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Hannover zwischen Enttäuschung und Euphorie

Vor dem Obama-Besuch Hannover zwischen Enttäuschung und Euphorie

Vor dem Obama-Besuch in Hannover trifft Euphorie auf Flatterband. Viele Bürger freuen sich und haben Verständnis für die Sicherheitsvorkehrungen. Andere protestieren gegen das Freihandelsabkommen TTIP – und manche ärgern sich, dass sie den US-Präsidenten wohl gar nicht zu Gesicht bekommen werden.

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Christian, Harish und ihre Mitschüler an der Internationalen Schule: „Wir haben Obama eingeladen und wollten ihm Donuts anbieten. Aber er kommt wohl nicht.“

Quelle: Franson

Hannover. Ausweis bitte. Die Aufforderung kommt nicht überraschend. Nicht hier, ein paar Hundert Meter von jenem Haus entfernt, in dem die wohl am stärksten gefährdete Person der Welt die Nacht verbringen wird. Nur wer die Bitte formuliert ist dann doch etwas überraschend. Kein Herr vom Secret Service, sondern eine Anwohnerin, die gerade ein Paket zur Post gebracht hat. „Man kann in diesen Zeiten niemandem trauen“, sagt sie noch. Ein Fremder, der eine Frage stellt? Für sie sehr verdächtig.

Nicht auf jeden, so viel kann man sagen, wirkt die Anwesenheit von ein paar Hundert Polizisten im Viertel beruhigend.

Die Polizei richtet am Congress Centrum die Sicherheitszone ein. US-Präsident Barack Obama wird dort die Hannover Messe mit Angela Merkel eröffnen. Aus Sicherheitsgründen gilt für das Zooviertel eine Sperrzone.

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Es ist Freitagmittag in Isernhagen-Süd. Noch ist es mehr als 48 Stunden hin, bis der amerikanische Präsident hier eintreffen wird. Genau genommen ist noch nicht mal bestätigt, dass Barack Obama hier schlafen wird, im Seefugium, einem Gasthaus an einem Weiher. Die Zeichen jedoch sind eindeutig.

Seit dem Morgen sind Teile Isernhagens zu einem der vier Sicherheitsbereiche erklärt worden, die während Barack Obamas Besuch zur Hannover Messe gelten. Schon seit Tagen sind die Gullys hier mit weißen Siegeln verklebt, wie 2000 weitere in der Stadt. Seit dem Morgen sind Postkästen und Mülleimer abgebaut, am Straßenrand stehen Halteverbotsschilder. An den Wegen Richtung Seefugium stehen Dutzende Polizeitransporter, Absperrbänder säumen die Felder, berittene Polizei patrouilliert im Raps. Neugierigen stellt sich ein Beamter entgegen. „Schauen erlaubt, Weitergehen nicht“, sagt er. Den Ausweis immerhin will er nicht sehen.

Eineinhalb Tage wird Obama in Hannover bleiben, bis Montagnachmittag. Er wird die Hannover Messe eröffnen. Aber wo er schon mal da ist, hat Kanzlerin Angela Merkel gleich noch den französischen Präsidenten und die Regierungschefs aus Großbritannien und Italien dazugebeten. Es ist eine Begegnung der Großen, aber aus Sicht vieler Hannoveraner ist es zugleich ein eigenartiges Treffen. Wenn alles so läuft, wie die Planer es wollen, dann wird Barack Obama das Leben in ihrer Stadt zwar einen Tag lang durcheinanderbringen, aber sie werden ihn nicht ein einziges Mal selbst zu Gesicht bekommen. Der Präsident bleibt für sie ein Phantom.

Und so geht es vor allem um die Sicherheit. Was ist nötig? Was nicht? Und was bleibt eigentlich von so einem Besuch, wenn die Menschen an der Straße zum Hannover Congress Centrum nicht mal am Fenster stehen und winken dürfen, wenn der Präsident vorbeifährt?

