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Das ist Hannovers erste männliche Hebamme

Henriettenstift Das ist Hannovers erste männliche Hebamme

Milco Messina kommt aus Italien und ist einer von sechs Männern in Deutschland, die als Entbindungspfleger arbeiten. Für den 29-jährigen Sizilianer aus dem Henriettenstift ist sein Beruf eine Mission.

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„Cool, mal was anderes“: Milco Messina wird auf der Wochenbettstation des Henriettenstifts voll akzeptiert. Nur selten reagieren die werdenden Mütter irritiert.

Quelle: Mühlmann

Hannover. Die kleine Ida weint kläglich. Sie ist erst wenige Stunden auf der Welt. Zart fasst Milco Messina ihre Fäustchen. Die winzigen Finger öffnen sich, und das neugeborene Mädchen schläft wieder ein. Der 29-jährige Sizilianer kann gut mit Babys umgehen. Er ist Hebamme, oder, so heißt es korrekt: Entbindungspfleger.

Seit Mai 2016 arbeitet Messina auf der Wochenbettstation im Henriettenstift in Kirchrode. Ein Mann in einer Frauendomäne. Die Patientinnen waren zunächst etwas skeptisch, gibt er zu. „Die erste Reaktion, wenn sie verstehen, dass ich zum Beispiel ihren nackten Bauch angucken möchte, ist oft ein bisschen peinlich.” Ein paar Sekunden dauere es, eine halbe Minute vielleicht, dann sei alles in Ordnung. Dann haben sie den Mann an ihrem Bett akzeptiert.

Inzwischen ist er Teil des Teams

Ist es ihm schon passiert, dass Frauen nicht von ihm behandelt werden wollten? „Ja, aber es kommt vor allem bei muslimischen Frauen vor“, erzählt Messina. Das sei eine Frage der Kultur, dass sie nicht von einem Mann versorgt werden wollen. Verständlich, findet er. Aber bei deutschen Frauen habe er es fast nie erlebt. Manchmal möchten auch die allerdings lieber eine Kollegin haben, zum Beispiel, wenn eine junge Mutter beim Stillen Hilfe braucht oder bei der Begleitung zur Toilette nach einem frischen Kaiserschnitt. „Manche schämen sich. Aber da passiert nichts!“

Je älter die Frauen sind, desto lockerer werden sie. Die Spätgebärenden haben ihre Schamgrenzen deutlich weiter gesteckt, meint auch Stationsleiterin Katrin Funk. „Einer Neunzehnjährigen ist es peinlicher, wenn hier ein junger Mann kommt. Die denkt dann womöglich: ‚Der sieht jetzt meine nackte Brust oder sonst noch irgendwelche Stellen, wo eigentlich nur mein Freund hin darf.‘“ Grundsätzlich aber sei die Akzeptanz sehr hoch.

Auch die Kolleginnen hätten zunächst ein wenig Zeit gebraucht, um den neuen Mitarbeiter in ihrer Runde zu akzeptieren, erzählt Katrin Funk. Aber inzwischen ist er Teil des Teams.

Trotzdem: In Deutschland ist Messina noch eine Rarität. Das statistische Bundesamt führt nur drei Männer in diesem Job auf - bei geschätzten 23 000 Hebammen in der Bundesrepublik. Beim deutschen Hebammenverband sind sechs Männer gelistet, denn hier sind auch freiberufliche Hebammen als Mitglieder registriert.

Nina Martin, Sprecherin des Verbandes, erklärt die Hintergründe: Es ist immer noch ein sehr traditioneller Frauenberuf. Seit Jahrtausenden haben Frauen anderen Frauen bei der Geburt geholfen. Aber: „Es ist eben auch keine wahnsinnig attraktive Tätigkeit, was das Einkommen und die Karrierechancen angeht.“

Das aber soll sich bald ändern: Bis zum Jahr 2020 soll der Beruf des Entbindungshelfers akademisiert, die Gesetze dazu angepasst werden. Deutschland ist eines der letzten Länder in der EU, in denen Hebamme bisher ein reiner Ausbildungsberuf ist. Schon gibt es aber einige Hochschulen, an denen die ersten Bachelor- und Masterstudiengänge anlaufen - wie in Italien, wo Milco Messina sein Handwerk studiert hat. Mit einem solchen Abschluss in der Tasche wird der Beruf aufgewertet, man kann auch andere Laufbahnen einschlagen. „Dann“, sagt Nina Martin, „erwarten wir auch mehr Männer auf den Entbindungsstationen“.

