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Aus der Stadt Waldemar Röhrbein ist tot
Hannover Aus der Stadt Waldemar Röhrbein ist tot
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00:15 09.10.2014
Von Simon Benne
Ist im Alter von 79 Jahren gestorben: Waldemar Röhrbein, hier mit dem damaligen Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg. Quelle: Archiv
Hannover

Ein sterbender alter Mensch, sagt man in Afrika, ist wie eine brennende Bibliothek. Wer Waldemar Röhrbein kannte, weiß, wie wahr dieser Satz ist. Der langjährige Direktor des Historischen Museums war ein grandioser Kenner der Stadtgeschichte; jemand, der im Gespräch aus dem Stegreif Wissenslücken schließen konnte, von denen der große Wissenslückenschließer Wikipedia nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Röhrbein hatte sich so lange mit Hannovers Historie beschäftigt, bis er gewissermaßen selbst ein Teil von ihr wurde – als Nestor der Stadtgeschichtsschreibung. Jetzt ist er im Alter von 79 Jahren gestorben.

„Früher wollte ich eigentlich Pauker werden – Wissen vermitteln“, hatte Röhrbein in seiner unprätentiösen Art einmal erklärt. Und auf gewisse Weise wurde er das sogar: Der frühere Lutherschüler, der in Göttingen über den „Verfassungskonflikt von 1837“ promoviert hatte, begriff früher als andere, dass Bildung Spaß machen darf – und wurde so zu einem großen Wissensvermittler.

 

Waldemar Röhrbein, ehemaliger Leiter des Historischen Museums in Hannover, ist im Alter von 79 Jahren gestorben.

Als junger Mitarbeiter hatte er in den Sechzigern beim Umzug des heutigen Historischen Museums ans Hohe Ufer eigenhändig Kisten geschleppt. Nach einer kurzen Zeit als Museumsdirektor in Göttingen kehrte er hierher zurück – und krempelte das Haus um. Fast eine Generation lang, von 1976 bis 1997, führte er das Museum – und dieses wurde unter seiner Ägide zum Publikumsmagneten.

Als andere Museen noch Orden in Vitrinen verstauben ließen, baute sein Haus im großen Stil die Museumspädagogik aus. „Bei unserem ersten Kindernachmittag wuselten plötzlich mehr als 200 Jungen und Mädchen durchs Foyer“, erinnerte er sich einmal schmunzelnd: „Die alten Aufseher wussten gar nicht, wie ihnen geschah.“ Hinter der Neuausrichtung stand sein Credo, dass Bildung eben nicht nur etwas für die Gelehrten sei. Viele redeten damals von einer „Demokratisierung des Wissens“. Er machte vor, wie diese aussehen konnte: In seinem Museum hatten nicht mehr nur die Exponate Platz, die das Walten der Mächtigen illustrierten. Er zeigte auch Werkzeuge oder Wohnstuben kleiner Leute. „Die Besucher müssen sehen, was die Vergangenheit mit ihrem eigenen Leben zu tun hat“, erklärte er immer wieder.

Dabei kam ihm jene eigene Bodenständigkeit zugute, die bei Intellektuellen seines Formats selten ist. Urhannoversche Wörter wie „verposematuckeln“ oder „pütjern“ grundierten seinen Wortschatz; der Jargon der Abgehobenen war ihm fremd. Der Tiefe seiner Gedanken tat dies keinen Abbruch. Vermutlich deshalb sind viele der Standardwerke, an denen er mitarbeitete – darunter die dickleibige „Geschichte der Stadt Hannover“ – auch bei Laien so beliebt. Bei jenen, die außerhalb des Gelehrtenzirkels stehen.

Der „Junge vom Lande“, wie der in Letter aufgewachsene Röhrbein sich selbst nannte, sorgte in Fachkreisen teils bundesweit für Aufsehen: Als eines der ersten Geschichtsmuseen zeigte sein Haus große zeitgeschichtliche Ausstellungen; er brachte die NS-Machtübernahme, die „Reichskristallnacht“ oder den Bombenkrieg ins Museum. Der Mann, der überm Schreibtisch im heimischen Reihenhaus in Bothfeld lange ein  Bild vom „Arbeitszimmer Seiner Höchstseligen Majestät des Königs von Hannover“ hängen hatte, wagte sich auf neues Terrain vor. Und er hatte Erfolg: Die Stadtgesellschaft diskutierte über die von ihm initiierten Ausstellungen – und die Besucher kamen in Scharen.

Nach seinem Abschied vom Museum avancierte er vollends zum Elder Statesman der hannoverschen Historiografie: Gemeinsam mit dem langjährigen Stadtarchivar Klaus Mlynek gab er das epochale „Stadtlexikon Hannover“ heraus. Er engagierte sich im Museumsverband und als Präsident des Heimatbundes, im Historischen Verein für Niedersachsen oder im Förderverein „seines“ Museums. Ein Strippenzieher, der zupackend und energisch sein konnte – obwohl er zugleich und bis zuletzt eine große, fast heitere Gelassenheit ausstrahlte.

Seine letzten Lebensjahre wurden von Krankheit und familiären Schicksalsschlägen überschattet. Röhrbein verbrachte sie in Emden, wo er auch seine letzte Ruhestätte finden soll. Doch intensiv verfolgte er von dort aus, was sich in Hannover tat: Die Fusion des Historischen Museums mit dem Museum August Kestner aus Kostengründen sah er kritisch. Und er schrieb weiter Bücher: Eine „Kleine Stadtgeschichte Hannovers“ etwa und vor einem Jahr einen Band über Hannovers jüdische Persönlichkeiten. Zum Schluss arbeitete er an einem Werk über Stadtdirektor Heinrich Tramm. Seine Unterlagen dazu werden nun ihren Platz im Stadtarchiv finden. Für die Historiker, die nach ihm kommen.

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