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Aus der Stadt Hannoveraner kümmern sich um Flüchtlinge
Hannover Aus der Stadt Hannoveraner kümmern sich um Flüchtlinge
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00:19 11.08.2015
Von Gunnar Menkens
Ahmet Gedikli beschäftigt in seiner Autowerkstatt Nana Kwadwo Asare aus der Elfenbeinküste. Quelle: Surrey
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Einfach helfen

Würde man ein Beispiel dafür suchen, was alles in Bewegung geraten kann, wenn nur jemand den ersten Schritt wagt, dann wäre die Geschichte von Nana Kwadwo Asare sehr geeignet.
Eines Tages kam der junge Mann aus der Elfenbeinküste, 21 Jahre alt, zum Trainingsplatz von Germania Grasdorf. Jürgen Engelhard übte gerade mit der U23-Mannschaft, in der auch sein Sohn Tim mitspielt. Er war es, dem Nana Asare am Spielfeldrand auffiel, der Afrikaner sah wohl nicht sehr glücklich aus. In seiner Heimat war Asare selbst ein guter Spieler, in Laatzen aber verbrachte er einen großen Teil seiner Zeit im Flüchtlingsheim, einen Verein hatte er nicht, an Fußball war nicht zu denken.

Aus dieser Begegnung beim Training wurde ein regelmäßiger Kontakt. Die Engelhards besuchten Asare in seiner Unterkunft, sie hörten, dass Vater und Mutter gestorben waren und er in der Elfenbeinküste keine Zukunft für sich sah. Was Jürgen Engelhard beeindruckte: „Er ist sehr bescheiden, seinem christlichen Glauben verhaftet und will sein Leben aus eigener Kraft gestalten.“ Beim Fußball gelang die Integration, Asare ist jetzt Mitglied des Teams und trainiert auch mit der ersten Mannschaft.

Noch besser allerdings wäre es, wenn sich die Lebensumstände des Ivorers auch abseits des Platzes verbessern würden: Ko-Trainer Engelhard sprach mit hilfsbereiten Behörden, man suchte eine kleine Wohnung für den jungen Mann und hoffte sogar auf einen Ausbildungsplatz. Da traf es sich gut, dass Verwandte Kunden der Autowerkstatt von Ahmet Gedikli sind. Dort hatte Asare bereits ein Praktikum hinter sich, und der Türke mit deutschem Pass war beeindruckt vom Einsatz des 21-Jährigen. Da half auch die Unternehmersicht. „Ich habe gleich gesehen, der ist willig. Und ich mache keinen Unterschied bei den Menschen, Hautfarbe oder Nationalität, das ist mir egal.“ Nur dass seine Leute anpacken und lernen wollen, das erwartet Gedikli.

Nana Asare bekam einen Ausbildungsvertrag zum Kfz-Mechatroniker. Am 1. August fing er an, die Lehre dauert dreieinhalb Jahre. Das Risiko, dass der Asylbewerber mitten in der Ausbildung abgeschoben werden könnte, hat sich seit Kurzem sehr reduziert: Das Land verzichtet im ersten Lehrjahr auf Ausweisungen, danach wird geprüft, ob er seine Lehre beenden kann. Im Oktober zieht er in eine eigene Wohnung.

Tatkräftige Hilfe statt lautstarken Protests

Die Stadt Hannover hatte zu einer Bürgerversammlung eingeladen und natürlich dachte Petra Reichel: Da gehe ich hin. Nicht aus Neugier, sondern mit der Absicht, ihre Hilfe anzubieten. Bothfeld sollte ein Flüchtlingsheim bekommen – und darauf freuten sich längst nicht alle in der Umgebung. Bei dem Treffen meldeten sich besonders zahlreiche Gegner der geplanten Unterkunft zu Wort, „sehr lautstark, die Situation eskalierte“. Reichel erschrak über solch vehemente Ablehnung, ihr Impuls war ja Unterstützung, nicht Abwehr. Etlichen Anwohnern ging es ähnlich. Eine Flüchtlingsinitiative wurde gegründet, Frau Reichel trat bei, „wir wollten ein Zeichen setzen“.

