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„Tag der Archive“

Hannoveraner lernen allerlei über Vergangenheit ihrer Stadt

Von Felix Harbart

Keller voller Geheimnisse: Am „Tag der Archive“ lernen die Hannoveraner allerlei über die Vergangenheit ihrer Stadt – auch über den rigorosen Umgang mit Verbrechern. „Aber auch Zeugnisse des gesellschaftlichen Lebens finden sich hier“, sagt der Archivar.
Christian Heppner führt die Besucher durch das Magazin des Stadtarchivs.

Christian Heppner führt die Besucher durch das Magazin des Stadtarchivs.

© Herzog

Steinbutt hat es gegeben, Rehrücken mit Erbsen und Bohnen, doppelte Kraftbrühe und Hummer mit Butter. Das war die feierliche Eröffnung des Neuen Rathauses der Stadt schon wert im Jahr 1913. Zu lesen ist das auf der Einladungskarte zu den Einweihungsfeierlichkeiten, und auf der Rückseite steht, was so für Musik gespielt worden ist an jenem stadthistorischen Tag. Der Historiker Christian Heppner hat sich die Karte in einem der Aufbewahrungskartons ganz nach oben gelegt. Schließlich zeigt sie ganz gut, wie spannend es sein kann, was da im Magazin des Stadtarchivs Am Bokemahle in der Südstadt liegt.

Im Prinzip, erklärt Heppner den Besuchern, die zum Tag der Archive 2010 ins Stadtarchiv gekommen sind, bewahrt sein Haus die Akten der Stadtverwaltung auf. Dazu gehören die Unterlagen der Stadtkämmerei aus dem Jahr 1802, fein säuberlich hintereinandergeheftet und dann zusammengebunden. „Aber auch Zeugnisse des gesellschaftlichen Lebens finden sich hier“, sagt der Archivar. Wer heute wissen will, wer früher in seiner Wohnung gewohnt hat, kann auch das im Stadtarchiv nachschauen lassen – allerdings gegen Gebühr und erst dann, wenn die gesetzlichen Sperrfristen abgelaufen sind. Recht rar sind dagegen Zeugnisse aus der Zeit vor 1800, insbesondere aus dem Mittelalter. „Denn damals hat man einfach noch nicht viel aufgeschrieben.“

Im Hauptstaatsarchiv des Landes sind derweil an diesem Tag der Archive auch recht blutrünstige Geschichten zu erfahren. Die Archivare haben eine Auswahl an Gerichtsprotokollen ausgelegt, und die künden mitunter vom rüden Umgang mit Delinquenten in früheren Jahrhunderten.

Da ist zum Beispiel der Brandstifter, der sich 1745 laut Anklage wegen des Anzündens von „234 Gebäuden, 2 unmündigen Kindern, 16 Stück Hornvieh und 1 Pferd“ verantworten muss. Es ergeht der Spruch, dass der Mann zur Strafe, folgerichtig, verbrannt werden soll – das aber will der nicht wahrhaben. Er bittet um Milde und darum, vor dem Verbrennen erstochen zu werden. Als ihm das nicht gewährt wird, schluckt der Verurteilte eine Messerklinge herunter. Ein Expertenteam aus Barbieren und Ärzten aber zieht dem Mann die Klinge wieder aus dem Rachen, und er landet schließlich doch auf dem Scheiterhaufen. Die Klinge, leicht angerostet, wird heute im Hauptstaatsarchiv gelagert.

Ein paar Stockwerke darüber zeigt Diplom-Geographin Christiane Drewes den Besuchern alte Karten von Hannover und Umgebung – und kann mit mancher Überraschung aufwarten. Der etwa, dass es im Jahr 1899 in den Herrenhäuser Gärten durch das Anpflanzen von Maulbeerbäumen gelingen sollte, eine Seidenraupenzucht aufzuziehen. „Sind die Karten etwa echt?“, fragt eine Besucherin mit Minnie Maus auf dem T-Shirt. „Aber natürlich“, sagt Drewes voll Stolz. „Alles, was Sie hier sehen, ist echt. Das ist eben der Unterschied zwischen einem Archiv und einer Bibliothek.“

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