Der Mann, der dieser Tage wohl einen der schwierigsten Jobs der Stadt hat, heißt Thomas Rochell. Der 61-Jährige ist Polizeivizepräsident, er leitet den Einsatz beim Obama-Besuch. Die Sicherheit beim Besuch des amerikanischen Präsidenten in seiner Stadt zu garantieren: seine Aufgabe. Im HAZ-Interview diese Woche wurde er gefragt, ob der Sicherheitsaufwand beim Papst ähnlich hoch wäre. „Bei allem Respekt“, sagte er. „Der käme da nicht ran.“

Natürlich sind die Amerikaner längst in der Stadt und überlassen nichts dem Zufall. Vor ein paar Wochen haben sich Mitarbeiter von Secret Service und Botschaft zum Beispiel mal das Nordstadtkrankenhaus angesehen. Geräte modern, Ärzte qualifiziert, können wir den Präsidenten hier zur Erstversorgung hinschicken? Offenbar waren sie zufrieden. Jedenfalls kamen sie in der vergangenen Woche wieder. Da brachten sie auch schon mal die Präsidentenkarosse nach Hannover, einen 1000-PS-Cadillac namens „The Beast“, und einen Hubschrauber.

Vor Obama-Besuch: Vor der Sicherheitszone am Zooviertel werden Autofahrer von der Polizei kontrolliert. 

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Seit Tagen bohren die Medien nach Details zum Obama-Besuch. Manches war herauszukriegen, anderes nicht. Das mit dem Seefugium sickerte vor ein paar Wochen durch. Auch weiß man, dass Obama beim Messerundgang von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, Bundesbildungsministerin Johanna Wanka, EU-Kommissar Günther Oettinger, Ministerpräsident Stephan Weil und Oberbürgermeister Stefan Schostok begleitet wird. Was man noch nicht weiß, ist, was der US-Präsident in Herrenhausen zu essen bekommt. Und ob Michelle mitkommt. Da schweigen die Beteiligten, beide Seiten behandeln diese Fragen wie Staatsgeheimnisse.

In der Stadt ist derweil kaum etwas zu bemerken. Was man sieht, sind allenfalls die Plakate der TTIP-Gegner, die am Sonnabend in der Stadt demonstrierten. Auf ihnen prangt ein ausgestreckter Mittelfinger. Zwar hält sich der Ärger über Sperrungen bei vielen Hannoveranern in Grenzen. Doch zugleich ist Enttäuschung zu spüren. Der 34-jährige Marcel Beier zum Beispiel würde sich durchaus an die Straße stellen, um Obama zu sehen. Für die Sicherheitsvorkehrungen hat er Verständnis – und hadert zugleich mit ihnen: „Das ist hier schließlich nicht der Truppenbesuch in Kabul.“

Zehntausende demonstrieren vor dem Besuch von US-Präsident Barack Obama in der Innenstadt von Hannover gegen das geplante Freihandelsabkommen TTIP.

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Beier spielt American Football, „und wenn ich nicht so einen Anti-Auswanderer-Job hätte“ – Beier ist Rechnungsprüfer bei der Landeskirche – „dann wäre ich auch schon mal für eine Zeit nach drüben gegangen“. Für Beier ist Obama noch immer ein Mann des Wandels. Und dass der nun fast in Sichtweite von seinem Balkon durch die Herrenhäuser Gärten spaziert und er ihm dennoch so fern bleibt, das ist für ihn wie eine große verpasste Gelegenheit.

Man kann jedoch auch große Euphorie spüren, jedenfalls bei Hans Nolte, dem Marketingchef der Stadt. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Bild, das Merkel und Obama beim G-7-Gipfel 2015 vor bayerischer Bergkulisse zeigt. „Wenn wir so ein Bild aus den Herrenhäuser Gärten kriegen, haben wir gewonnen.“ Leider soll das Wetter schlecht werden. Das kann der Sache ernsthaft schaden.

Für den Mann, der Gäste nach Hannover locken soll, ist der Obama-Besuch trotzdem wie ein Lottogewinn. Tausende zusätzliche Gäste in der Stadt, mehr Firmen auf der Messe, die Hoffnung auf amerikanische Touristen – für ihn ist der Besuch ein „kleines Konjunkturprogramm für ganz Norddeutschland“. Der Hader mancher Hannoveraner mit Winkverbot und Sicherheitszone kommt ihm da kleinmütig vor, „wir haben eine Nation zu Gast“. Sein Traum ist ein Bild von Obama vor dem Rathaus, das wäre das Ideal. Er weiß nur nicht, wie er Obama dazu überreden sollte, er wird ihm ja nicht begegnen. Und zumindest das hat er dann mit fast allen anderen Hannoveranern gemeinsam.

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