In Italien gibt es in fast jedem Krankenhaus eine männliche Hebamme. Für Messina ist das ein Job wie jeder andere. Außer, wenn es um seine Freundin geht. „Wenn wir Kinder bekommen, dann wird es ein bisschen kompliziert. Da will ich zwar dabei sein, aber den Rest macht die Kollegin!“

Das schlimmste Erlebnis in seinem Beruf? „Die leere Wiege“, sagt er leise. Totgeburt, das hat er auch schon erlebt auf der Station. Da könne man einfach nur freundlich bleiben, und sagen: „Wenn Sie etwas brauchen: Ich bin immer da.“

Milco Messina stammt aus Mazara del Vallo auf Sizilien, direkt am Mittelmeer. In seiner Heimat hat er drei Jahre lang seinen Beruf studiert. 2012 machte er den Abschluss - und war erst mal arbeitslos. Das Gesundheitssystem in Italien funktioniere einfach nicht. Viele Angestellte gehen zu spät in Rente, und die Berufseinsteiger bekommen keinen Platz. „Wir waren fast 1000 Hebammen ohne Job.“ Anders in Deutschland: Hier herrscht akuter Mangel an Entbindungspflegern.

Vier Jahre lang fand Messina keine Anstellung. Ein harte Zeit. Damals hat er sich sein Motto tätowieren lassen, an der Innenseite seines Oberarmes: „It can’t rain all the time“ - es kann nicht immer regnen. So kam ihm das vor, als ob er die ganze Zeit im Regen stünde. Ein Beruf, den er liebte, einen Abschluss in der Tasche, eine Mission im Herzen - nur keinen Job.

Eigene Geburt als Motivation

Milco Messina hat sich aus einer bestimmten Motivation für diese Laufbahn entschieden: „Es ist meine persönliche Geschichte. Bei meiner eigenen Geburt kam es zu einer Notfallsituation: Schulterdystokie an beiden Seiten.“ Das ist eine seltene, aber äußerst gefährliche Komplikation, wenn die Schultern eines Babys im Geburtskanal stecken bleiben. Messina und seine Mutter haben Glück gehabt. Also hat er seine eigene Vergangenheit zu seinem Schwerpunktthema gemacht. Seine gesamte Abschlussprüfung schrieb er über Schulterdystokie. Er kennt die Theorie, die Manöver, die ein Geburtshelfer praktizieren muss. „Bisher habe ich es zum Glück noch nie erlebt - weil es so schlimm ist. Aber ich bin vorbereitet, ich weiß genau, was ich tun muss.“

17 Betten sind gerade belegt auf der Entbindungsstation im Henriettenstift. Milco ist seit 6 Uhr im Dienst. Er wickelt, wäscht, gibt Spritzen oder Ratschläge, tröstet auch mal eine weinende Mutter, der ihr neues Familienglück im Hormonrausch über den Kopf wächst. Seine Stimme klingt verhalten, fast zart. Höflich und behutsam nähert er sich den Frauen. „Stell dich nicht so an“ - das wird eine frischgebackene Mutter von ihm nicht hören. Solch strenge Worte, meint auch Stationsleiterin Katrin Funk, kommen im Zweifel eher von einer Geschlechtsgenossin. „Männer sind teilweise feinfühliger als Frauen.“

Susann Treugebrodt, die Mutter der kleinen Ida, hat keine Probleme mit einem Mann an ihrem Wochenbett. „Cool, mal was anderes“, habe sie gedacht, als Milco in seiner blitzweißen Uniform vor ihr stand. „Er wird schon wissen, was er tut. Ich habe keine Berührungsängste, wenn er keine hat.“ Und sie ergänzt lakonisch: „Die Männer kennen unsere Körper ja genauso wie eine Frau auch” - aus der Perspektive oft sogar besser.

Sophie Mühlmann

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