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Hannover gedenkt der nach Riga deportierten Juden

1001 Kerzen vor Rathaus Hannover gedenkt der nach Riga deportierten Juden

Vor 70 Jahren startete in Hannover ein Zug mit 1001 Juden nach Riga. Nur 69 von ihnen überlebten den Holocaust. Mit großem Programm und Zeitzeugen gedenkt die Stadt der Deportation. Diese war lange Zeit vernachlässigt worden.

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Vor 70 Jahren startete in Hannover ein Zug mit 1001 Juden nach Riga. Nur 69 von ihnen überlebten den Holocaust. Die Zeitzeugen (von links nach rechts) Lona Hess , Henny Simon, Helmut Fürst, Gerda Wassermann und Lore Oppenheimer.

Quelle: dpa

Hannover. Der Gedenkstein am Bahnhof Hannover-Linden steht etwas abgelegen vom Weg der meisten Pendler. Vor 70 Jahren, am 15. Dezember 1941, startete hier die Deportation von 1001 Juden nach Riga, der Auftakt zur Liquidierung des jüdischen Lebens in Hannover. Die Landeshauptstadt gedenkt des Jahrestags mit einem großen Programm - in einem bewegenden Moment sollen Schüler an diesem Donnerstag vor dem Rathaus 1001 Kerzen anzünden. Nur 69 der Deportierten überlebten den Holocaust, vier von ihnen kehren aus den USA nun noch einmal nach Hannover zurück. Für das Schicksal der nach Riga Deportierten habe sich lange kaum jemand interessiert, beklagt die jüdische Gemeinschaft.

Dabei war das Geschehen in Lettland an Unmenschlichkeit kaum zu überbieten: Die mit Fahndungslisten zusammengetriebenen Juden stellte die SS bei der Ankunft vor die Wahl, den Weg ins Ghetto zu Fuß oder per Lastwagen zurückzulegen. Wer den Lkw wählte, wurde sofort getötet. Im zuvor aus Platzmangel geräumten Ghetto stand das Essen der bisherigen Bewohner teils noch auf dem Tisch: 26 500 lettische Juden waren eilends erschossen worden. Barbarische Lebensumstände und Erschießungen brachten den meisten aus Hannover und zwölf anderen Städten eintreffenden Juden den Tod. Um das Gräuel vor anrückenden Sowjettruppen zu verbergen, mussten Häftlinge am Ende die Toten ausgraben und verbrennen.

„Ich habe überlebt, das war nur Glück, ich hätte niemals geglaubt, dass ich da lebend rauskomme", sagte am Mittwoch die 86-jährige Henny Simon. In Amerika fragte man sie, wie sie überhaupt noch nach Deutschland fahren oder Deutsch sprechen könne. „Alle müssen wissen, was in Deutschland geschehen ist", meinte sie zur Begründung. Ihrer 1943 im Ghetto verschollenen Großmutter trauert Lona Hess noch im hohen Alter nach. "Das ist ein sehr schmerzhafter Punkt in meinem Leben." Mit einem Zahlenspiel blickt Gerda Wassermann auf ihr Schicksal: „Jetzt bin ich 91, als ich deportiert wurde, war ich 19."

„Mit Riga verbinden die meisten Menschen nicht viel", sagt der Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, Michael Fürst. In Deutschland sei Auschwitz der Inbegriff für den Holocaust. „Nur wenige wissen, was Hannover mit Riga zu tun hat." Die Großeltern von Fürst starben in Riga, sein Vater Helmut kehrte als einer der wenigen zurück und kann noch heute in betagtem Alter das Gräuel bezeugen. "Man hat dem Jahrestag in Hannover seit vielen Jahren gedacht", sagt Fürst. "Aber es war ein mühevoller Weg dorthin." Es sei mühsam, die Menschen in Hannover einzubeziehen. „Hannover hat es nie geschafft, sich eine Partnerstadt in Israel zu suchen", bedauert er.

Erst mit der Schaffung des deutschen „Riga-Komitees" im Jahr 2000 wurde das Gedenken an die 20 000 nach Riga deportierten und zumeist ermordeten Juden auf eine breitere Basis gestellt. Den Anstoß gab der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dem in Lettland auch die Zuständigkeit für die Opfer der Deportation zufällt. "Die Rolle von Riga ist in der Erinnerung an den Holocaust vernachlässigt worden", meint Volksbund-Sprecher Fritz Kirchmeyer. „In sowjetischer Zeit wurde daran vor Ort nicht erinnert und in den deutschen Städten, in denen die Transporte abgingen, hat das keine große Rolle gespielt."

Erst Überlebende und Angehörige hätten in Wien vor 15 Jahren mit der „Initiative Riga" Aufmerksamkeit für die Deportation geweckt. „Das hat Vorbildcharakter gehabt", meint Kirchmeyer. Im „Riga-Komitee" sind inzwischen 40 Städte zusammengeschlossen, im Wald von Bikernieki bei Riga wurde eine Gedenkstätte für Naziopfer eingerichtet.

„Es ist eine anerkennenswerte Angelegenheit der Stadt, dass sie die Überlebenden nach Hannover holt", meint Fürst. „Das 70-jährige Gedenken wird eines der letzten sein, bei dem Überlebende dabei sind."

Wie Gedenkstätten jungen Leute künftig das Thema Holocaust näher bringen können, wenn Zeitzeugen nicht mehr leben, ist Thema eines Symposiums der Universität Hildesheim, das im Rahmen des 70. Jahrestages organisiert wird. „Eine Frage dabei ist auch, was Jugendliche aus Einwanderungskulturen über den Holocaust wissen müssen", sagt Erziehungswissenschaftlerin Meike Baader. Für die nationale Identität spiele der Holocaust eine große Rolle - wie dies für die wachsende Zahl junger Migranten sei, müsse sich indes erst noch zeigen.

dpa

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