Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Hannovers Glocken erzählen viele Geschichten
Hannover Aus der Stadt Hannovers Glocken erzählen viele Geschichten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 22.12.2012
In der Kreuzkirche in der Altstadt hängen insgesamt sieben Glocken, darunter drei Schlagglocken. Quelle: Thomas
Hannover

Kirchenglocken gehören zum traditionellen Stadtbild wie das Rathaus, der Marktplatz und die Bürgerhäuser. Heute verdrängen oft Autos, Baustellenlärm und andere Alltagsgeräusche ihren Klang. Doch in der bevorstehenden Ruhe des Weihnachtsfests werden sie sich wieder in das Bewusstsein der Stadtbewohner läuten.

Die ältesten bekannten Glocken kennen die Historiker aus China. In Europa verbreiteten im sechsten nachchristlichen Jahrhundert irische Mönche die beeindruckenden Klangkörper. Das Wort „Glocke“ hat seinen etymologischen Ursprung denn auch in dem alt-irischen Begriff „clocc“. Aus dem 11. Jahrhundert stammt die älteste erhaltene Glocke Deutschlands: Die Lullusglocke in der Stiftsruine Bad Hersfeld wurde 1038 gegossen.

Die Glocken der hannoverschen Kirchtürme erzählen viele Geschichten.

In Hannover findet sich der erste Hinweis auf ein Geläut in der Aegidienkirche. „Bei Ausgrabungsarbeiten in der Ruine dieser Kirche konnte eine Glockengussgrube aus dem 11. Jahrhundert nachgewiesen werden“, sagt der hannoversche Glockenexperte Jens Hage. Der Küster der Kreuzkirche erforscht seit neun Jahren die Glockenlandschaft der Stadt auf wissenschaftlicher Basis. Die ältesten erhaltenen Glocken Hannovers finden sich in Vahrenwald und in der Martinskirche in Linden sowie in Groß-Buchholz. Dort hängt die Glocke der früheren Groß-Buchholzer Kapelle aus dem 13. Jahrhundert heute in einem Dachreiter des Gemeindehauses neben der Matthiaskirche.

Am Beginn der Geschichte der Stadt stehen drei Kirchen in Hannover: die Markt-, die Kreuz- und die Aegidienkirche. Diese Gotteshäuser haben ihre originalen Tongeber allesamt verloren. Bei der ersten Stadterweiterung Hannovers bauten die Protestanten die Neustädter Hofund Stadtkirche, die Katholiken St. Clemens. Deren erste Glocke aus dem Jahr 1743 ist noch erhalten. Sie wird allerdings nicht mehr geläutet, sondern steht abgestellt im Turm des Gotteshauses. Eine wahre Neubauwelle erlebte die Stadt ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. „Zwischen den Jahren 1859 und 1912 entstanden im Stadtgebiet 20 evangelische und sieben katholische Kirchenneubauten“, sagt Jens Hage. Die meisten dieser Gotteshäuser erhielten dreistimmige Geläute. „Das heißt, sie bestehen aus drei Glocken“, erklärt der Küster.

Bis in die 1920er Jahre wurden Glocken fast ausschließlich aus Bronze gefertigt. Die Legierung aus 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn – „Kocht des Kupfers Brei, schnell das Zinn herbei“, heißt es in Schillers „Lied von der Glocke“ – war aber nicht nur für friedliche Zwecke geeignet. Auch Geschosshülsen und andere Zutaten des modernen Krieges lassen sich aus Bronze herstellen. Deshalb mussten Hannovers Kirchengemeinden 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, Glocken abgeben, um sie einzuschmelzen zu lassen. Die meisten Klangkörper wurden nach dem Ersten Weltkrieg zwar ersetzt, doch die neuen Glocken wurden in der Zwischenkriegszeit zumeist nicht aus Bronze gefertigt, sondern eher aus Gussstahl oder Harteisenguss.

Auch im Zweiten Weltkrieg wurden Glocken dann wieder zweckentfremdet. „1942 wiederholte sich die Beschlagnahme“, erzählt Hage. So wurden etliche alte und neue Glocken in den beiden Weltkriegen zerstört. Die Bombenangriffe auf die Stadt dezimierten den Bestand noch einmal. Die besten „Überlebenschancen“ hatten die Glocken, die auf den sogenannten Glockenfriedhöfen lagerten, zum Beispiel in Hamburg. Dort wurden Exemplare hingebracht, die nicht sofort eingeschmolzen wurden, aber als Kriegsmaterial vorgesehen waren. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, kehrten zahlreiche Glocken in ihre Heimattürme zurück. Manche Kirchengemeinden freuten sich zudem über Glocken, die aus den deutschen Ostgebieten stammten und nach 1945 nicht in die dortigen Gotteshäuser zurückgebracht wurden.

