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Aus der Stadt „Es muss Schluss sein mit Abrissen“
Hannover Aus der Stadt „Es muss Schluss sein mit Abrissen“
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00:15 18.09.2013
Der einstige Sitz des Niedersäschischen Städtetages unweit des Aegi. Quelle: Alexander Körner
Hannover

Zwar verweist Baudezernent Uwe Bodemann auf den Denkmalschutz des Landes: Wenn dieser die Bauwerke nicht unter Schutz stelle, seien der Stadt die Hände gebunden. Doch Landesdenkmalpfleger Reiner Zittlau spielt den Ball zurück: Allein die Stadt sei in der Lage, ihre Altbausubstanz zu schützen - mithilfe einer Erhaltungssatzung.

Hinterm Amtsgericht weicht das kunstvolle Backsteinportal eines typisch norddeutschen Ziegelgebäudes einem Neubau für das Gerichtszentrum des Landes. Und am Schiffgraben soll ein früheres Bankhaus für einen Büroneubau abgerissen werden. Beide Gebäudestehen nicht unter Denkmalschutz. Sid Auffarth, Bauhistoriker im Ruhestand und Vorsitzender der Denkmalstiftung, macht sich trotzdem für den Erhalt stark. „Es sind Zeugnisse der Geschichte dieser Stadt“, sagt er. „Vor allem im Zentrum Hannovers ist schon zu viel von der alten Bausubstanz verloren gegangen - es muss Schluss sein mit den Abrissen.“

85 Prozent der Innenstadt sind im Bomben- und Feuersturm des Zweiten Weltkriegs verloren gegangen. Danach wurde beim autogerechten Aufbau des modernen Hannovers zusätzlich viel abgerissen. Während andere Städte das bewahrt haben, was geblieben war, ging man in Hannover ungewöhnlich rigoros zur Sache. Die Wasserkunst am Landtag, das Friederikenschlösschen am Waterlooplatz, das Neue Haus am Emmichplatz, die Villa Willmer („Tränenburg“) - weitgehend unbeschädigte oder zumindest restaurierungswürdige Gebäude - wurden dem Erdboden gleichgemacht. Für den Bau des Schauspielhauses in der Prinzenstraße mussten Amerikahaus und Cumberlandsche Galerie weichen. Noch nach der Jahrtausendwende wurde für die Ernst-August-Galerie am Hauptbahnhof ein neobarockes Gebäude abgerissen. In der Arnswaldtstraße im Stadtteil Mitte fiel die alte AOK mit ihrer reich verzierten Fassade. In beiden Fällen gab es einen Sturm der Entrüstung unter HAZ-Lesern, die forderten, dass die Bauherren wenigstens Teile der Fassade retten, die heute an den Originalstandorten aufgestellt sind.

Im vergangenen Jahr wurde für den Neubau eines Bankgebäudes in der Osterstraße der historische Sandsteinbau der hannoverschen Gasanstalt abgerissen. Schon damals bemängelte der emeritierte Architekturprofessor Günther Kokkelink, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Architekturgeschichte Norddeutschlands, in der HAZ: „In der Altstadt haben wir nur noch sehr wenig Altbaubestand.“ Jedes zu erhaltende Gebäude müsse besonderen Schutz genießen.

Damals schon fühlte die Stadt sich nicht zuständig. Und auch beim jetzt bevorstehenden Abriss des Gebäudes gilt laut Baudezernent Uwe Bodemann: „Wenn ein Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht, dann haben wir kein Instrument, um dem Eigentümer einen Abriss zu verbieten.“ Schließlich stelle ein Erhaltungszwang einen grundlegenden Eingriff in die Rechte des Eigentümers dar.

Landesdenkmalpfleger Zittlau stimmt dem zu. Trotzdem sieht er Handlungsspielraum für die Stadt. Nach den Kriterien des Denkmalschutzes dürften nur herausragende Zeugnisse bestimmter Bauepochen unter Schutz gestellt werden. Das Schützen eines Innenstadtareals gehe über den Gleichheitsgrundsatz des Gesetzes hinaus, weil dann möglicherweise auch Gebäude betroffen seien, die nicht schützenswert seien. „Das Instrument einer Erhaltungs- oder Gestaltungssatzung gibt den Kommunen aber durchaus das Recht, besondere Bestimmungen für begrenzte Gebiete zu erlassen.“ Es müsse aber „der politische Wille der gewählten Vertreter vorhanden sein, das Erbe zu erhalten“, sagt Zittlau.

Die VGH will Wirtschaftlichkeit

Die VGH, Eigentümerin des Abrissgebäudes am Cityring, verspricht, dass im Bereich Schiffgraben/Prinzenstraßehochwertige Neubauten entstehen. „Der Straßenzug wird durch unsere Planung aufgewertet“, sagt Vorstandsmitglied Jochen Herdecke. Der Erhalt des alten Bankgebäudes sei unwirtschaftlich, es fänden sich keine Mieter mehr. „Auch uns liegt das Gebäude am Herzen“, sagt Herdecke: „Bis 1995 hat unser Vorstand seine Büros hier gehabt.“ Das Versicherungsunternehmen, das seinen Hauptsitz auf der anderen Straßenseite im Warmbüchenviertel hat, besitzt inzwischen mehrere Immobilien in der Nachbarschaft des Abrisshauses Prinzenstraße 23. Seit jetzt der Niedersächsische Städtetag ausgezogen ist, steht der große Bürobau leer. Bis zu vier Meter hohe Decken, lange Bürofluchten, ein enger Hinterhof – wer heute moderne Büros vermieten will, hat andere Vorstellungen. Befragte Architekten hätten abgewunken und zu einem Neubau geraten. Der lasse dann bei gleicher Gesamthöhe eine Etage mehr zu – unter Renditegesichtspunkten ein wichtiger Aspekt. Mit der ursprünglichen Planung für die Neubebauung hat die VGH bei der Stadt allerdings auf Granit gebissen. Die sah vor, einen großen Neubau auf den drei Grundstücken Prinzenstraße 19 bis 23 zu platzieren, der allerdings in der Prinzenstraße 21 nur auf dem rückwärtigen Grundstücksteil gestanden hätte – im vorderen Teil befindet sich ein denkmalgeschützter Solitärbau. Bei Baudezernent Uwe Bodemann ist dieser Plan durchgefallen. Nun habe man sich auf ein anderes Konzept geeinigt, sagen Herdecke und VGH-Bauexpertin Uta Temmen. Bodemann sagt ganz diplomatisch, die Stadt finde es „positiv, dass die VGH in ihre Liegenschaften an der Prinzenstraße investiert“. Insbesondere bei dem eher gesichtslosen Bau Prinzenstraße?19 sei eine Neukonzeption gut. Nur in der Abwägung aller Aspekte, die zur Aufwertung des gesamten Straßenzugs beitrügen, sei auch der Abriss des Gebäudes Prinzenstraße 23 hinnehmbar. „Insgesamt sieht die Stadtverwaltung in dem Umbauplan ein großes Aufwertungspotenzial für den Stadtbereich“, sagt Bodemann. n Architekt hat mehr gebaut: Das Abrissgebäude basiert auf dem 1911/1912 als Bankhaus Caspar errichteten Gebäudeteil. Architekt war Emil Lorenz (1857–1944), von dem auch das Bankgebäude in der Landschaftsstraße 8 stammt. med

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