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Das wussten Sie noch nicht über Leibniz

Geburtstag Das wussten Sie noch nicht über Leibniz

Er ist ein Denkmal seiner selbst, sein Werk ist von einschüchternder Größe. Hannover feiert im Leibniz-Jahr seinen berühmtesten Gelehrten: Am Dienstag ist der Geburtstag von Gottfried Wilhelm Leibniz. Doch was macht seinen Ruhm eigentlich aus? Und was dachte er selbst über Hannover?

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Im Leibniz-Jahr zu sehen: Die berühmte Rechenmaschine in der Leibniz-Bibliothek.

Quelle: Schaarschmidt/Archiv (Collage)

Hannover. Die Panzertür wiegt vier Tonnen, und der Raum dahinter ist für Besucher tabu. Dort, wo im Dämmerdunkel eine Klimaanlage vor sich hin summt, ist das Allerheiligste der Leibniz-Bibliothek: Rund 100 000 Blätter umfasst der Nachlass von Hannovers größtem Gelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716). In Hunderten von hellblauen Kartons schlummern hier seine Handschriften – 72 Regalmeter Philosophie, Mathematik, Theologie. Eben alles, womit man als Universalgenie so sein Tun hat.

„Leibniz’ Wissbegierde ist immer wieder bewundernswert“, sagt Anne May, die Direktorin der Bibliothek. Allein 20.000 Briefe, alphabetisch geordnet nach Namen der Adressaten, lagern in diesem begehbaren Tresor. Leibniz tauschte sich mit Gelehrten in aller Welt aus, er machte Hannover zum Knotenpunkt in einem Netz globaler Gelehrsamkeit: „Heute korrespondieren internationale Forscher in Blogs“, sagt May. „Vermutlich hätte Leibniz seine Freude daran gehabt.“ Seit 2007 zählen diese Leibniz-Briefe zum Unesco-Welterbe – ein spätes Geschenk des Genies an seine Stadt.

Vor 370 Jahren, am 21. Juni 1646, wurde Leibniz in Leipzig geboren, doch die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er in Hannover, als Bibliothekar und Allround-Gelehrter im Dienste der Welfen. Hier starb er auch. Am 14. November jährt sich sein Todestag zum 300. Mal. Die Stadt feiert ihr Leibniz-Jahr mit Dutzenden Veranstaltungen. Ein Sonnenbad im Glanz des großen Namens. Längst ist Leibniz in Hannover zu einer Art Stadtpatron avanciert, zu einem Maskottchen des Stadtmarketings mit wissenschaftlichem Mehrwert. Dabei galt Leibniz’ Verhältnis zu der Stadt lange als zerrüttet: Generationen von Forschern gingen davon aus, dass Leibniz sein Hannover beileibe nicht für die beste aller möglichen Weltstädte hielt.

Dabei beriefen sie sich auf den Meister selbst: „Alles, was mich körperlich und geistig beengt, kommt daher, dass ich nicht in einer großen Stadt wie Paris oder London lebe, welche an gelehrten Männern Überfluss haben“, klagte Leibniz 1696 in einem Brief an den Philosophen Thomas Burnett. „Hier trifft man kaum jemanden, mit dem man sich unterhalten kann.“ Litt der große Geist also am kleinen Hannover?

Leibniz in Zahlen

  • 1646: Leibniz wird in Leipzig geboren und in der Nikolaikirche getauft.
  • 1673: Der junge Gelehrte stellt das erste Modell einer Rechenmaschine vor.
  • 1676: Welfenherzog Johann Friedrich holt Leibniz nach Hannover. Er wirkt hier unter anderem als Bibliothekar.
  • 1698: Der Junggeselle bezieht das Leibnizhaus. Die Fassade ist heute am Holzmarkt rekonstruiert.
  • 1710: Sein philosophisches Werk „Theodizee“ erscheint. Leibniz vertritt die These, dass wir in der „besten aller möglichen Welten“ leben. Der letzte Universalgelehrte gilt heute als Frühaufklärer.
  • 2005: In Hannover erlebt Leibniz eine Renaissance: Die Landesbibliothek wird in Leibniz-Bibliothek umbenannt, seit 2006 nennt die Uni sich Leibniz-Universität.
  • 2007: Die Leibniz-Briefe werden Unesco-Weltdokumentenerbe.

„Man muss diese Aussage relativieren“, sagt Michael Kempe, der Leiter der Leibniz-Forschungsstelle. „Sein Verhältnis zu Hannover war nicht so schlecht, wie viele glauben – die Stadt war für ihn eher Fluch und Segen zugleich.“ Leibniz habe sich hier nicht unwohl gefühlt – obwohl er gelegentlich auf Posten in größeren Städten spekulierte: „Er wusste genau, dass Hannover immer der Ort war, der ihm einen sicheren Rückhalt bot“, sagt der Historiker. Etwa, wenn er sich wieder einmal verzettelte.

Im Jahr 1690 etwa versprach Leibniz seinem Herzog, dass er die bestellte „Geschichte des Welfenhauses“ binnen zwei Jahren fertigstellen würde. Erst 24 Jahre darauf verhängten die Welfen ein Reiseverbot für ihren Angestellten, damit er das Opus magnum nun endlich vollende. Fertig wurde es bis heute nicht. „Seine Vorgesetzten in Hannover setzten ihm aber nie den Stuhl vor die Tür – sie zeigten immer viel Langmut mit Leibniz“, sagt Kempe. Und in der feinsinnigen Kurfürstin Sophie hatte er hier durchaus eine adäquate Gesprächspartnerin.

