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„Hannover glich einer Wunde im Erdreich“

HAZ-Serie „Aufbruch 1945“ „Hannover glich einer Wunde im Erdreich“

Mai 1945: Während das Deutsche Reich in Berlin endgültig kapituliert, richten sich die Hannoveraner in den Resten ihrer Stadt ein – und müssen sich oft unter irrwitzigen Verhältnissen auf engstem Raum arrangieren.

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Große Teile der Innenstadt (das Bild zeigt im Hintergrund die
 Neustädter Kirche) lagen in Trümmern.

Quelle: Historisches Museum Hannover

Hannover. Erinnerung verklärt. Blickt man auf die eigene Kindheit zurück, erscheint auch die trostloseste Trümmerlandschaft schnell als ein einziger großer Abenteuerspielplatz. Das elende Steineklopfen wird zum frohgemuten Ärmelhochkrempeln. Die drangvolle Enge zum solidarischen Zusammenrücken. Wer wissen will, wie das Hannover des Jahres 1945 auf einen erwachsenen Zeitgenossen wirklich wirkte, wird beim britischen Kriegsberichterstatter Leonard Mosley fündig: „Hannover sah abweisender und wüster aus als jede andere Stadt im besetzten Deutschland, die ich gesehen habe“, notierte dieser damals.

Zwar hatte es die Außenbezirke nicht ganz so hart getroffen, doch die Innenstadt glich einem Ruinenfeld. Wie ein hohler Zahn ragte der ausgebrannte Turm der Marktkirche in den Himmel. Ansonsten fiel es selbst Einheimischen schwer, sich in den Trümmern zu orientieren: Straßen waren mit Bombenkratern übersät, Industrieanlagen weitgehend zerstört, identitätsstiftende Bauten wie das Herrenhäuser Schloss niedergebrannt. Telefon, Postwesen, Stromversorgung - die komplette Infrastruktur lag am Boden. Leere Fensterhöhlen und zugige Verschläge, in denen Menschen vegetierten, prägten das Bild: „Hannover glich eher einer Wunde im Erdreich als einer Stadt“, notierte Mosley.

Der für die britische Besatzungszone zuständige Feldmarschall Bernard L. Montgomery verkündet Ende Mai eine Art Notprogramm. Der Wortlaut wirft ein Schlaglicht darauf, wie elementar die Bedürfnisse der Deutschen sind: „Mein unmittelbares Ziel ist es, für alle ein einfaches und geregeltes Leben zu schaffen“, erklärt Montgomery: „In erster Hinsicht ist dafür zu sorgen, daß die Bevölkerung Folgendes hat: a) Nahrung, b) Obdach, c) Freisein von Krankheit.“

Privatsphäre wird in der Stadt, in der etwa jedes zweite Wohnhaus zerstört ist, zum Luxus - und Wohnungsnot zum drängendsten sozialen Problem. Schon in der NS-Zeit war Wohnraum zwangsbewirtschaftet worden; wer eine Wohnung hatte, musste einen Teil davon für Bedürftige räumen. In einer Verordnung vom 30. März 1945 hieß es: „Zwei Erwachsene mit bis zu vier Kindern dürfen nur noch 22 qm Wohnraum beanspruchen.“ Nach dem Einmarsch der Alliierten wird die Lage nicht besser: Während immer mehr Flüchtlinge aus dem Osten untergebracht werden müssen, beschlagnahmt die britische Militärverwaltung zusätzlich Wohnraum für den eigenen Bedarf.