Glocken werden bis heute im Lehmformverfahren gefertigt. Die berühmten ersten Zeilen von Schillers „Glocke“ erzählen davon: „Fest gemauert in der Erden / Steht die Form, aus Lehm gebrannt“. Bis zur Erfindung der Eisenbahn hatte nahezu jede Stadt ihren eigenen Glockengießer. „In Hannover hatte dieses wichtige
Amt beispielsweise im 17. Jahrhundert Ludolf Siegfriedt, im 18. Jahrhundert Thomas Riedeweg inne“, erzählt Jens Hage. Auf Schienen konnten Glocken auch über große Entfernungen transportiert werden. Somit konnten Kirchengemeinden ihre Aufträge auch an Gießer in anderen Städten vergeben.

Seitdem regelte der Preis die Nachfrage. „Der letzte Glockengießer im heutigen Stadtgebiet hieß Friedrich Dreyer und hatte seine Werkstatt in Linden an der Deisterstraße. Er gab dieses Geschäft in den 1880er Jahren auf“, sagt Hage. Außerhalb der Stadtgrenzen gewann für Hannover das Unternehmen Friedrich Wilhelm Schilling in Heidelberg an Bedeutung, das zwischen 1949 und 1971 mehr als 90 Glocken für hiesige Kirchen produzierte. Die Gussstahlglocken stammen vornehmlich aus dem Bochumer Verein für Gussstahlfabrikation, der 1970 seine Tore schloss.

Häufig werden Glocken an einem Freitag um 15 Uhr, also zur Todesstunde Jesu, gegossen. Eingeleitet wird der Vorgang mit den Worten: „In Gottes Namen lasst’s rinnen, stoßt den Zapfen aus. Gott bewahr’ das Haus.“

Fast alle Glocken der Stadt werden heute durch einen Elektromotor angetrieben. „Der erste elektrische Läuteantrieb wurde 1904 in der Kreuzkirche eingebaut“, sagt Experte Jens Hage, der davon träumt, sein gesammeltes Wissen einmal in einem Buch zusammenzufassen. „Leider fehlen mir dazu Zeit und vor allem Geld.“ Wenn er sich etwas Schönes gönnen möchte, fährt Hage zur Herrenhäuser Kirche und läutet dort die sechs Glocken per Hand. Das Gotteshaus von Pastorin Catharina Uhlmann ist das einzige in Hannover, in dem das Handläuten noch möglich ist. Die Gemeinde bietet das einmalige Erlebnis auch für Gruppen an. Weitere Informationen gibt Pastorin Uhlmann unter Telefon 79 31 15. „Wir nehmen kein Geld dafür, aber Spenden sind willkommen“, sagt Uhlmann.

In wenigen Tagen können die Hannoveraner wieder alle Kirchenglocken der Stadt gleichzeitig hören. An Silvester läuten alle Kirchen und Kapellen das neue Jahr ein. „Es wäre schön, dieses Zusammenspiel häufiger zu hören“, sagt Hage. Ein Gedanke voller Harmonie: Denn nach dem Krieg wurden die Glockengeläute einzelner Kirchen aufeinander abgestimmt. Aber Silvester werden sich wie jedes Jahr reichlich dissonante Töne dazwischen mogeln.

Kristian Teetz

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Nach dem Schmuddelwetter der vergangenen Tage hatten viele Menschen die Hoffnung auf weiße Weihnachten in der Region schon fahren lassen. Auch die Meteorologen sahen zuletzt wenig Chancen, dass es zu den Feiertagen schneien könnte. Am Mittwoch aber wurden die Vorhersagen noch einmal revidiert.

Mathias Klein 19.12.2012

Der hannoversche Notar Rainer K., den die Staatsanwaltschaft wegen „Falschbeurkundung im Amt“ angeklagt hatte,  ist freigesprochen worden. Nach Ansicht der 2. großen Strafkammer am Landgericht Hannover hat das Verfahren keinen Nachweis erbracht, dass der Notar von der falschen Identität eines seiner Mandanten wusste.

Michael Zgoll 19.12.2012

Im Konflikt zwischen Präsidium und Senat der Hochschule Hannover (HsH) will das niedersächsische Wissenschaftsministerium jetzt vermitteln. „Wir wollen Schaden von der Hochschule abwenden“, sagt Ministeriumssprecher Rüdiger Fischer.

Andreas Schinkel 22.12.2012