen, mit ihren Taschenlampen aus dem Fenster zu ihren Nachbarn zu leuchten. Manchmal kommt ein Blinksignal zurück. Vielleicht ist es nur ein kleiner Spaß. Vielleicht ist es auch der etwas ungelenke Versuch, sich seiner Mitmenschen zu vergewissern.

In der stromlosen Stunde ist ganz deutlich zu spüren, wie sehr wir längst alle vernetzt und verbunden sind mit dem Rest der Welt. Und wie ungewohnt es ist, nicht weiter sehen zu können als bis zum düsteren Fenster gegenüber. Wenn man merkt, dass man nicht mehr telefonieren kann. Dass die Handys nur nüchtern „kein Netz“ anzeigen anstatt den Telefonanbieter und das Internet im Smartphone bei manchem auch nicht funktioniert. Wenn man gewahr wird, dass man nicht weiß, ob die Baustelle an der Straßenecke der Grund für den Stromausfall ist oder ob die ganze Stadt gerade den Blackout erlebt. Oder das ganze Land. Sind wir nun Teil einer großen Katastrophe, oder hat einer bei den Stadtwerken gepennt? Wenige Minuten nach dem Stromausfall knallt es in Herrenhausen. Nicht jeder denkt sofort an das Feuerwerk beim Kleinen Fest. Wer weiß schon, was da passiert? Man kann ja keinen fragen.

Stromausfall wird zum Twitter-Trend

Diejenigen, die noch eine funktionierende Internetverbindung haben, schauen ins Netz. Binnen weniger Minuten wird das Schlagwort „Stromausfall“ zum Trendwort Nummer eins bei Twitter – deutschlandweit. Die Nutzer von außerhalb witzeln viel über die Energiewende, die Hannoveraner beschreiben ihre kleinen Erlebnisse: „Mein Eis schmilzt.“ Ein Kioskbesitzer verschenkt Bier, weil die Kasse ohne Strom kein Wechselgeld herausgeben kann. „Am Ende gab’s noch drei Teelichter dazu.“

Es kursieren nun viele Anekdoten in der Stadt über diesen Mittwochabend. Eigentlich hat jeder eine zu erzählen. Von Kneipenbesitzern, die Kerzen auf die Tische stellten, und Gästen, die nun erst recht noch auf ein Getränk blieben. Von Klubbetreibern, die ihre Konzerte abbrechen mussten. Vom Musikklub „Béi Chéz Heinz“, wo eine kalifornische Punkband ihr Programm vor 160 Fans der lauten Musik ganz leise und ohne elektrische Verstärkung zu Ende spielte. Unplugged, so wie die ganze Stadt.

Premierenbesucher im dunklen Saal

Auch die Kinobesucher, die sich auf den neuen und letzten Teil von „Harry Potter“ gefreut hatten, berichten von einer ganz eigenen Version der schwarzen Magie. Die 21-Uhr-Vorstellung steuerte gerade auf das Finale zu, als plötzlich die Cinemaxx-Leinwände am Raschplatz und in der Nikolaistraße schwarz wurden. Nun müssen Harry-Potter-Fans für das Ende noch einmal wiederkommen. Mit Vorlage der Kinokarten gibt es erneuten Eintritt – oder das Geld zurück.

Es ist kurz nach elf, als das Licht zurück nach Hannover kommt. Zunächst zögerlich. Die List ist zwischen 23.06 und 23.56 Uhr ein geteilter Stadtteil: Die über der Podbielskistraße hängenden Straßenlampen leuchten, die Laternen am Lister Platz nicht. Die Geldautomaten der Sparkasse gehen wieder, die der Sparda-Bank gegenüber nicht. Der Kiosk an der Jakobistraße hat Licht, die Verkehrsampeln bleiben aus. Am Küchengarten in Linden ist es kurz nach elf, als die Lichter wieder anspringen. Auf der Limmerstraße wird laut applaudiert. Wem auch immer.

Gegen Mitternacht ist wieder alles wie immer. Die U-Bahn fährt, die Straßen sind in das beruhigende Gelb der Laternen getaucht, in der Lister Meile mahnt ein leuchtender Backenzahn oben im Fenster den nächsten Zahnarztbesuch an. Dann wird es Nacht.

Dirk Schmaler / Kristian Teetz (mit: sup, uj, frs)

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