Hannover. Zwei Jahre haben beide Häuser Zeit, um zu überlegen, wie das gelingen könnte. Mehr zahlende Besucher anlocken? Den Mitarbeiterstab verringern? Ganze Abteilungen zusammenlegen oder gar schließen? Tabus scheint es keine mehr zu geben, seit Kämmerer Marc Hansmann einen Begriff in die Spardiskussion geworfen hat, den die Museumsdirektoren nur mit der Kneifzange anfassen. Die „Kostendeckungsgrade“ der städtischen Museen seien zu gering, lautet das Credo des Kämmerers.
Tatsächlich subventioniert der Steuerzahler das Kestner-Museum fast zu hundert Prozent. Jede Eintrittskarte sponsert die Stadt mit 40 Euro, für das Historische Museum sehen die Zahlen nur wenig besser aus. Das Sprengel Museum dagegen kann seine Ausgaben zur Hälfte decken, doch liegt das daran, dass das Land Niedersachsen das Museum mitfinanziert. Ohne diese Hilfe stünde das Haus vermutlich ebenso schlecht da. „Niemand kann den Kahlschlag wollen, aber eine Steigerung der Kostendeckungsgrade ist möglich“, sagt Hansmann – und die Ratspolitik widerspricht nicht.
SPD und Grüne, die Mehrheitsfraktionen im Rat, haben zwar mehrere Änderungswünsche zum Konsolidierungspaket des Kämmerers vorgebracht, die Einsparsumme von 150.000 Euro bei den Museen blieb aber unangetastet. Konsens besteht quer durch die Parteien, dass Hansmann letztlich wohl recht habe und die Museen angesichts wachsender Schulden wirtschaftlicher arbeiten müssten.
„Ich weiß nicht, wie das gehen soll, jährlich 150.000 Euro einzusparen“, sagt Wolfgang Schepers, Direktor des Kestner-Museums. Im Finanzdezernat überlegt man, die Verwaltungen für Kestner- und Historisches Museum zusammenzulegen und dadurch Personal zu sparen. In fünf Jahren geht Schepers in Pension, dann könnte auch sein Direktorenposten dem Rotstift zum Opfer fallen. 20 Stellen zählt das Kestner-Museum insgesamt, verzichtbar sei keine, meint der Direktor. Denn hinter den Kulissen leistet sein Haus sehr viel mehr Arbeit als nur die Präsentation von Ausstellungen. „Wir haben einen klaren Forschungsauftrag, müssen etwa herausfinden, woher bestimmte Exponate stammen“, erklärt Schepers. Zudem sei auch das Sammeln von kleinen und großen Schätzen sehr aufwendig. „Wir müssen mit Kunsthändlern und privaten Sammlern langwierige Verhandlungen führen.“
Reine Ausstellungshäuser haben solche zusätzlichen Aufgaben wie die Museen nicht. Sie können sich ganz auf die Konzeption ihrer Ausstellungen konzentrieren – und sind zum Teil dennoch auf öffentliche Mittel angewiesen. So stammen 40 Prozent des Jahresbudgets der Kestnergesellschaft aus der Landeskasse. Damit können aber kaum die Personal- und Sachkosten gedeckt werden. Das Gros des Etats, 1,2 bis 1,4 Millionen Euro, stemmt die Kestnergesellschaft aus eigenen Kräften, etwa über Mitgliedsbeiträge und Förderbeiträge von Firmen.
Gedanken über einen Sparkurs
Trotz aller Hinweise auf die Last der Museen kommt Schepers nicht herum, sich Gedanken über einen Sparkurs zu machen. Denn unterm Strich zieht es zu wenig Besucher in sein Museum neben dem Rathaus. 34.000 waren es im vergangenen Jahr, ein leichter Anstieg gegenüber 2010. „Man könnte unsere Mittelalter-Exponate mit Teilen der Ausstellung im Historischen Museum zusammenlegen“, überlegt er. Oder man lagere die Ägypten-Abteilung aus, verzichte auf einen Teil der Aufsichtskräfte und schließe eine Etage. Auch der Erhalt der Designausstellung, eigentlich eine Herzensangelegenheit des Direktors, steht zur Debatte. „In solche Richtungen denken wir, obwohl das eigentlich dem Auftrag unseres Gründers widerspricht“, sagt er. Der leidenschaftliche Sammler August Kestner hatte in seinem Testament festgeschrieben, dass sein Erbe „insgesamt“ erhalten bleiben müsse.
Zweihundert Jahre später wird dem Kestner-Museum vorgeworfen, ein bloßes Sammelsurium zu beherbergen – von altägyptischen Amuletten bis zum Bauhaus-Stuhl. „Wir sind eben nicht der Louvre, sondern eines der wenigen Kunstgewerbemuseen in Deutschland“, sagt Schepers.Sein Kollege vom Historischen Museum, Thomas Schwark, kann die Forderungen des Kämmerers sogar nachvollziehen. „Es ist seine Aufgabe, so zu denken. Wir denken anders“, sagt Schwark. Bildung bekomme man nicht zum Nulltarif – und Ausstellungen wie die zur Geschichte der Gastarbeiter kürzlich in seinem Hause seien nichts anderes als ein Beitrag zur politischen Bildung.
Dennoch ist es Schwark nicht gleichgültig, wie viele Menschen sein Museum besuchen. Zwar hat er mit rund 88.500 Besuchern ein sehr gutes Jahr hinter sich, dennoch denkt er über neue, noch attraktivere Ausstellungskonzepte nach. „Wir wollen weg von der bloßen Chronologie und stärker auf lebensweltliche Themen setzen“, sagt er. Das Interesse der Menschen müsse im Vordergrund stehen. So könne er sich etwa vorstellen, eine Ausstellung zum Thema „Hannovers Image“ zu planen.
Ein grundlegender Wandel wird sich in seinem Museum ohnehin vollziehen. Wenn im kommenden Jahr das Schlossmuseum in Herrenhausen zu bestücken ist, wandern viele Exponate vom Hohen Ufer in die Herrenhäuser Gärten. „Das bedeutet, dass wir unsere Dauerausstellung im Haupthaus neu arrangieren“, sagt Schwark. Auch das Gebäude selbst müsse sich verändern. Das Foyer strahle noch den düsteren Betoncharme der sechziger Jahre aus, Museumscafé und Shop sollten dringend modernisiert werden. „Dafür aber muss man Geld in die Hand nehmen“, sagt Schwark.
Im Sprengel Museum sind die Sorgen weniger erdrückend. Mit knapp 160.000 Gästen war das Haus im vergangenen Jahr das besucherstärkste Museum in Hannover. „Natürlich denken wir immer darüber nach, wie wir uns verbessern können“, betont Museumsdirektor Ulrich Krempel. Lückenhaft sei etwa die Präsenz seines Hauses in den Neuen Medien: Insbesondere junge Menschen informieren sich im Internet und über Facebook über neue Ausstellungen. „Im Grunde brauchen wir Personal, dasss sich um unseren Auftritt dort kümmert“, sagt Krempel. Nichts hält er vom Gerede über Kostendeckungsgrade: „Wir sind doch keine profitorientierten Unternehmen.“
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