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Hannover ist die Hauptstadt der Singles

Ein-Personen-Haushalte Hannover ist die Hauptstadt der Singles

In jeder zweiten Wohnung im Stadtgebiet lebt nur eine Person – damit führt Hannover im Großstadtvergleich die Statistik der Ein-Personen-Haushalte an. Doch das heißt keineswegs, dass die Hannoveraner einsam wären. Viele wohnen allein, weil sie sich bewusst dafür entschieden haben. Drei Hausbesuche.

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„Der Freiheitsgedanke spielt eine Rolle“: Christian Ladwig lebt seit 13 Jahren in seinem geräumigen Ein-Zimmer-Apartment in einem Lindener Hinterhaus.

Quelle: Martin Steiner

Hannover. Wer alleine lebt, ist in guter Gesellschaft: In mehr als jedem zweiten hannoverschen Haushalt wohnt nur eine Person. Nach der aktuellen städtischen Statistik gibt es rund 151.000 Wohnungen im Stadtgebiet, in denen nur ein Bewohner gemeldet ist – das sind fast 53 Prozent aller 285.000 Haushalte. Im Vergleich mit 15 deutschen Großstädten steht Hannover damit an der Spitze, zusammen mit der Bundeshauptstadt Berlin. Doch daraus zu schließen, Hannover wäre eine Stadt der einsamen Herzen, sei völlig verfehlt, stellt Sozialdezernent Thomas Walter klar: „An dieser Stelle ist die Statistik blind.“

Mit dem Begriff „Singlehaushalt“ ist er denn auch nicht einverstanden. Ob jemand, der nicht mit einem Partner zusammenlebt, tatsächlich keine Beziehung hat, wissen die Statistiker natürlich nicht. In der Amtssprache ist darum etwas umständlich von „Ein-Personen-Haushalten“ die Rede. Die Koordinierungsstelle für Sozialplanung liefert eine weitergehende Definition: „Einpersonenhaushalte sind eine Momentaufnahme von Menschen, die aktuell nicht, noch nicht oder nicht mehr mit Personen in einem Haushalt zusammenleben.“

Die Experten wissen noch mehr. In rund 54 Prozent aller Ein-Personen-Haushalte leben Hannoveraner, die zwischen 27 und 59 Jahre alt sind. Sie könnten durchaus Partner und Partnerinnen haben oder Mütter und Väter sein, betont Silke Mardorf aus dem Sozialdezernat. Das trifft zum Beispiel zu, wenn sie räumlich getrennt von dem jeweiligen Lebensgefährten leben oder die Kinder schon aus dem Haus sind. In einem weiteren Drittel der Einpersonenhaushalte wohnen Senioren, die 60 Jahre und älter sind. Der Anteil von Personen, die jünger als 26 Jahre sind, liegt bei 16,5 Prozent. Viele davon seien Auszubildende oder Studenten, sagt Mardorf. Die Gliederung der Ein-PersonenHaushalte nach Altersgruppen ist im Sozialbericht der Stadt von 2008 zu finden, der nur alle fünf Jahre aktualisiert wird. Im Wesentlichen habe sich an den Aussagen nichts geändert, erklärt Mardorf. Erkennbar sei jedoch, dass der Gesamtanteil der Ein-Personen-Haushalte in den vergangenen Jahren nicht mehr angestiegen ist – 2007 waren es noch 54,7 Prozent.

Wenn Sozialdezernent Walter von einer „Singularisierung und Individualisierung der Gesellschaft“ spricht, hört sich das schlimmer an, als es gemeint ist. „Das ist eine Entwicklung, die in allen Großstädten zu beobachten ist“, sagt er. Im Grunde spiegele sich darin wider, dass heutzutage immer mehr Menschen mobil sein müssten, weil Ausbildung, Studium oder Job es erforderten. Viele nehmen Fernbeziehungen zu einem Lebenspartner in Kauf. Oder Paare ziehen auch innerhalb Hannovers nicht zusammen, weil sie beruflich flexibel bleiben müssen. Für wieder andere ist das Alleinewohnen einfach eine Lebenseinstellung.

Gleichwohl sorgt sich der Sozialdezernent um all die, die alleine leben und sich einsam fühlen. Mit Nachbarschaftsinitiativen versucht die Stadt gegenzusteuern. Das Hilfsangebot gilt vor allem für Senioren und Menschen aus sozial schwächeren Stadtteilen wie Mittelfeld, Vahrenheide oder Hainholz. Aber auch in der List gibt es zwei Projekte, die das Gemeinschaftsgefühl stärken sollen. Walter weist zudem darauf hin, dass der Großteil der hannoverschen Bevölkerung eben nicht alleine lebt. In 47 Prozent aller Haushalte wohnen mehrere Personen – sei es als Paar, als Familie oder als Wohngemeinschaft. Darum sind rund 360.000 von insgesamt 510.000 Hannoveranern in der Regel nicht allein, wenn sie ihre Wohnung betreten.

