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„Ich war geschockt, als ich es erfuhr“

Hannovers Briten zum Brexit „Ich war geschockt, als ich es erfuhr“

Großbritannien hat für den Austritt aus der EU gestimmt. Briten in Hannover sind überrascht von dem Ergebnis – und hoffen nun, dass alles halb so schlimm wird. 

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Eher gedrückte Stimmung: „Shakespeare“-Wirt Bernd Rodewald betreibt einen britischen Pub - und verfolgte die Stimmauszählung dort live.

Quelle: Akbaba

Hannover. Immer wieder hat er in den vergangenen Wochen mit britischen Freunden darüber diskutiert. Und immer wieder warb Ernst August Prinz von Hannover für den Verbleib Großbritanniens in der EU: „Die Argumente für den Brexit waren eindeutig die schlechteren“, sagt der 32-Jährige auch jetzt noch. „Ich kenne viele, die für den Brexit waren - doch dass dieser wirklich kommen würde, hätte ich nicht erwartet.“

Der Hausherr der Marienburg stammt aus einer deutsch-britischen Familie: Seine Ahnen stellten von 1714 bis 1837 als „Hanoverians“ die Könige auf Englands Thron. Er selbst wurde in Hildesheim geboren, wuchs jedoch zweisprachig in London auf. Seine Familie ist selbst ein Stück deutsch-britische Geschichte. Über den Brexit abstimmen durfte er nicht, weil er nur die deutsche Staatsbürgerschaft hat - obwohl er laut Personalausweis unter anderem „Königlicher Prinz von Großbritannien und Irland“ heißt. „Wirtschaftlich wird der Brexit eher schaden als nutzen“, sagt der studierte Volkswirt: „Ich denke, dass ein freier Markt wichtig ist.“ Er hoffe, dass der Ausstieg jetzt kein radikaler Bruch werde, sondern sich eher sanft gestalte.

Überall in Hannovers deutsch-britischer Community gibt es jetzt diese zarte Hoffnung, dass alles vielleicht halb so schlimm werden könnte. Ansonsten liegen die Reaktionen irgendwo zwischen Schockstarre und Kopfschütteln, Wut und Ungewissheit - denn noch weiß niemand genau, welche Konsequenzen der Brexit für ihn persönlich haben wird.

„Ich war geschockt, als ich es erfuhr“, sagt Hildegard Schröder-Hohensee von der Hannoversch-Britischen Gesellschaft, die seit vielen Jahren Brückenschläge zwischen den Nationen initiiert. Sie seufzt: „Es war so knapp - aber Mehrheit ist nun mal Mehrheit.“ Werden Reisen jetzt schwieriger? Wird das Pfund künftig noch so stehen, dass Einkäufe für Touristen erschwinglich sind? „Wir hoffen nur, dass die Begegnungen zwischen Menschen nicht erschwert werden“, sagt sie.

Diese Hoffnung hegt auch Bernd Rodewald. Der 51-jährige steht unter dem Porträt der Queen hinter seinem Tresen und umfasst den Kaffeebecher mit dem Union Jack. Seit 1991 betreibt er das Shakespeare, einen echt britischen Pub mit Dartscheibe und den Konterfeis britischer Fußballspieler an der Wand. Jetzt wiederholt der englische Radiosender die Hiobsbotschaft wie in einer Endlosschleife. „Mit den Gästen haben wir gestern die Auszählung live im Fernsehen verfolgt“, sagt er: „Die Stimmung war eher gedrückt.“

Angst vor Verlust der Aufenthaltserlaubnis 

Der Wirt kann von britischen Gästen berichten, die jetzt überlegen, in die Heimat zurückzukehren - sie fürchten, bald keine Aufenthaltserlaubnis mehr zu haben. Er selbst bezieht für seinen Pub Chips und London-Pride-Ale aus England: „Ich frage mich, ob das weiter möglich sein wird“, sagt er. „Und ich wäre froh, wenn wir wüssten, wie viel Vorlauf wir haben, bis alles anders wird.“

Auch Ronald Clark kann über den Brexit nur den Kopf schütteln: „Demnächst muss ich mich wohl wieder um eine Aufenthaltserlaubnis bemühen“, sagt der Direktor der Herrenhäuser Gärten. Clark wurde als Sohn eines britischen Soldaten und einer deutschen Mutter in Oldenburg geboren, er hat nur einen britischen Pass. Clark gerät ins Schwärmen, wenn er von Europas Einheit spricht: „Ich bin selbst eine deutsch-britische Mischung“, sagt er. „Ohne Grenzkontrollen reisen zu können war doch schon selbstverständlich - und jetzt wird das Rad zurückgedreht.“ Dass es zum Brexit kommen würde, habe er schon befürchtet: „Die ganze Debatte darüber wurde emotional und unsachlich geführt - auch, weil die britische Boulevardpresse Stimmung gegen die EU gemacht hat“, sagt er.

„Mir tut es nur leid für die britische Jugend. Sie hätte von der EU profitiert“, sagt Chris Douglas. Er lebt seit mehr als 15 Jahren in Hannover, seine Frau ist Deutsche. Bis tief in die Nacht hat der 39-Jährige die Stimmauszählung verfolgt. Jetzt hat der Schotte immerhin einen politischen Plan B in der Hinterhand: „Wir Schotten wiederholen jetzt einfach unser Unabhängigkeitsreferendum“, sagt er. „Und dann kehren wir mit einem eigenen Staat in die EU zurück!“

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