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Frau zahlt schlagendem Ex-Mann Unterhalt

Unglaubliches Gerichtsurteil Frau zahlt schlagendem Ex-Mann Unterhalt

Weil ihr Mann sie im Alkoholrausch misshandelte, ließ Alma P. (Name von der Redaktion geändert) sich scheiden. Der Unterhalt für ihn bedroht jetzt ihre Existenz.

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Alma P. sitzt im Garten ihres Hauses in H-Misburg.

Quelle: von Ditfurth

Hannover. Warum sie diesen Mann überhaupt geheiratet hat, kann Alma P. heute nicht mehr sagen. Ja, er habe ihr oft Blumen geschenkt und sie lange umworben. Ihre Familie aber warnte sie schon damals. Er trinke zu viel Alkohol. Trotz alledem heiratete P., damals bereits zweifache Mutter, ihn Ende 1998 nach zweijähriger Beziehung. Heute sagt sie: „Ich bin auf ihn reingefallen.“ Jetzt steht die 58-Jährige vor den Trümmern dieser Ehe. Alma P. ist aufgrund jahrelanger Gewalt durch ihren Ehemann schwer traumatisiert und finanziell am Ende. Seit 2010 bezieht sie Erwerbsunfähigkeitsrente, jetzt soll auch noch ihr Haus zwangsversteigert werden. Das Schlimmste aber ist: Der Albtraum geht weiter. 

Begonnen hat er 2003. Ihr damaliger Mann trinkt mit den Jahren immer mehr hochprozentigen Alkohol, und mit jedem Glas wird er aggressiver. Er brüllt, schlägt zu, macht auch vor der damals 16- jährigen Tochter nicht Halt. Er wirft mit Gegenständen und zertrümmert schon mal eine Wohnungstür. Außerdem droht Josef Z.*, seine Frau umzubringen. Als sie dann in der Garage eine scharfe Waffe samt Munition findet, geht Alma P. im Dezember 2005 zu einem Anwalt. Per Beschluss des Amtsgerichts Hannover wird Josef Z. nach dem Gewaltschutzgesetz ihres Hauses verwiesen – das Alma P. schon vor der Ehe besessen hatte.

Der Terror hört nicht auf

Weil das Ehepaar aber 2003 noch das Nachbarhaus erworben hat, wird Alma P. per Gericht dazu gedrängt, einem Vergleich zuzustimmen:  Josef Z. kann im Januar 2006 dort einziehen. Damit geht der Terror weiter. Z. wird zwar nicht mehr handgreiflich, aber er überzieht seine Frau und die Kinder mit übelsten verbalen Attacken, sobald sie ihr Haus betreten oder verlassen.

Im Februar 2007 reicht Alma P. die Scheidung ein. Bereits drei Wochen später klagt ihr – mittelloser – Mann mithilfe eines Anwalts auf Trennungsunterhalt. Die damals noch voll berufstätige Physiotherapeutin („Ich war eine Powerfrau“) verdient zwar nicht schlecht, muss aber mit monatlich 1000 Euro noch die Hypotheken für ihr eigenes und das gemeinsam erworbene Haus abbezahlen. Im Oktober 2008 verurteilt das Amtsgericht Hannover sie zu einer monatlichen Zahlung von 859 Euro Ehegattentrennungsunterhalt – rückwirkend seit Mitte 2006 bis zur Scheidung im April 2011. „Allein in dieser Zeit habe ich 47.000 Euro Trennungsunterhalt zahlen müssen“, sagt Alma P. verzweifelt.

2008 wird sie krank. Die jahrelang erlittene Gewalt, die Angst um ihre Existenz und die nicht enden wollenden gerichtlichen Auseinandersetzungen nach dem Scheitern einer Mediation führen bei ihr zum psychischen und physischen Zusammenbruch bis hin zu dem Wunsch, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Bis heute leidet sie unter einer posttraumatischen Belastungsstörung verbunden mit einer schweren Depression und Albträumen, die nur durch Medikamente und eine engmaschige Therapie aufgefangen werden können. Hinter ihr liegen diverse Klinikaufenthalte, darunter in der Psychiatrischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover, wo sie noch immer behandelt wird.

Erst als das 2003 gekaufte Nachbarhaus 2010 zwangsversteigert werden muss, zieht ihr Ex-Mann dort aus. Jahrelang hat sich Josef Z. zuvor geweigert, das gemeinsam erworbene, aber mit hohen Schulden belastete Haus zu verkaufen, für das das Ehepaar drei Darlehen für insgesamt 175.000 Euro aufgenommen hat. Noch heute zahlt Alma P. die Restschuld von 101.000 Euro monatlich mit 275 Euro ab, hinzu kommen 400 Euro Abtrag für ihr eigenes Haus. Weil sie die Darlehen aber nicht mehr bedienen kann, dringt die kreditgebende Bausparkasse jetzt auch auf Zwangsversteigerung ihres Hauses.