Hannovers Bilanz des Krieges

Bevölkerung: Hannovers Bevölkerung lag bei Kriegsbeginn bei 472.000 Einwohner. Bei Kriegsende lebten noch 217.000 Menschen in der Stadt.
Opfer der Luftangriffe: 6782
Zahl der Luftangriffe: Etwa 125
Schwerster Luftangriff: 8./9. Oktober 1943, fast die gesamte Altstadt wird zerstört, 1245 Menschen sterben
Gefallene: Rund 20.000 Hannoveraner waren als Wehrmachtsangehörige ums Leben gekommen
Zahl der Wohnungen bei Kriegsbeginn: 147 222
Schwer beschädigte Wohnungen bei Kriegsende: 73.728 (51,2 Prozent)
Mittel oder leicht beschädigte Wohnungen bei Kriegsende: 62.784 (43,6 Prozent)
Öffentliche Gebäude: Sind zu etwa 80 Prozent schwer getroffen  
Schulen: Von 87 Schulen sind 39 total zerstört worden, nur vier sind unbeschädigt geblieben
Kirchen: Von 50 Kirchen lagen 15 vollständig in Ruinen
Elektrizität: Weniger als ein Viertel der Bewohner verfügt bei Kriegsende über elektrisches Licht
Kinos: Von 32 Kinos hatten nur neun die Luftangriffe überstanden
Sportplätze: Von 82 Sportplätzen konnten nur noch 17 bespielt werden

Die deutsche Stadtverwaltung übernimmt am 28. September 1945 die Wohnraumbewirtschaftung von den Briten. „Wenn viele Menschen in diesem Winter kein heiles Dach über dem Kopf haben, so ist dies allein auf die dauernden Beschlagnahmen der Militärregierung zurückzuführen“, beschwert sich der von den Engländern eingesetzte Oberbürgermeister Gustav Bratke beim Stadtkommandanten - ohne Erfolg.

Ausgebombte hausen unterdessen in Trümmern oder in Kellern, Laubenpieper quartieren sich in der Kleingartenkolonie ein, und wildfremde Menschen sind gezwungen, sich im Zusammenleben auf engstem Raum irgendwie zu arrangieren. „Die Polizei musste uns beim Einzug beschützen“, erinnert sich die damals zwölfjährige Ilse Köhler. Ihre Familie war vom Wohnungsamt bei einer Frau einquartiert worden, die keinen Zweifel daran ließ, wie wenig willkommen ihr die neuen Mitbewohner waren: „Als wir ankamen, war alles verriegelt und verrammelt - ein Schlosser musste die Tür aufbrechen“, sagt Ilse Köhler: „Die Küche durften wir nicht benutzen, darum haben wir uns einen Herd im Zimmer aufgestellt. Das Rohr ging durch die Wand nach außen. Und von der Toilette hatte sie den Sitz abmontiert.“

Noch Jahre nach dem Krieg
hausten Menschen in Notunterkünften: Das Foto entstand 1948 im Stöckener „Akku-Lager“.

Noch Jahre nach dem Krieg
hausten Menschen in Notunterkünften: Das Foto entstand 1948 im Stöckener „Akku-Lager“.

Quelle: Wilhelm Hauschild

Überall kommt es zu Spannungen zwischen alteingesessenen Mietern und „Einquartierten“. Zudem stürzen immer wieder Trümmer ein; vergeblich ermahnen Eltern ihre Kinder, nicht in den halb zerstörten Gebäuden zu spielen. „In den Ruinen lauert der Tod“, warnt die „Hannoversche Presse“ ihre Leser noch im Jahr 1949, vier Jahre nach Kriegsende. Vom Wiederaufbau, der zum Gründungsmythos der Bundesrepublik werden sollte, kann auch Jahre nach dem Krieg oft noch keine Rede sein. Im Jahr 1950 leben nach wie vor mehr als 37 000 Menschen in Hannover in Massenunterkünften.

Allein das Ungeziefer gedeiht in den Ruinenbrachen prächtig. Ein Schreiben des Arbeitsamtes vom Mai 1946 lässt erahnen, wie unromantisch die später oft verklärte „Stunde Null“ tatsächlich war: „Trotz Einsatz erheblicher Geldmittel zur Rattenbekämpfung“, heißt es darin, „hat die Rattenplage durch die Schutthalden so zugenommen, dass immer wieder in den Büros wichtige Papiere zernagt werden.“

„Wanderung durch ein Inferno“: 
Schon bald nach Kriegsende 
herrschte in den Ruinen – etwa rund um die Kröpcke-Uhr – 
wieder reges Treiben.