Viele seiner großen Pläne verwirklichte Leibniz nie. Er selbst schrieb das seiner überbordenden Kreativität zu: „Mir kommen manchmal morgens, wenn ich noch eine Stunde im Bett liege, so viele Gedanken, dass ich den ganzen Tag benötige, um sie mir durch Aufschreiben klar werden zu lassen“, sagte er über sich selbst. Seine Notizen verloren sich dann teils in einer Zettelwirtschaft, die der Junggeselle selber nicht mehr überblickte. In seinen Gemächern herrsche „ein groß chaos“, bemerkte er selbst 1697 in einem Brief.

Hannover war der Ort, an dem Leibniz sich als zerstreutes Genie relativ ungestört entfalten konnte. Und Hannover ist der Ort, an dem Forscher noch heute von Leibniz’ Erbe zehren: „Die Edition seiner Schriften ist ein Mammutunternehmen“, sagt Historiker Kempe.

Der 49-Jährige leitet seit 2011 das Leibniz-Archiv. In der Forschungsstelle, die in der Leibniz-Bibliothek untergebracht ist, arbeiten 14 Mitarbeiter daran, Leibniz’ Schriften zu publizieren. Mathematiker, Historiker, Germanisten. Seit 1923 sind schon 59 Bände erschienen. Ein im vergangenen Jahr gedruckter ist 965 Seiten stark. Drei Forscher haben rund fünf Jahre lang daran gearbeitet. Der Band enthält Leibniz-Briefe. Allerdings nur historisch-politische. Und nur die vom Oktober 1704 bis Juli 1705. Der letzte von ungefähr 128 Bänden soll 2055 erscheinen. Die Schriften von Leibniz’ herauszugeben ist ein wenig so, als wollte man einen Ozean mit einem Teelöffel ausschöpfen.

„Leibniz war jemand, der schreibend seine Gedanken sortierte“, sagt Kempe. Und weil Leibniz permanent dachte, schrieb er auch permanent. „Vielleicht hat niemals ein Mensch so viel gelesen, so viel gedacht, so viel geschrieben wie er“, bemerkte Leibniz’ französischer Kollege Denis Diderot. Dabei zeigte Leibniz eine gedankliche Spannweite, die der modernen, in Disziplinen gegliederten Wissenschaft verloren gegangen ist: „Er ist ein Spiegel der gesamten Wissenskultur seiner Zeit“, sagt Kempe. „Man kann ständig Neues bei ihm entdecken.“

So gab Leibniz Peter dem Großen Tipps zur Modernisierung des russischen Bildungswesens. Er konstruierte eine Art Maschinengewehr und schmiedete Pläne zum Bau eines U-Bootes. Von Jesuiten in China erbat er Informationen über chinesische Heilpflanzen, Wattejacken und fernöstliches Feuerwerk. „In seinen Briefen ermahnte er die Missionare freilich auch, nicht zu viel vom europäischen Wissen preiszugeben“, sagt Kempe. Leibniz selbst reiste zeitlebens kreuz und quer durch Europa. Noch in seinem letzten Lebensjahr plante er eine Tour nach Wien. Doch daraus wurde nichts: Er starb am 14. November 1714 in seiner Wohnung in der Schmiedestraße. Heute befindet sich an dieser Stelle ein Parkhaus.

So feiert Hannover sein Genie

Es ist ein Marathon: Dutzende von Veranstaltungen erinnern in Hannover im Leibniz-Jahr 2016 an den großen Gelehrten. Auf dem Programm stehen Ausstellungen und Kunstaktionen, Lesungen, Konzerte und Kongresse. Eine Auswahl.

  • In der Neustädter Hof- und Stadtkirche gibt es bis zum 12. November an jedem Sonnabend , 14 Uhr, Führungen am Leibniz-Grab.
  • In der Orangerie erklingen am 30. Juni , 19 Uhr, „Leibniz-Harmonien“ – Beiträge aus einem internationalen Kompositionswettbewerb. Karten: (05 11) 1 61 19 83.
  • Ein Festkonzert mit dem Ensemble Concerto Foscari gibt es zu Leibniz’ Ehren am 1. Juli , 19.30 Uhr, in der Neustädter Kirche.
  • Das Wilhelm-Busch-Museum im Georgengarten zeigt vom 9. Juli an die Ausstellung „Leibnix – das Universalgenie in Karikatur, Graphic Novel und Alltag“.
  • Wissenschaftlicher Höhepunkt des Leibniz-Jahres ist der X. Internationale Leibniz-Kongress , bei dem rund 350 Forscher aus aller Welt sich unter der Regie von Leibniz-Professor Wenchao Li an der Universität versammeln.
  • Am 8. Oktober , 14 Uhr, führt ein Leibniz-Darsteller durch das Museum Schloss Herrenhausen.
  • Die Leibniz-Festtage vom 1. bis 28. September an der Neustädter Kirche stehen unter dem Motto „Inclinata resurget – Gebeugtes wird sich wieder aufrichten“.
  • Im Museum August Kestner beginnt am  15. September eine Ausstellung, in der es unter anderem um „Leibniz-Cakes“ geht.
  • Zum Abschluss des Leibniz-Jahres gibt es am 14. November dann eine Kranzniederlegung am Leibniz-Grab in der Neustädter Kirche. Daran schließt sich ein Festakt in Herrenhausen an – und um 22 Uhr gibt es Glockengeläut zur Todesstunde des Gelehrten.
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