687 Euro für den Ehemann, 250 Euro für sie

Alma P.s Hoffnung, dass sich ihre Situation nach der Scheidung bessern würde, gesundheitlich wie auch finanziell, erfüllt sich nicht. Das hannoversche Amtsgericht spricht ihrem Ex-Ehemann ab 2011 einen nachehelichen Unterhalt zu, der derzeit bei 687 Euro im Monat liegt. Sie selbst bezieht seit 2010 eine Rente von 937 Euro, ihr bleiben also noch 250 Euro zum Leben. Weil sie in ihrem eigenen Haus lebt, rechnet ihr das Gericht aber noch einen Wohnvorteil von 750 Euro zu, obwohl die Immobilie weiterhin abbezahlt werden muss. Als sie gegen dieses Urteil Widerspruch einlegt, bestätigt das Oberlandesgericht in Celle Ende 2013 den Unterhaltsanspruch ihres gewalttätigen, alkoholkranken Mannes. Es stellt zudem fest, dass seine Gewaltexzesse im Zusammenhang mit seiner langjährigen Alkoholerkrankung gestanden hätten. Alma P. hat jetzt Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht gegen dieses Urteil eingereicht.

„Das Ganze macht mich deshalb so fertig, weil die Gewalt in der Ehe nie ein Thema der Gerichtsverhandlungen war“, sagt die zierliche Frau, die beim Erzählen immer wieder in Tränen ausbricht. „Mein Ex-Mann hat doch jegliche Unterhaltsansprüche verwirkt“, sagt sie und fügt hinzu: „Sie glauben ja nicht, wie wir hier leben, mein Sohn und ich, weit unterhalb des Existenzminimums.“

Für Silvia Fauth, Leiterin der hannoverschen Bestärkungsstelle für von Männergewalt betroffene Frauen, wo Alma P. einige Jahre lang an stabilisierenden Einzel- und Gruppengesprächen teilnahm, ist es „schleierhaft, weshalb die Gewalt durch den Ehemann juristisch nicht berücksichtigt wurde“. Zumal es eine Schutzanordnung gegeben habe. Auch Alma P.s Anwältin hält die Entscheidung des Gerichts auf nachehelichen Unterhalt für eine „unzumutbare Härte“.

Alma P.s Hoffnungen sind jetzt allein darauf gerichtet, dass das Bundesverfassungsgericht ihre Beschwerde annimmt. Die Chance dafür liegt bei zwei Prozent. „Aber das ist immer noch besser als nichts“, sagt sie.

Interview mit Silvia Fauth von der Bestärkungsstelle Hannover

Frau Fauth, kommt es häufiger vor, dass Frauen, die häusliche Gewalt erlitten haben wie im Fall von Frau P., vor Gericht so wenig Gehör finden?

So etwas kommt leider viel zu häufig vor, weil Richter und Richterinnen konkrete Beweise wollen. In den Fällen, in denen Frauen nicht konkret nachweisen können, was sie an körperlicher, sexueller oder auch psychischer Gewalt erfahren haben, steht Aussage gegen Aussage, und nicht selten versucht die gegnerischen Partei, die Frau als Lügnerin darzustellen. Je besser die Opfer belegen können, welche Gewalt sie erlitten haben, desto besser können sie sich vor Gericht vertreten. Besonders Drohungen, auch mit Waffen, sind schwer nachweisbar, wenn es keine Zeugen gibt.

Nun wurde die Gewalt durch den Ex-Ehemann mit dessen Alkoholerkrankung begründet. Erhalten Gewalttäter unter Alkoholeinfluss von einigen Gerichten noch einen Bonus?

In diesem Fall scheint dies leider zuzutreffen. Unter Alkohol kommt es häufig zu Gewalttaten, das ist auch bei häuslicher Gewalt der Fall. Laut dem Gewaltschutzgesetz, das seit 2002 in Kraft ist, wird Alkohol zum Tatzeitpunkt ausdrücklich nicht als strafmildernd bewertet. Außerdem findet häusliche Gewalt in der Regel nicht nur unter Alkoholeinfluss statt, was auch in der Ehezeit von P. der Fall war.

Was kann Frau P. in ihrer  Situation überhaupt tun?

Ich fürchte, nur sehr wenig. Diese Gerichtsurteile sind für sie existenzvernichtend. So wird die Gewalt in der Ehe durch die Prozesse fortgeführt. Aber Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei. Andere Frauen in ihrer Lage wären längst in die Privatinsolvenz gegangen. Und die Chance, dass eine Verfassungsbeschwerde angenommen wird, ist leider sehr gering.

Was raten Sie Frauen, die vor einer gerichtlichen Auseinandersetzung stehen, in der Gewalt eine Rolle spielt?

Wenn sie es noch nicht getan haben, sollten sie sich zuvor in einer Fachberatungsstelle beraten lassen und unbedingt einen Anwalt oder eine Anwältin suchen, die sich mit häuslicher Gewalt auskennen, damit so etwas wie im Fall von Frau P. nicht passiert.

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