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"Ist Ihnen schon mal ein Mann umgekippt?"

Die dienstälteste Hebamme der MHH im Interview "Ist Ihnen schon mal ein Mann umgekippt?"

Doris Gaedeke ist die dienstälteste Hebamme der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Seit 30 Jahren hilft sie Kindern auf die Welt. Ein Gespräch zum neuen Jahr – über neues Leben, neue Väter, alte Mütter und die Grenzen der Hightechmedizin.

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„Am Ende haben wir alle geweint, die Mutter, das Baby und ich“: Doris Gaedeke (hier mit dem am 27. Dezember geborenen Bennett) erinnert sich noch gut an ihre erste Geburt 1983.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Frau Gaedeke, wie lange ist es her, dass Sie einem Kind auf die Welt geholfen haben?
Zwei Tage. Danach hatte ich frei. Zwillinge waren das, zwei Jungen. Gegen 16.45 und 16.46 Uhr waren sie da.

Ist alles gut verlaufen?
Ja, es war ein geplanter Kaiserschnitt. Es war ziemlich viel los um die Zeit. Vormittags waren schon drei Kaiserschnitte gelaufen, drei weitere waren geplant. Es gab einige eingeleitete Geburten, dazu Frauen mit Blasensprung. Auch da weiß man ja, in absehbarer Zeit fangen die Wehen an.

Ist es normal, dass bei Ihnen im Kreißsaal so viel zu tun ist?
Ja, das ist nichts Ungewöhnliches. Wir betreuen hier an der MHH mehr als 2500 Geburten jährlich. Dieses Jahr steuern wir auf 2650 Geburten zu. Es gibt immer viel zu tun. Man muss sich gut organisieren, Prioritäten setzen. Es gibt auch Phasen, in denen wenig los ist. Aber die sind selten.

Wie schaffen Sie es da, den Frauen ein Gefühl von Sicherheit zu geben? Stress ist für Geburten ja nicht gerade förderlich.
Auch wenn ich nicht ständig bei einer Frau in den Wehen bin, kann ich ein Vertrauensverhältnis aufbauen, sodass sie im entscheidenden Moment weiß: Sie kann sich ganz in meine Hände begeben. Ich muss natürlich merken, wenn eine Frau eine intensive Betreuung braucht. Dann lasse ich sie nicht allein.

War bei der Zwillingsgeburt vor zwei Tagen auch der Vater dabei?
Natürlich war er dabei.

Ist es heute Standard, dass die Väter die Geburt mitverfolgen?
Ja, in den meisten Fällen schon. Der gesellschaftliche Druck auf sie ist heute groß. Dabei rate ich den Frauen, Männern die Freiheit zu lassen, Nein zu sagen. Es ist oft sinnvoll, wenn sie dabei sind. Es kann aber auch hinderlich sein.

Wann ist es hinderlich?
Es gibt Männer, die wissen gar nicht, wohin mit sich. Sie tippen selbst im Kreißsaal noch auf dem Handy herum. Wir Hebammen versuchen heute, sie miteinzubeziehen. Meist klappt das. Wenn es gar nicht anders geht, bitte ich sie, ihre Handyangelegenheiten draußen zu klären.

Ist schon mal ein Mann umgekippt?
Früher ist das öfter passiert. Als ich angefangen habe, Anfang der Achtziger, durften Männer ja auch schon in die Kreißsäle. Damals wurden sie bei der Geburt noch weitgehend ignoriert. Heute binden wir sie mit ein. Die Geburt soll für sie nicht wie Fernsehengucken sein. Heute passiert es eher, dass ein Mann sagt: „Ich kann das nicht mehr mitansehen. Ich brauche eine Pause. Ich gehe mal raus.“

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Geburt?
Das war während meiner Ausbildung zur Kinderkrankenschwester, 1983. Den Beruf habe ich gelernt, bevor ich Hebamme wurde. Ich hatte noch nie eine Geburt gesehen, auch im Fernsehen nicht. Das war ja nicht wie heute, wo es auf allen Kanälen Sendungen über Geburten gibt.

Und?
Ich war vollkommen überwältigt. Am Ende haben wir alle geweint, die Mutter, das Baby und ich. Da habe ich angefangen zu überlegen, ob ich Hebamme werden soll.

Wie viele Geburten haben Sie seitdem gemacht?
Bei 1000 habe ich aufgehört zu zählen.

Was war damals anders als heute?
Früher mussten die Frauen viel mehr hinnehmen: Schmerzen beispielsweise. Anders als heute waren meist weder der Vater noch die eigene Mutter oder eine Freundin dabei. Die Frauen kamen in die Klinik und bekamen ihr Kind. Das war’s. Heute haben sie so viele Wahlmöglichkeiten: Entbindung im Hocken, Wassergeburt, Vierfüßlerstand, im Tuch, an der Sprossenwand. Ich sage manchmal im Spaß, wenn heute eine Frau im Handstand entbinden wollte, würden wir es auch versuchen. Hebammen müssen heute sehr flexibel sein.

Aber am Ende landen die meisten Schwangeren doch in Rückenlage auf dem Bett?
Es ist unterschiedlich. Irgendwann kommt jede Frau an den Punkt, wo sie nicht mehr will, wo das Kind raus muss. Nach einer, drei oder auch 30 Stunden. Das ist bei allen gleich. Der Weg dahin ist verschieden, je nachdem, wie belastbar, wie fit die Frauen körperlich sind.

Sind sie so fit wie früher?
Nicht immer. Frauen werden heute oft später Mütter. Die älteste Mutter an der MHH war 56 Jahre alt. Das ist, schon rein körperlich gesehen, etwas ganz anderes, als wenn eine Frau mit 20 Jahren entbindet.

Wie steht es um die Leidensfähigkeit? Es heißt, immer mehr Frauen wählten einen Wunschkaiserschnitt, um die Schmerzen bei der Geburt zu vermeiden?
Ja, das stimmt. Sie erhoffen sich dadurch eine entspanntere, schmerzfreie Entbindung. Aber gegen die Schmerzen können wir heute auch bei einer natürlichen Geburt viel tun. Wir bieten Akupunktur, schmerzlindernde Medikamente und eine Periduralanästhesie an. Und Schmerzen macht der Kaiserschnitt auch, nur eben nicht bei, sondern nach der Geburt.

Gibt es sonst noch Unterschiede?
Die Frauen von heute lesen sich viel mehr theoretisches Wissen über die Geburt an. Übers Internet, über Blogs, über Zeitschriften. Außerdem ist das Leben viel durchgetakteter. Das merkt man auch bei den Geburten. Auch sie sollen gut geplant, durchorganisiert sein. Manche Frauen haben Kinderzimmer und Ausstattung schon im sechsten Monat parat. Im Kreißsaal hilft das nicht immer. Es fehlt am Vertrauen ins Bauchgefühl. Bei einer Geburt muss man trotz aller Hightechmedizin auch im Jahr 2016 auf Überraschungen gefasst bleiben.

Zur Person

Doris Gaedeke, geboren am 10. Juni 1961, ließ sich direkt nach einer Ausbildung zur Kinderkrankenschwester von 1983 bis 1985 in Hannover zur Hebamme ausbilden. Seit dem 1. April 1985 arbeitet sie in diesem Beruf, zunächst im Kreiskrankenhaus Neustadt am Rübenberge, später in Volkmarsen und im hannoverschen Oststadtkrankenhaus. Seit 2004 ist sie an der MHH tätig, seit 2009 in Festanstellung.

Interview: Jutta Rinas

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