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Aus der Stadt Einmal Afrika, immer Afrika
Hannover Aus der Stadt Einmal Afrika, immer Afrika
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00:15 26.02.2014
Von Juliane Kaune
Geschichte über Uni-Emeritus Pädagogikprofessor Wulf Schmidt-Wulffen. Er besitzt die weltweit größte Sammlung des Kinderbuches "Zehn kleine Negerlein" (Foto: Insa Cathérine Hagemann) Quelle: Insa Cathérine Hagemann
Hannover

Wie es anfing, weiß er nicht mehr. Irgendwann und irgendwo auf einem Flohmarkt muss er ein Exemplar entdeckt haben. Es folgte ein Zufallsfund auf dem Grabbeltisch, später kam mal die Ausbeute einer Dachbodenentrümpelung dazu, mal das Geschenk eines Freundes. Vor mehr als drei Jahrzehnten hat Wulf Schmidt-Wulffen begonnen, Kinderbücher zu sammeln. Genauer gesagt: Er hat angefangen, ein Kinderbuch zu sammeln - und zwar in den verschiedensten Varianten. Rund 180 Ausgaben sind es inzwischen geworden, gedruckt in 14 Ländern. Heute besitzt der emeritierte Professor der Leibniz-Uni die deutschland- und wohl auch weltweit größte Sammlung des stets in illustrierter Form erschienenen berühmten Liedreims über die „Zehn kleinen Negerlein“.

Liebevoll aufgereiht auf einem gläsernen Wandregal stehen sie da, die bibliophilen Schätze des 72-Jährigen. „Zehn kleine Negerlein“ aus allen Teilen der Welt. Bücher aus den USA sind dabei, aus England, Frankreich, Holland, Dänemark, Schweden, Österreich oder der Schweiz. Das älteste Werk in Schmidt-Wulffens Besitz stammt aus dem Jahr 1875. Sogar aus Australien, Island und Palästina hat er Ausgaben ergattern können. Nach seinen Recherchen haben selbst Länder wie China und Russland die Verse um die zehn Negerlein, von denen nach und nach eines durch unglückliche Umstände verschwindet, in der jeweiligen Landessprache gedruckt.

„Die Geschichte des Buches ist ein vielschichtiges Phänomen“, sagt der emeritierte Pädagogikprofessor, den keineswegs nur die Sammelleidenschaft antreibt. Es geht ihm vor allem darum, die rassistischen Inhalte und die kulturhistorische Bedeutung des Buches zu analysieren, das 1868 erstmals in den Vereinigten Staaten von Amerika erschien und 1885 sein Debüt in deutscher Sprache hatte.

Einer seiner Schwerpunkte war afrikanische Jugendforschung

Schmidt-Wulffen, der an der hannoverschen Uni einen Lehrstuhl für Didaktik der Sozialwissenschaften bekleidete, ist ein Afrika-Experte. Etwa 100-mal ist er bisher zu Forschungszwecken oder privat auf den Kontinent gereist. „Einmal Afrika, immer Afrika“, sagt der Emeritus, den es vor allem nach Ghana zieht. Einer seiner Schwerpunkte an der Uni war afrikanische Jugendforschung, den Themen Rassismus und Bildung widmete er sich ebenso intensiv. Von jeder seiner Reisen brachte er etwas mit. Alltagsgegenstände, Kunst oder Spielzeug, das junge Ghanaer aus Metallschrott angefertigt hatten. Sein Arbeitszimmer zu Hause in Kleefeld ist angefüllt mit diesen Dingen.

Auch die Sammlung der „Zehn kleinen Negerlein“ wuchs stetig. Vor allem im Ruhestand investierte Schmidt-Wulffen viel Zeit und Geld, um sie systematisch zu vervollständigen. Mithilfe von Internetbörsen, aber auch jenseits der virtuellen Welt bei weit entfernten Sammlertreffs oder in den Nationalbibliotheken von Den Haag, London und New York. Als Emeritus fand er zudem die Zeit, das bisher wohl einzige wissenschaftliche Werk zu den „Negerlein“ zu verfassen, das vor vier Jahren erschienen ist.

