Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Hannover sucht die neue Lena
Hannover Aus der Stadt Hannover sucht die neue Lena
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:32 28.11.2011
Von Bärbel Hilbig
Studiert Gesang und tritt mit einem selbst komponierten Lied an: Stefanie Stiegelmaier alias June Cocó aus Leipzig. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Pedro Prüser beginnt mit der Selbstinszenierung schon vor dem NDR-Funkhaus. Kaum vom Fahrrad gestiegen, filmt er sich selbst und kommentiert seine ersten Schritte zum möglichen Ruhm, auf dem Kopf trägt er einen Strahlenkranz wie die Freiheitsstatue mit der Aufschrift „Hannover“. Der 40-Jährige hat sich am Sonnabend als Kandidat für den Eurovision Song Contest (ESC) 2012 vorgestellt – und mit ihm allein in Hannover um die 100 weitere, meist jüngere Bewerber. Sie alle wollen die Erfolgsgeschichte der Hannoveranerin Lena
Meyer-Landrut fortschreiben.

„Ich möchte ein Lächeln auf die Gesichter zaubern“, sagt Pedro Prüser. Und dass es doch schön wäre, wenn nach zwei Auftritten von Lena noch einmal jemand aus Hannover für Deutschland zum ESC fährt. „Gesanglich muss ich noch sehr an mir arbeiten“, behauptet er mit gespieltem Ernst. Prüser ist hauptberuflich Comedian und auf gutem Wege, zum stadtbekannten Original zu werden. In der Öffentlichkeit gelingt es ihm meist, leicht irre zu wirken. Wenn die Jury also noch einmal einen wie Guildo Horn suchen würde, wie 1998 beim Grand Prix, wie der ESC früher griffig hieß: Prüser steht bereit.

Doch was ist wirklich gefragt? Wie präsentiere ich mich am besten in den wenigen Minuten, die vor der Kamera zur Verfügung stehen? Darüber rätseln alle, die beim regionalen Casting für „Unser Star für Baku“ in Hannover mitmachen. Per Internet hatten sich mehr als 200 Kandidaten angemeldet, um es unter die 20 Sänger in die Fernsehsendung zu schaffen, in der dann der deutsche Kandidat für den Song Contest ermittelt wird. Etliche sind dann doch nicht erschienen, dafür haben sich andere spontan entschlossen vorbeizuschauen. Eine Jury ist in Hannover nicht vor Ort, das sickert langsam bei den Wartenden durch. Die Auftritte werden aufgezeichnet. „Jurypräsident Thomas D schaut sich alles an“, verspricht Aufnahmeleiter Mischko Skavron von Stefan Raabs Firma Brainpool.

Plötzlich ist Kandidatin Leila Halim wieder aus dem Sendesaal zurück in der Eingangshalle. „Oh, es war schrecklich. Meine Stimme hat gezittert“, jammert die 28-Jährige. Sofort ist sie von Pedro und einigen anderen umringt, die sich begierig schildern lassen, was sie beim Casting erwartet. Leila berichtet, dass schon der Weg bis zur Bühne sie völlig aus dem Takt brachte. Es gab einen Zwischenstopp, wo sie mit Ansteckmikro ausgerüstet wurde, dann einen verwinkelten Gang bis zu den Kameras. Dort sollte sie sich auf einen weißen Stern stellen. „In die linke Kamera musste ich erzählen, wer ich bin und was ich mache, möglichst interessante Sachen.“ Eine Strophe und einen Refrain durfte sie dann in die rechte Kamera singen. Leila hat Ägyptologie studiert, außerdem forensische Anthropologie. Jetzt nimmt sie Schauspielunterricht in Berlin. Doch das Casting hat sie überfordert.

„Ich war nervös, weil ich so etwas noch nie gemacht habe und nicht oft vor anderen singe.“ Die anderen finden tröstende Worte. Pedro schenkt ihr seine Visitenkarte: „Wenn du in Baku bist ...“, sagt er. Leila lächelt und antwortet kess: „ ...dann grüße ich dich.“ Doch dann hat sie noch eine erschütternde Nachricht für alle parat. Es gibt keine Zwischenrunden beim Casting. Die 20 Sänger, die im Fernsehen gegeneinander antreten, werden direkt aus den Castings ausgewählt. „Vielleicht wird kein einziger hier aus Hannover genommen.“

Doch daran wollen die Kandidaten noch nicht denken, sie sind hier, um es in die Fernsehsendung zu schaffen. Wie Jennifer. Lebendig, frisch und ein wenig wie Lena in Blond wirkt Jennifer „Jenny“ Schöler aus Hameln. Mit übergroßem Jackett, Halstuch im Camouflage-Look, Glitzerleggings und Budapestern scheint sie direkt einem Modeblog entsprungen. Ein Philosophiestudium, wie Lena es jetzt beginnt, hat Jenny allerdings schon hinter sich, nebst Kulturwissenschaften und Germanistik. Auch musikalisch ist die 27-Jährige keine Anfängerin mehr. Vor Jahren war sie mit ihrer damaligen Band Kess auf Deutschlandtour, als Vorgruppe traten sie für Natural und O-Town im Capitol auf. Inzwischen setzt Jenny meist auf ihre eigenen Stücke im Singer-Songwriter-Stil. Fürs Casting hat sie sich dann aber doch für „Just tonight“ von The Pretty Reckless entschieden. „Ich habe lange überlegt, ob ich mitmache. Wenn ich einen schlechten Tag erwische, bin ich vielleicht die Lachnummer für die nächsten zwei Monate.“ Doch Jenny hofft auf den Durchbruch zum Profimusiker –  wie so viele der Bewerber. Dabei könnte der Song Contest helfen.

