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Aus der Stadt Wann wird´s mal wieder richtig Winter?
Hannover Aus der Stadt Wann wird´s mal wieder richtig Winter?
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00:17 07.01.2018
Kein Schnee in Linden: Emilia und Edina mit Schlitten auf der grünen Wiese. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Es steht zwischen „Betreten des Grundstücks verboten“ und „Warnung vor dem Hunde“: Das gelbe Schild „Vorsicht Dachlawinen“ ist in der Schilderabteilung des Lindener OBI-Markts trotz dramatischer Attitüde ein treuer Bewohner. Vermutlich kennt kein Schild den Baumarkt besser. Immerhin ist es da. Für den Fall eines Falles, den Fall eines hannoverschen Winters, der nicht nur so heißt, sondern auch so aussieht und sich so anfühlt. Der nicht 12 Grad, Dauerregen, resignierte Zugvögel und als einziges Wetterphänomen von überregionaler Bedeutung einen schwachen Ausläufer von Sturm Burglind bringt, sondern Kälte, Schnee und Eis und durch Schilder gebannte Dachlawinengefahr. Ein Winter, wie er früher einmal war. 

Streuspiltt wird nicht schlecht

Haben wir aber nicht. Was wir haben, sind alte Fotos vom zugefrorenen Maschsee, unbenutzte Fellschuhe, Rodelschlitten im Standby-Modus – und Hoffnung. „Man darf sich von diesem Wetter nicht täuschen lassen“, sagt Uwe Pagels vom Reinigungsunternehmen Pook in Kleefeld. 60 Fahrzeuge könnten zum Winterdiensteinsatz ausrücken, aber „es gibt auch so genug zu tun“, sagt er. Der Streusplitt gegen glatte Straßen harre geduldig seines Einsatzes, aber er werde auch nicht schlecht, so lange er trocken lagert. Und da Pagels immer mit einem Auge auf den Wetterbericht blickt und ein Hochdruckgebiet über Skandinavien ausgemacht hat, rechnet er schon in der nächsten Woche mit kalter Luft. Wie kalt, kann er auch noch nicht sagen, aber wenn man ihn persönlich fragt, „könnte ruhig mal Winter werden“.

Wann wird´s mal wieder richtig Winter? Schneeschieber stauben im Baumarkt, keiner will Ski ausleihen und der Schlitten bleibt auf grünem Rasen stehen.

Das sieht Renate Dietrich von Wolle Rödel in der Niki-Promenade auch so. Zwar gelte grundsätzlich: „Gestrickt wird immer“, und vor Weihnachten laufe das Geschäft sowieso gut. Aber es gibt genug Menschen, die für den direkten Gebrauch an die Wolle gehen. Und „da macht sich das Wetter ganz klar bemerkbar“. Wollig-mollige Mützen und Handschuhe sind gerade nicht zwingend erforderlich. Der Bedarf an warmen Halstüchern: schal. 

Ski fährt man halt woanders

Ski gefahren wird auch immer. Allerdings immer woanders als in Hannover, und deshalb macht sich Dirk Iserlohe bei Sport Kaufmann am Weidendamm auch keinen großen Kopf ums Wintergeschäft. Die Alpinfreunde kaufen – oder leihen – sowieso für den Skiurlaub und fahren oder fliegen dann in den Schnee. Beim Langlauf mache sich wegen der Harznähe ein allzu weiches Wetter schon bemerkbar, aber da es dort vor Weihnachten kräftig geschneit habe, sei der Verkauf so gut wie seit sieben Jahren nicht gewesen. Nur die Schlitten stehen etwas trostlos im Gang herum und warten auf Abnehmer. Eigentlich sind es wohl die Kinder, die um einen richtigen Winter betrogen wurden. 

Schneeschaufel neben Grill

Dabei gibt es ja sogar Rodelgelegenheiten in der Stadt. Am Kronsberg. Oder in der Eilenriede. Oder gegenüber des Ihme-Zentrums, unweit der Benno-Ohnesorg-Brücke. Berg wäre übertrieben, aber dort geht es auf dem Schlitten schon so bergab, dass es auch kleinen Kindern Spaß macht. Theoretisch. Praktisch schauen die 10-jährige Emilia Wolff und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Edina etwas traurig den Hügel hinunter. Sie nutzen eine alte Technik, um die Schneegötter (es gab übrigens gar nicht so viele) milde zu stimmen: Beschwörung. Als Zeichen der Hoffnung und des unbedingten Willens haben die beiden den Schlitten auf ihren derzeit grünen Hügel mitgenommen. Auf dass der hannoversche Winter mal eine Schippe drauf lege. Mehr kann man wirklich nicht verlangen. 

Apropos: Wo sind sie eigentlich die Schneeschaufeln und Schneeschieber? Stehen herum. In Kellern, Garagen und wie Armeen vor den Baumärkten. „Wir sind bereit“, scheinen die Ungekauften zu rufen, als ob sie in ihren Räumeinheiten von 13 bis 25 Euro auf den Marschbefehl warten. Wie gemacht für den hannoverschen Winter scheint das Anfängerset zu sein. Schieber und Besen für zusammen 9,99 Euro. 

Bei Hornbach sagt der freundliche, aber wortkarge Mitarbeiter auf die Frage nach Schneeräumhausgeräten: „Im Garten.“ Was hausintern für „Gartenabteilung“ steht, wo der Schneeschieber sich schon mit den Vorboten konkurrierender Jahreszeiten auseinanderzusetzen hat wie dem halbautomatischen Poolsauger S4 Vac. Oder der PVC-Solardusche einer Firma, deren Name „Pool Planet“ die klimatische Entwicklung der Erde vielleicht am vorausschauendsten beschreibt. Vorne am Eingang stiehlt den Kaminöfen ein wuchtiger Gartengrill die Schau. So sieht es aus im Winter 2018. 

Alternative: Schlittschuhlaufen 

Was also tun? Schlittschuhlaufen im Eisstadion am Pferdeturm ist vergleichsweise günstig, hat gerade ein Internetportal herausgefunden. Immerhin. Aber vielleicht klammert man sich an die Worte von Reinigungs- und Winterdienstfachmann Uwe Pagels. „Es kann innerhalb von Tagen richtig losgehen. Wie 2010/11. Da hatten wir einen Hammerwinter.“

Vielleicht hilft auch ein Blick in die Statistik: Der Maschsee war 2003, 2006, 2009 und 2012 zugefroren und freigegeben. Weil 2015 ausgefallen ist, müsste statistisch das Eis 2018 doppelt so dick sein. Dann findet vielleicht sogar das Schild „Vorsicht Dachlawinen“ Verwendung. Sonst zur Not als Frühstücksbrett. 

Von Uwe Janssen

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