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Aus der Stadt Hannoveranerinnen besuchen Schoah-Überlebende
Hannover Aus der Stadt Hannoveranerinnen besuchen Schoah-Überlebende
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00:16 07.07.2016
Sarah Hüttenberend (rechts) und Anna Damm mit den Bildern von Zeitzeugen. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Sie erzählen eine bewegende Geschichte. Vom Überleben und vom Leben. Während, nach und mit den Grauen des Holocaust. Doch es ist nicht die eigene Geschichte, die Sarah Hüttenberend und Anna Damm weitergeben. Die beiden jungen Frauen sind als sogenannte Zweitzeugen für ihren Verein Heimatsucher unterwegs in Israel, wo sie Schoah-Überlebende getroffen haben. Und sie haben die Erlebnisse der alten Leute aufgeschrieben und zum Teil auch ohne Aufzeichnung so verinnerlicht, dass sie sie mühelos weitergeben können, an eine Generation, für die das Dritte Reich mit all seinen Schrecken im Geschichtsbuch im Jahr 1945 endet.

„Wir wollen keine Geschichten vom Tod sondern vom Leben weitererzählen“, sagt Sarah Hüttenberend, die für ihr Projekt Heimatsucher jüngst den Startsocial-Sonderpreis von Bundeskanzlerin Angela Merkel erhalten hat - in Konkurrenz zu vielen Flüchtlingsprojekten. Denn wie die Opfer der Schoah ihr Leben gestaltet haben, soll in den Köpfen der nachfolgenden Generationen nicht in Vergessenheit geraten. „Und da die alten Leute nicht mehr so viel Zeit haben, übernehmen wir es für sie, ihre persönlichen Geschichten unsterblich zu machen“, so Hüttenberend.

Die Idee für das Projekt kam den jungen Frauen im Foto- und Designstudium in Münster. Für eine Projektarbeit wollten sie Schoah-Überlebende in Israel besuchen, um zu erfahren und festzuhalten, wie diese Menschen noch heute mit den Folgen des Erlebten zu kämpfen haben. „Auch, dass viele von ihnen unterhalb der Armutsgrenze leben, hat uns sehr berührt“, sagt Anna Damm. Die beiden reisten nach Israel und waren selbst erstaunt, dass sie von vielen Betroffenen so herzlich und offen empfangen wurden. „Wir hatten schnell das Gefühl, dass wir mit Fotos und Gesprächen den schrecklichen Zahlen Gesichter geben können“, sagt Hüttenberend. Und sie haben erfahren, dass sie es nicht nur mit Opfern zu tun haben, sondern auch mit Gewinnern, „die Großes geschafft haben“.

Vor rund zwei Jahren gründete die 30-jährige Wahlhannoveranerin aus der Südstadt dann den Verein Heimatsucher, für den sich mittlerweile 30 Ehrenamtliche engagieren. „Die Menschen haben überlebt, aber ihre Heimat verloren - nicht nur einen Ort, sondern auch das Gefühl von Sicherheit, Zugehörigkeit, angenommen zu werden“, sagt die Initiatorin. Alle Interviewpartner haben die Frauen in Israel in ihren Wohnungen getroffen, „nicht immer aber ist diese auch ihre Heimat, die Suche endet also nie“.

Zehn Schoah-Überlebende haben Damm und Hüttenberend in Israel besucht, zwölf weitere begleiten sie in Deutschland. „Wir schreiben ihre Geschichten auf und geben sie weiter an Schüler oder andere junge Leute, die dann ihrerseits wieder zu Multiplikatoren werden können“, betont Damm. Und Schwerpunkt dieser Geschichten sei nicht die Zeit im Konzentrationslager, sondern das ganze Leben, der ganze Mensch. „Diese Menschen hatten damals genauso Träume wie die Jugend heute“, sagt Sarah Hüttenberend. Die einen wollten Fußball spielen, andere Medizin studieren oder Gesang. Und plötzlich ging das alles nicht mehr. „Irgendeine Art von Ausgrenzung kennen auch Kinder in unserer Zeit“, so die jungen Frauen. „Und da beginnt das Verstehen.“

Die Ausstellung der Heimatsucher wandert durch Schulen oder soziale Einrichtungen, viele Briefe haben Mädchen und Jungen an die noch lebenden Zeitzeugen wie Chava Wolf oder Shoshanna Maze seitdem geschrieben. An Wolf, die noch heute ihre Puppe liebt, die sie als Mädchen nie haben durfte. Und an Maze, die mit Besuchern gerne spontan im Wohnzimmer tanzt und über ihre Jahre im Versteck nicht spricht. „Wir leiten diese Briefe weiter, und die Schreiben tun den Menschen in Israel ungemein gut“, sagt Anna Damm. Die meisten der Frauen und Männer, die die Zweitzeugen getroffen haben, sehnten sich nach Austausch. „Sie wollen erzählen, und sie wollen auch gefragt werden.“ Und sie möchten, dass man ihnen zuhört. Auch wenn die eigene Stimme verstummt ist, soll das so weitergehen. Erzählen aus der Erinnerung, ganz in der Tradition von Märchen. Nur dass diese Geschichten wahr sind, wenngleich es irgendwann nicht mehr die eigenen sind.

Susanna Bauch

Vom Zuhörer zum Zeugen

„Nicht zu vergessen – das ist das Einzige, was wir noch machen können. Und zuhören. Wir, die wir zuhören, können zu Zeugen werden.“ Das ist der Kern der Arbeit des Vereins Heimatsucher, dessen Initiatorin und 
 Hannoveranerin Sarah Hüttenberend und Mitstreiter jetzt den Sonderpreis der Bundeskanzlerin im Startsocial Wettbewerb gewonnen haben. Startsocial ist ein bundesweiter Wettbewerb zur Förderung des ehrenamtlichen sozialen Engagements. Er steht unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel und beinhaltet neben 5000 Euro Prämie eine professionelle Beratung durch zwei Coaches.

2010 als Studienprojekt entstanden, ist Heimatsucher seit Februar 2014 ein eingetragener Verein. Vor allem aber verbirgt sich dahinter ein Zweitzeugenprojekt. Über die persönlichen Erzählungen von Schoah-Überlebenden macht das Projekt Geschichte nachfühlbar und begreifbarer. Insbesondere junge Menschen verstehen die Bedeutung von Geschichte für ihr eigenes Leben erst durch die Begegnung mit einem Zeitzeugen. Doch Zeitzeugen werden nicht mehr lange sprechen können. Damit sie künftig nicht verstummen, erzählen die Vereinsmitglieder als Zweitzeugen ihre Geschichten über das Leben vor, während und nach dem Holocaust in 
Ausstellungen und Schulklassen weiter. Aktuell besteht der Verein aus 
103 Mitgliedern, wovon 30 regelmäßig ehrenamtlich aktiv sind. Bisher gibt es keine angestellten Mitarbeiter. In diesem Jahr ist jedoch die Einrichtung einer ersten Stelle geplant, um die vielfältigen Aufgaben zu koordinieren. Der Verein ist in acht Teams strukturiert: Organisation, Finanzen, Fundraising, Netzwerk, Kommunikation, Bildungsarbeit, Zeitzeugenarbeit und Ausstellungen.  

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