Darin analysiert er, wie das Kinderbuch einst in den USA dazu missbraucht wurde, nach der offiziellen Aufhebung der Sklaverei im Jahr 1865 eben jene aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen. Es wurde mithilfe der Kinderreime eine Ideologie geschürt, die behauptete, die „Neger“ seien zur Freiheit weder fähig noch wünschten sie diese. „Alle Kinder sollten anhand des Buches lernen, wie dumm die Negerlein sind - so dumm, dass sie sich nach und nach selber abschaffen“, erklärt Schmidt-Wulffen. Bis den schwarzen US-Bürgern endlich faktisch die gleichen Rechte zugestanden wurden, verging immerhin noch ein weiteres Jahrhundert.

Der reich bebilderte Band mit dem Titel „Aus Kamerun“ von 1885 gehört zu den wertvollsten in Schmidt-Wulffens Sammlung. Auf dem Buchdeckel ist eine Giraffe zu sehen, schwarze Kinder turnen mit kleinen Affen über den Schriftzug. Es ist die erste deutsche Ausgabe der „Zehn kleinen Negerlein“. Das Erscheinungsjahr fiel exakt mit der Berliner Kongo-Konferenz zusammen, die die Aufteilung Afrikas unter den Kolonialmächten besiegelte. Dennoch sei das Kinderbuch in Deutschland nicht gezielt zur Unterstützung des Kolonialismus eingesetzt worden, sagt Schmidt-Wulffen. Nach seinen Erkenntnissen wurde es vielmehr dazu benutzt, das Schicksal der „Negerlein“ als abschreckendes Beispiel für ungehorsame Kinder darzustellen. Darin spiegele sich ein ähnlich autoritärer Erziehungsstil wider wie bei dem erstmals 1845 erschienen Bilderbuch vom „Struwwelpeter“, sagt der Pädagogikprofessor. Nach dem Motto: Tust du nicht, was deine Eltern von dir verlangen, wird das böse enden.

Laut Schmidt-Wulffen wurden die „Zehn kleinen Negerlein“ zum weitestverbreiteten jemals gedruckten deutschen Kinderbuch. Er hat ermittelt, dass allein 157 der weltweit 474 Editionen aus 17 Ländern in Deutschland hergestellt wurden, an zweiter Stelle rangiert Großbritannien (124 Ausgaben), gefolgt von den USA (73), den Niederlanden (68) und Österreich (17). Erst 2001 wurde die deutsche Produktion des Bilderbuchs endgültig eingestellt - vor allem, weil verschiedene Migrantenverbände immer häufiger Anstoß an dem Begriff der „Negerlein“ nahmen.

Aber kann es sich wirklich nur um puren Rassismus handeln in einem Buch, das Generationen von Kindern auf allen Kontinenten begeistert gelesen haben? Schmidt-Wulffen atmet tief durch. „Natürlich“, sagt er, „hat das Buch eindeutig rassistische Wurzeln.“ Aber nichts läge ihm ferner, als all jenen, die es gern gelesen oder ihren Kindern und Enkeln daraus vorgelesen haben, eine solche Gesinnung zu unterstellen. „Es kommt immer darauf an, wie man die Inhalte pädagogisch vermittelt“, betont der Professor. Gerade in der heutigen multikulturellen Gesellschaft werde das umso wichtiger.

Erziehungswissenschaft versäumt fundierte Debatte

Unterm Strich, kritisiert er, habe es die Erziehungswissenschaft hierzulande allerdings versäumt, die Debatte fundiert zu führen. Anders sei nicht zu erklären, dass noch bis vor wenigen Jahren in Liederbüchern, die auch für Schulen geeignet seien, das „Negerlein“-Lied kommentarlos mit Melodie und Text abgedruckt wurde. Mit einem Berliner Grundschullehrern empfohlenen Spiel für den Sportunterricht, das nach dem Muster der Dezimierung der „Negerlein“ vorgeht, war immerhin 1994 Schluss.