Längst nicht jeder, der in einem Ein-Personen-Haushalt lebt, hat eine kleine Wohnung. „Der Anteil der Ein- bis Zwei-zimmer-Wohnungen in Hannover beträgt nur etwa zehn Prozent“, sagt Michael Heesch, Leiter des Fachbereichs Planen und Stadtentwicklung. Das passt zur Statistik: Aus dem jüngst veröffentlichten Lagebericht zur Stadtentwicklung geht hervor, dass ein Hannoveraner im Großstadtvergleich mit 41,4 Quadratmetern Wohnfläche den größten Platzbedarf hat. Mit einer durchschnittlichen Wohnungsgröße von 74,3 Quadratmetern liegt Hannover auch deutlich oberhalb der Wohnungsgröße aller Vergleichstädte, die im Schnitt 71,3 Quadratmeter beträgt. Gemessen am Bedarf gebe es in der Stadt genügend Kleinwohnungen, folgert Heesch.

Einen Mangel an Wohnungen bis zu 50 Quadratmetern können auch Wohnungsbauunternehmen wie Gundlach oder der Spar- und Bauverein nicht feststellen. Letzterer hat in seinem knapp 7800 Wohnungen umfassenden Bestand rund 1100 Apartments, die zwischen 39 und 49 Quadratmeter groß sind. „In Hannover werden keine weiteren Kleinwohnungen gebraucht“, sagt auch Reinhard Finster, Inhaber der Wohnungsverwaltung Robby Dierkes. Eberhard Hoffmann, Geschäftsführer des Studentenwerks, sieht dagegen durchaus Bedarf: „Für den Ansturm des doppelten Abiturjahrgangs reichen unsere Wohnheimplätze nicht aus.“

Mit Leidenschaft

Wer kann schon von sich sagen, dass er dort wohnt, wo früher Pferde geschlachtet wurden? Christian Ladwig lacht. Natürlich ist längst nichts mehr davon zu sehen, wie das Hinterhaus in Linden ehemals genutzt wurde. Vor 13 Jahren haben Ladwig und ein Freund den Altbau gemeinsam mit den Eigentümern und viel Liebe zum Detail zu einem Wohngebäude für drei Parteien umgebaut. Seitdem lebt der 39-Jährige dort in seinem 60 Quadratmeter großen Ein-Zimmer-Apartment – und er kann sich kaum vorstellen, wieder auszuziehen. „Unseren Pachtvertrag haben wir jedenfalls über 30 Jahre abgeschlossen.“

Auch der Freund wohnt weiterhin in dem Haus, eine Familie mit zwei Kindern ist zur Untermiete eingezogen. Es gibt einen Innenhof und einen Keller, den alle gemeinsam nutzen. „Wir verstehen uns prima, das ist wie eine WG auf mehreren Etagen“, sagt Ladwig. Trotzdem hat jeder sein eigenes kleines Reich. Genau das schätzt der gelernte Bootsbauer, der selbstständig als Tischler und in der Gastronomie gearbeitet hat und heute Geschäftsführer des auf energetische Umbauten spezialisierten Planungsbüros SolarForm ist.

Was er mache, das mache er „mit Leidenschaft“, sagt Ladwig. Er mag es nicht, sich unwiderruflich auf etwas festzulegen. „Der Freiheitsgedanke spielt da eine Rolle.“ Ladwig, der zurzeit keine feste Lebenspartnerin hat, aber bereits in mehrjährigen Beziehungen liiert war, hat ein Motto: „Die eigene Lebenswirklichkeit muss stimmen.“ Er kann sich nicht vorstellen, ein vorgegebenes Raster auszufüllen, das nach gesellschaftlichen Konventionen an ihn herangetragen würde. „Die Zeiten, wo jeder, der fast vierzig ist, eine Frau, zwei Kinder und ein Einfamilienhaus vorweisen muss, sind glücklicherweise vorbei.“

Sicher, auch in seinem Bekanntenkreis gibt es immer häufiger Einladungen zu Hochzeiten oder freudige Mitteilungen über Nachwuchs. „Die Einschläge kommen näher“, sagt Ladwig schmunzelnd. Ins Grübeln kommt er deswegen nicht: „Jeder hat seinen eigenen Lebensentwurf.“ Bei ihm nimmt der Job sehr viel Zeit in Anspruch, auch Freundschaften und eine ganze Reihe von Hobbys wie Surfen, Badminton oder Jogging füllen ihn aus. „Da ist eine Woche schnell vorbei – und ein Jahr auch.“

Auf der Suche nach einer neuen Partnerin sei er nicht, sagt Ladwig. Ausschließen, dass plötzlich die Richtige um die Ecke kommt, will er aber auch nicht: „Vorstellbar ist alles.“ Hauptsache mit Leidenschaft.

