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Aus der Stadt „Wir denken an euch“
Hannover Aus der Stadt „Wir denken an euch“
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13:48 11.06.2013
„Bis es wieder friedlich in Istanbul ist“: Seit Dienstag steht am Klagesmarkt eine Mahnwache. Quelle: Herzog
Hannover

Ebru Tüfekci ist kein politischer Mensch. Sie gehört keiner Partei an, sagt sie. Doch sie sei für das türkische Volk. „Und das leidet unter der Regierung von Erdogan“, erklärt Ebru Tüfekci, die in der vergangenen Woche von Hannover nach Istanbul geflogen ist. Dort wohnen Familie und Freunde von ihr. Wie viele Hundert anderer Türken steht sie seit Tagen in den Straßen der Stadt am Bosporus und stemmt sich gegen den türkischen Premier Tayyip Erdogan. „Friedlich geht es gegen seine Politik, seine Ignoranz und Erdogan selbst“, sagt Tüfekci. Und viele der rund 26.000 Menschen mit türkischen Wurzeln in Hannover und dem Umland sind gleicher Meinung.

Was die 39-Jährige erzählt, ist erschreckend und für die gelernte Schaufenstergestalterin auch noch nach Tagen nur schwer zu berichten. Dennoch gelingt es ihr. Sie beschreibt, wie Krankenwagen von Sicherheitskräften aufgehalten werden, wie Polizisten mit Tränengas gezielt auf Demonstranten schießen und sie mit Knüppeln niederschlagen. Und dabei wird sie wütend auf die Medien, die unter Erdogans Regierung nicht berichten dürfen. Warum es so sei, fragt sie sich, dass niemand etwas erzähle? „Die Menschen in Istanbul sind verunsichert. Sie wissen nicht mehr, was richtig und was falsch ist“, sagt Tüfekci. Eigentlich wollte sie mit ihrem Cousin nur schauen, was auf dem Taksim-Platz passiert. „Eine dumme Idee“, sagt sie selbst. Sie hätten unterschätzt, was dort geschieht. Und so wurden sie und ihr Cousin zu Gejagten. Seit Tagen nun versucht sie, solche Szenen in Bild und Video zu fassen, und schickt die Momentaufnahmen über das Internet nach Hannover.

Lalesim Ceylan aus der Nordstadt  kennt solche Bilder zur Genüge. Auch ihre Freunde und Verwandten versorgen sie mit Bildern und Informationen aus den Straßen Istanbuls. Was sie hört und sieht, geht der Gymnastiklehrerin nah. Ein befreundeter Arzt, der eigentlich in Bulgarien praktiziert, ist am vergangenen Wochenende nach Istanbul gereist, um die verletzten Demonstranten zu versorgen. Nicht in einem Krankenhaus, nicht in einer Praxis – er verbindet Verwundete in einem Privathaus im Stadtteil Besiktas, auf der europäischen Seite der Metropole, erzählt Ceylan. Er berichtet von vielen Verletzten und Sicherheitskräften, die mit scharfer Munition in Wohnungen feuerten. Lalesim Ceylan wird wütend dabei.

„Der Protest muss laut werden – auch hier in Hannover“, sagt sie. „Es muss Schluss sein mit der Unterdrückung der Menschen durch Erdogan. Am Montag war sie mit dabei, als die Gemeinschaft Atatürk Hannover und die TGB, die Vereinigung türkischer Jugendlicher, eine Demonstration auf dem Klagesmarkt veranstaltet haben. Nur wenige Schritte vom türkischen Generalkonsulat entfernt standen sie und skandierten gegen den türkischen Ministerpräsidenten. Es war auch ein Platz des Austausches einer aufgebrachten türkischen Gemeinschaft in Hannover. Und wieder gingen Handys mit Bildern und Videos herum. Wer Neuigkeiten aus Istanbul, Izmir oder Ankara hatte, zeigte sie. „Die von Erdogan gesteuerten Medien zeigen nichts“, sagt Ceylan.

„Unser Ziel ist eine Neugestaltung des türkischen Staatsapparats und der Gesellschaft auf Grundlage Atatürks Visionen von einer weltoffenen, freien, demokratischen, gerechten und vollkommen unabhängigen Türkei“, sagt Cihan Cevirme, Jurastudent und Vorsitzender der kemalistischen Studentenorganisation TGB.

„Wir erheben Atatürk nicht zu einem Gott, doch wir wollen das, was er für uns erkämpft hat“, sagt Lalesim Ceylan. Damit meint sie vor allem die Trennung von Politik und Religion, die Erdogan nach und nach aufzuheben versucht. „Er versucht, die Türkei zu islamisieren“, sagt Ceylan. Es sind die Geschichten um den Staatsmann aus einer längst vergangenen Zeit, die sich die Menschen auf den Demonstrationen erzählen – und sie laut gegen Erdogan skandieren lassen.

Atatürk war ein großer Staatsmann“, sagt Alptekin Kirci. Der SPD-Politiker, der seit Kurzem das Büro der neuen niedersächsischen Integrationsbeauftragten Doris Schröder-Köpf in der Staatskanzlei leitet, ist auch Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Niedersachsen. Doch dessen Politik sei sicher nicht die Antwort auf die Fragen und Probleme der modernen Türkei. Das Aufbegehren vieler Türken gegen Erdogan sei das Erste der türkischen Zivilgesellschaft, die sich nicht länger von diesem Ministerpräsidenten führen lassen will, sagt der Politiker. Dabei gehe es schon lange nicht mehr um die Bäume, die Erdogan abholzen lassen will. Die Brücke über den Bosporus nach Selin, dem Grausamen, zu benennen sei eine Provokation.

Der Protest in Hannover wird weitergehen, wenn nicht auf den Straßen, dann an den Esstischen der Familien und in den türkischen Vereinen. Ob er überhaupt in den Straßen Istanbuls gehört wird? „Das wird er“, da ist sich Ceylan sicher. „Und nur so können wir zeigen, dass wir an die Menschen dort denken.“

Felix Klabe

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