Für Schmidt-Wulffen ist noch lange nicht Schluss. Er will seine Sammlung weiter vergrößern. Auch Reisen nach Ghana sind wieder eingeplant, vorzugsweise geht es mit dem Elektrofahrrad durch das westafrikanische Land. Gerne würde er seine wertvollen Bücher auch einmal einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. „Vielleicht“, sagt er, „hat ja das Wilhelm-Busch-Museum Interesse.“

Wer sich für die „Negerlein“ interessiert, kann Kontakt aufnehmen unter schmidt-wulffen@arcor.de.

Viele Debatten auch in Hannover

Nach den Recherchen von Wulf Schmidt-Wulffen war Favorit-Buch in Rastatt (Baden-Württemberg) der letzte deutsche Verlag, der die „Zehn kleinen Negerlein“ als Kinderbuch herausbrachte. 2001 wurde dort die letzte Auflage produziert. Seinerzeit geriet der Begriff der „Negerlein“ zunehmend in den Ruf, politisch nicht korrekt zu sein. Immer mehr Interessenvertreter von hier lebenden Ausländern kritisierten den Titel des Buches als diskriminierend und rassistisch.

Auch in Hannover gab es eine solche Debatte, allerdings drehte diese sich um das Theaterstück „Zehn kleine Negerlein“ von Agatha Christie. Es hat mit dem Kinderbuch eigentlich nichts zu tun. Den Titel ihres 1939 erschienenen Werkes wählte die Autorin, weil in dem Krimi nach und nach Menschen ermordet werden. Dieses sind jedoch keine dunkelhäutigen Personen, sondern zehn sehr bleichgesichtige Mitglieder einer illustren Gesellschaft auf einem englischen Landschloss.

Als die hannoversche Landesbühne das Stück im Jahr 2000 aufführte, gab es vor der Premiere heftigen Protest vom hiesigen Ausländerbeirat. Ein Afrikaner überlegte sogar, gerichtlich dagegen vorzugehen. Aber auch Hannoveraner ohne Migrationshintergrund schlossen sich der Kritik an. Das Spiel wiederholte sich, als die „Negerlein“ im Theater am Aegi aufgeführt wurden. 

Nun schritt die Antidiskriminierungsstelle der Stadt Hannover ein – mit bundesweit nachhaltigem Ergebnis: Die Behörde erwirkte, dass der deutsche Titel des Krimis und Bühnenklassikers Anfang 2002 in „Und dann gab es keines mehr“ geändert wurde. Pikanterweise gab es 2011 dennoch eine Neuauflage der „Negerlein“, als der Döhrener Verein „Theater am Lindenhofe“ das Stück aufführte. Die Wogen glätteten sich dieses Mal schneller. Und die Antidiskriminierungsstelle gab zu Protokoll, dass die Döhrener nicht die Einzigen seien, die den früheren Titel weiterhin verwendeten – obwohl dies nach der Änderung 2002 nicht mehr zulässig sei.

Eine weitere „Negerlein“-Debatte entspann sich im vergangenen Jahr. Der Thienemann-Verlag beschloss gemeinsam mit den Nachkommen des Kinderbuchautoren Otfried Preußler, den Ausdruck „Negerlein“ in dessen Buch „Die kleine Hexe“ zu streichen, um dem „sprachlichen und politischen Wandel“ gerecht zu werden. Bereits 2009 hatte der Oetinger-Verlag den „Negerkönig“ in Astrid Lindgrens Kinderbuchklassiker „Pippi Langstrumpf“ in „Südseekönig“ umgetauft.

 jk

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