Mit Lerneifer

Sie ist sicher, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat. Seit drei Semestern studiert Katrin Schreiner Geographie, und manchmal fragt sich die 28-Jährige, warum sie nicht früher darauf gekommen ist. „Ich habe immer gemerkt, dass ich mit meinem Job nicht zufrieden war“, erinnert sich die gelernte Verlagskauffrau. Doch die Entscheidung zu kündigen und mit einem Studium noch einmal ganz neu anzufangen, musste erst reifen.

Im Nachhinein ist sie froh, dass sie sich keine größere Wohnung geleistet hat, als sie noch einen Arbeitsvertrag und ein entsprechendes Einkommen hatte. Die Ein-Zimmer-Wohnung mit 36 Quadratmetern in der List, wo sie bereits seit sechs Jahren wohnt, sei für das Budget einer Studentin ideal. „Etwas Größeres könnte ich mir momentan gar nicht leisten“, sagt die junge Frau. Unabhängig davon lebt sie gern in der kleinen Wohnung: „Der Platz reicht, und es ist so richtig schön gemütlich.“

In eine Wohngemeinschaft zu ziehen, wäre für Katrin Schreiner keine Alternative. „Ich brauche mein eigenes Bad und nicht nur ein Fach im Kühlschrank“, sagt sie. Auch ein Studentenwohnheim wäre für sie nicht das Richtige gewesen. Alleine zu wohnen macht ihr nichts aus: „Ich treffe auch so genug Leute.“ In ihren eigenen vier Wänden könne sie entscheiden, wie sie ihren Tag gestalte, ohne sich mit jemandem absprechen zu müssen.
Die Rückzugsmöglichkeiten sind ihr auch wichtig, weil sie Ruhe zum Lernen und für die Uni-Hausarbeiten braucht. Ihr Studium möchte die angehende Geographin so zügig wie möglich abschließen. Für die Zeit danach gibt es schon erste Pläne: „Ich könnte mir vorstellen, im nachhaltigen Tourismus oder in der Entwicklungshilfe zu arbeiten.“

Genießen will Katrin Schreiner das Studentenleben natürlich auch. Mit Kommilitonen und Kommilitoninnen auszugehen und zu feiern gehört dazu. Einen netten jungen Mann, mit dem sie sich eine neue Beziehung vorstellen könnte, hat sie dabei bisher nicht kennengelernt. Ihre schnuckelige kleine Wohnung würde sie aber auch im Fall der Fälle nicht so ohne Weiteres aufgeben: „Man muss doch nicht immer gleich zusammenziehen“, findet sie.

Mit Lebensmut

Eigentlich ist die Woche viel zu kurz für das, was Ruth Nülle alles vorhat. Da gibt es den Chor und den Computerkursus, das Kartenspielen und das Kegeln, das Gedächtnistraining in geselliger Runde und die Gesprächsgruppe, in der über aktuelle Themen debattiert wird. „Ich bin immer auf Achse“, sagt die 74-Jährige. Für sie wäre es unvorstellbar, den Tag nur damit zu verbringen, auf dem Sofa zu sitzen, Zeitung zu lesen und Fernsehen zu schauen.

„Ich habe eine sehr schöne Wohnung, aber ich muss auch unter die Leute kommen“, sagt die Rentnerin, die in Anderten in einer 80 Quadratmeter großen Eigentumswohnung mit Balkon wohnt. Als sie dort vor neun Jahren einzog, sei alles genau nach ihren Bedürfnissen eingerichtet worden. „Ich habe aber eine Zeit lang gebraucht, um mich zu Hause zu fühlen“, erinnert sie sich. Mehr als vier Jahrzehnte hatte die ehemalige Geschäftsführerin einer Verpackungsmittelfirma im geräumigen Eigenheim in Vinnhorst gelebt, das sie und ihr Mann 1957 gemeinsam hatten erbauen lassen. Doch nach dem Tod des Partners vor 14 Jahren wurde ihr das Haus schließlich zu groß.

Nach dem Verlust habe sie gezielt neue Kontakte gesucht und alte Freundschaften wieder intensiv gepflegt, sagt Ruth Nülle. „Ich habe immer versucht, nicht alleine zu sein.“ Auch eine schwere Krankheit mit langen Klinikaufenthalten hat sie gemeistert. „Jammern bringt nichts“, lautet ihre Lebenseinstellung. Rückhalt findet sie in ihrem Freundeskreis und bei ihren 51 und 43 Jahre alten Söhnen, auch zu deren Partnerinnen hat sie ein inniges Verhältnis. „Beide sind nicht verheiratet und haben keine Kinder, aber das muss ja nicht sein“, findet die Seniorin. „Uroma“ sei sie trotzdem geworden: Die Tochter der Lebensgefährtin des Ältesten hat Nachwuchs bekommen.

Trotz aller Aktivität, sagt Ruth Nülle, sei das Alleinleben nicht immer einfach. „Vor allem an den Wochenenden.“ Nach einem neuen Partner halte sie aber nicht Ausschau. „Da muss es erst mal jemanden geben, der besser ist als der vorherige“, erklärt die temperamentvolle Rentnerin. Und das kann sie sich einfach nicht vorstellen.

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