Kleine Hüte à la Roger Cicero liegen als Song-Contest-Outfit an diesem Tag in Hannover im Trend. Der Hamburger Swingstar mit Band aus Hannover trat 2007 für Deutschland an. Das wirkt nach, zumindest unter den Kandidaten in der Leinestadt. Jennifer trägt das Hutmodell in schwarzem Filz. Sebastian Zuch hat sich für Ocker und Stroh entschieden. Der 20-Jährige hat für das Casting eigens seinen Urlaub mit einer Freundin und Hamster Betty unterbrochen. „Ich bin durch und durch Lena-Fan“, bekennt der Hotelfachmann. Doch musikalisch liebt Sebastian Soul und will mit „Eisberg“ von Andreas Bourani punkten. „Weil das gut zu meiner Stimme passt“, urteilt er selbst. Doch es gibt auch noch ganz andere Typen jenseits von Cicero und Lena. June Cocó sieht aus, wie man sich eine russische Aristokratin zu Beginn der vorletzten Jahrhundertwende vorstellt. Die Hochsteckfrisur mit den feuerroten Locken, die grünen Augen, und dann trägt sie dazu auch noch ein hochgeschlossenes Kleid mit dezenter Folklorestickerei. Die 26-Jährige weiß um ihre Wirkung. „Ich werde sogar auf Mallorca auf Russisch angesprochen.“ Dabei bewundert sie selbst französische Lebensart und Chansons. Wurzeln im Osten hat Stefanie Stiegelmaier aus Nürnberg, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, auch noch nicht entdeckt.

Morgens um 6 Uhr hatte June/Stefanie sich in Leipzig ins Auto gesetzt, wo sie Gesang studiert und als Barpianistin auftritt. Beinahe wäre sie auf dem Weg in ein anderes Auto gerauscht. Jetzt kurz vor dem Casting steigt die Nervosität. „Aber ich bin so oder so Musikerin. Der Wettbewerb ist für mich nur interessant, wenn sie hier Leute suchen, die selbst Lieder schreiben.“ June will deshalb unbedingt einen eigenen Popsong vorstellen.

Erfahrung kann Helmut Orosz aus Wolfenbüttel vorweisen. Der 32-Jährige trat 2010 bei Dieter BohlensDeutschland sucht den Superstar“ an – und flog raus, weil er unter Kokaineinfluss in der Sendung auftrat. „Ich war selbst schuld“, sagt er. Jetzt hat Orosz eine Therapie hinter sich – und hofft auf eine Chance beim ESC.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Stefan Raab hat Grand-Prix-Gewinnerin Lena Meyer-Landrut gefunden – jetzt ist Thomas D. an der Reihe. Der Musiker der Fantastischen Vier sucht als Jury-Präsident für ProSieben und die ARD im Vorentscheid den deutschen Teilnehmer des European Song Contest in Aserbaidschan, wie ProSiebenSat.1 und der NDR am Freitag mitteilten.

25.11.2011

Im Frühjahr 2012 heißt es „Unser Star für Baku“: Die ARD und PRO7 werden zum dritten Mal gemeinsam nach dem deutschen Beitrag für den Eurovision Song Contest suchen. Da Stefan Raab vor Kurzem seinen Ausstieg erklärt hat, wird der Musiker Thomas D von der Hip-Hop-Gruppe Die Fantastischen Vier als Jury-Präsident agieren, wie die beiden Sender mitteilten.

17.06.2011

Lena war wohl auch für Stefan Raab der Höhepunkt in Sachen Eurovision Song Contest: Der TV-Entertainer will nicht mehr für den ESC tätig sein. Weder als Moderator, noch als Jurymitglied oder Produzent.

19.05.2011

Auf ihrer Durchreise haben Fußballfans am Wochenende im Hauptbahnhof vier Bundespolizisten verletzt. Die rund 50 Anhänger des Fußball-Drittligisten SV Babelsberg 03 hatten am Sonnabend ein Spiel in Bielefeld besucht.

28.11.2011

Im Rathaus hat es keine Vorbereitungen für den Tag Eins nach dem SPD-internen Wahlsieg Weils gegeben. Weder sollen ab Montag Aufgaben neu verteilt werden, noch ändern sich ad hoc Arbeitsabläufe.

28.11.2011

Auf offener Straße hat am Sonntag ein Unbekannter eine 20-jährige Anwohnerin erstochen. Die Tat ereignete sich gegen 19 Uhr in der Innenstadt in der düsteren Kohlrauschstraße zwischen Celler Straße und Hamburger Allee. Die junge Frau starb kurz darauf im Krankenhaus.

28.11.2011