Seit mehr als einem halben Jahr arbeitet die frühere Realschullehrerin nun mit, inzwischen kommt sie auf zwei bis drei Stunden Einsatz am Tag. Kinderbetreuung wird organisiert, Mütter bekommen Sprachkurse. Das jüngste Projekt ist Verkehrsunterricht auf einem Fahrradparcours, damit Heimbewohner die Straßenverkehrsordnung lernen.
Aber mit praktischer Hilfe ist es nicht getan. Auch Petra Reichel lernt jeden Tag dazu. Die Zusammenarbeit mit der Heimleitung muss klappen, der Kontakt zu anderen Initiativen. Es gibt Fortbildungsabende der Stadt. Einmal in der Woche treffen sich Nachbarn und Bewohner in einem Café, um sich besser kennenzulernen. Das Verständnis füreinander wächst, sagt Petra Reichel: „Es gibt keine Probleme mit der Nachbarschaft.“

So wird aus einem Ehrenamt schnell ein unbezahlter Teilzeitjob, obwohl Petra Reichel Hilfe nicht als Job versteht. „Es macht mir Spaß, mit Menschen aus anderen Kulturen zu tun zu haben.“ Dazu gehört indes auch, berührende Geschichten von Schicksalen zu hören. Das Wort „Flüchtlinge“ mag sie nicht mehr aussprechen, „das klingt immer so nach Masse“.

Was fehlt: ein Internetanschluss im Heim, damit Flüchtlinge Kontakt halten können zu ihren Familien. Und zertifizierte Sprachkurse. Und Arbeitsplätze. Alles können die Helfer eben nicht schaffen.

Integration auf und neben dem Fußballfeld

Was Vorurteile anrichten können, das hat Betriebswirt Dirk Ewert in der eigenen Familie beobachten müssen. Seine Frau ist Tschetschenin mit türkischen Wurzeln, ihre gemeinsamen Söhne wurden beschimpft und beleidigt, wenn sie mit ihren Fußballteams auf gegnerische Mannschaften trafen. Ewerts Familie hat das, was man einen Migrationshintergrund nennt, er sieht die Welt deshalb oft mit anderen Augen. Vielleicht ist Dirk Ewert, 53, auch deshalb Integrationsbeauftragter beim SV Yurdumspor Lehrte geworden – und Initiator einer Fußballgruppe, die nur aus Flüchtlingen besteht und sich den Namen „Mandela“-Team gegeben hat. Um die 60 Spieler gehören dazu, 25 von ihnen sind Mitglied im Verein und spielen im Ligabetrieb um Punkte. Es ist das einzige Flüchtlingsteam in Niedersachsen, sagt Ewert.

Aber um Fußball allein geht es nicht mehr. Er war nur der Anfang, ein Sport, den jeder versteht und viele lieben. Darüber lernten sich die Menschen kennen und ihr Projekt wurde immer größer. Inzwischen gibt es Schwimmkurse, eine Fahrradwerkstatt, zwei Frauen bieten Bewerbungstraining an, beim Fußballverband haben einige Spieler mit einer abgestuften Form der Trainerausbildung begonnen. Ewert baut derweil eine Art Wohnungsprogramm auf. Gemeinsam mit Helfern besorgen sie Spenden und Möbel, um Zimmer und Wohnungen von Flüchtlingen ein wenig komfortabler einzurichten als mit der kommunalen Grundausstattung aus Tisch, Bett und Kühlschrank.  

Eine Menge Arbeit neben dem eigentlichen Job. Ewert schwächt ab, so wie nahezu alle, die über ihre Hilfe reden. „Ich war nie alleine, es gibt immer einen Kreis von Leuten, auch bei Yurdumspor.“ Dazu kommt Geld von Landessportbund und Lotto-Stiftung, für Fahrtkosten und Ausrüstung. Für Fußballschuhe waren 1000 Euro fällig. Ewert sagt, da habe man natürlich gespart und die billigsten gekauft.

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