„Wanderung durch ein Inferno“: 
Schon bald nach Kriegsende 
herrschte in den Ruinen – etwa rund um die Kröpcke-Uhr – 
wieder reges Treiben.

Quelle: Wilhelm Hauschild

Der lange Weg zur Normalität

Die Müllwerker waren die Ersten. Nur zwei Monate nach der Besetzung der Stadt durch die Alliierten lag Hannovers Infrastruktur größtenteils noch in Trümmern, doch wenigstens waren die Schutthaufen einigermaßen sauber. Einmal wöchentlich, später sogar zweimal, wurden die meisten Mülltonnen wieder gelehrt – zur Erleichterung der Briten, die so keine Seuchenherde mehr fürchten mussten. Die Trümmerräumung zog sich zwar hin, doch der Aufbau der Lebensadern in der Stadt ging überraschend schnell voran. Schon im Juli 1945 konnten 96 Prozent der Verbraucher wieder mit Wasser versorgt werden. „Das Rohrleitungsnetz der Stadtentwässerung war Ende 1945 zum Teil mit Provisorien so weit wieder hergestellt, dass 90 Millionen Liter täglich anfallender Abwässer abgeleitet werden konnten“, schrieb der Historiker Andreas Urban.

Ende April hatte nur ein Viertel der Einwohner Anschluss an die Stromversorgung gehabt. Ende August wurden die meisten prinzipiell wieder mit Elektrizität versorgt – wenngleich es noch oft Stromsperren gab. Und obwohl von 800 Kilometern Gasleitung nur 250 unbeschädigt geblieben waren, funktionierte die Gasversorgung Mitte 1946 wieder flächendeckend. Die Straßenbahn nahm den Personenverkehr mit Erlaubnis der Briten am 30. Mai wieder auf – allerdings nur auf einigen Linien, stundenweise und für Berufstätige mit einem speziellen Berechtigungsschein. Das Nachrichtenblatt der alliierten Militärregierung, der „Neue Hannoversche Kurier“, konnte am 12. Juni jedoch „erhebliche Verbesserungen“ vermelden: Außenlinien würden neuerdings bis 18 Uhr, Linien in der Stadt bis etwa 20 Uhr betrieben: „Für die Stadtlinien sind Berechtigungsscheine auch zu den Zeiten des Berufsverkehrs nicht erforderlich.“

Gleichwohl gab es in den Straßenbahnen noch lange Gedränge: Zwar waren im Oktober 1945 schon 86 Prozent des Vorkriegsnetzes wieder befahrbar, doch etwa zwei Drittel aller Straßenbahnwagen und Omnibusse waren zerstört. Dazu kam ein beispielloser Ansturm von Beförderungswilligen: Im September 1946 hatten Hannovers Straßenbahnen 510 000 Fahrgäste – dreimal so viele wie vor dem Krieg. Ausgebombte, die am Stadtrand eine Bleibe gefunden hatten, und Hungrige auf Hamstertour sorgten für ein immenses Verkehrsaufkommen. Überfüllte Bahnen sollten noch lange zum Nachkriegsalltag gehören. Trittbrettfahrer, die außen an überfüllten Waggons mitfuhren, wurden oft geduldet.

Dazu gab es bis 1954 „Straßenbahngüterverkehr“: Rüben, Baumaterial, Schutt – alles wurde per Straßenbahn transportiert. Schon die erste Bahn, die Ende April 1945 wieder fahren durfte, hatte Kohle aus Barsinghausen in die Stadt gebracht. Pläne, den Deister dauerhaft zum Ruhrpott Hannovers zu machen, zerschlugen sich allerdings.

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Die Briten sorgten bald für die Umbenennung von Straßen, Zeitungen druckten Bilder der britischen Dienstgradabzeichen – und in den Trümmern tauchten englischsprachige Schilder auf.

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