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Hannovers tapfere Schneiderlein

Junge Designer Hannovers tapfere Schneiderlein

Etwa 70 junge Designer beenden jährlich ihre Ausbildung an Hannovers Modeschulen – und immer mehr von ihnen entscheiden sich hierzubleiben und ein Geschäft zu eröffnen. Doch der Alltag als Modedesigner in der Leinestadt ist nicht einfach. Ein Blick in die junge Szene.

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Melanie Weigel, Modedesignerin vom Label Van Rolt, produziert in ihrem Zuhause.

Quelle: Martin Steiner

Hannover. Manchmal muss man etwas verwinkelte Wege gehen, um die Modedesigner in Hannover zu finden. Unweit des Königsworther Platzes, in einer kleinen Seitenstraße im zweiten Stock eines unscheinbaren Altbaus, trifft man auf Melanie Weigel. Vier Namen stehen auf dem Klingelschild, die Jungdesignerin wohnt in einer WG. In ihrem kleinen Zimmer schneidert und näht sie, zeichnet Entwürfe für ihr eigenes Label „Van Rolt“, macht die Buchhaltung und schreibt in ihrem Modeblog im Internet über ihre Ideen. „In diesem Haus wohnen insgesamt drei Designer“, erzählt die Modemacherin. Der alte Dielenboden knatscht, wenn man darübergeht, im Bücherregal sind Ausgaben der „Vogue“ neben Stoffen und Aktenordnern sortiert, an der Wand sind Kleiderstangen befestigt – hier hängt Weigels Arbeit. Das gelbe Plisseekleid aus Seide sticht sofort heraus. Es verkauft sich derzeit am besten. Und das ist zumindest ein Anfang.

Drei Modeschulen hat Hannover: den Studiengang Modedesign an der Fachhochschule, die Fahmoda und die M3 – etwa 70 Absolventen beenden Jahr für Jahr hier ihre Ausbildung. Viele kommen beispielsweise in der Modeindustrie unter, ehemalige FH-Studenten arbeiten heute bei Boss, Gerry Weber oder dem britischen Modeschöpfer Hussein Chalayan, andere wandern in die Modemetropolen Berlin oder Düsseldorf ab. Doch immer mehr junge Kreative entscheiden sich für ihre Heimatstadt und versuchen, sich neben etablierten Namen wie Rike Winterberg oder Ann Müller in der Stadt einen Namen zu machen. „Die Modebranche in Hannover ist breit aufgestellt und wächst stetig“, sagt Martina Reuschel, Projektleiterin bei Gründerinnen Consult. Das bestätigt auch Fahmoda-Direktorin Karin Lilienthal: „Der Trend zu kleinen Läden ist auch hier angekommen – die Designer müssten nur noch selbstbewusster sein.“

Melanie Weigel ist eine von den neuen, jungen Modemachern. 2009 hat sie ihren Abschluss an der Fahmoda gemacht, Anfang dieses Jahres gründete sie ihr eigenes Label „Van Rolt“. Klare, elegante Formen und hochwertige Stoffe sind ihre Kennzeichen. Ein eigenes Geschäft hat sie nicht, ihr Vertriebsweg ist das Internet, ihr Marketing sind persönliche Weiterempfehlungen, ab September sind ihre Stücke bei Stoffreich in Linden und in einem Geschäft in Hamburg zu haben. 500 Euro Miete muss sie für die Kleiderstange in der Hansestadt bezahlen. Dass sich das auch lohnt, kann sie nur hoffen. „Alles, was ich verdiene, stecke ich derzeit wieder ins Label, ich selbst lebe auf Studentenniveau“, sagt Weigel. Doch es geht großen Schrittes voran: Auf der nächsten Berliner Fashion Week wird sie ausstellen, und auch sonst häufen sich die Anfragen in ihrem Posteingang. Für Hannover hat sich die Designerin bewusst entschieden: „Hier kann man noch was aufbauen“, sagt sie. Doch dafür wünschte sich die Jungunternehmerin etwas mehr Unterstützung: Gute Ideen gebe es hier zuhauf, doch es fehle an der Vernetzung, einer Anlaufstelle für die kreativen Modemacher. „Die Stadt könnte auch Ateliers zu günstigen Mieten anbieten“, schlägt Weigel vor.

Das kann auch Sabine Wilp, Sprecherin der Handwerkskammer, unterstreichen: „Andere Städte machen mehr, um die Leute da zu halten.“ Es sei bisher symptomatisch, dass die Kreativen abwandern, sagt Wilp. „Ich würde mir wünschen, dass Hannover das Potenzial nicht weglaufen ließe.“ Bezahlbare Werkstätten und die Einrichtung eines Netzwerks unter Designern seien nötig. „Die Anerkennung der Branche fehlt, das Thema Mode wird hier nicht ernst genommen – es gibt zu wenig Unterstützung der Politik“, kritisiert auch Fahmoda-Direktorin Lilienthal. Gerade erst haben die jungen Designerinnen und Bloggerinnen Hanna Janzen und Inga Stichling von „We Make The Cake“ ihre Heimat Hannover gegen Berlin eingetauscht. „Schade“ findet Sabine Wilp das. Die bedruckten Jutebeutel der Modemacherinnen mit der Aufschrift „George, Gina & Deine Mudder“ sind derzeit in vielen Modemagazinen präsent.

Projekte zur Unterstützung der Kreativen hat es immer mal wieder gegeben – die Deisterstraße ist dabei zum Synonym geworden: für eine gute Idee auf der einen und das Scheitern Hannovers als Modestadt auf der anderen Seite. 2007 taten sich der „Arbeitskreis Deisterstraße“, das Quartiermanagement und Hausbesitzer zusammen und entwickelten die Idee, die heruntergekommene Straße in Linden-Süd mit Mode aufzupeppen.

Die städtische Wirtschaftsförderung und hannoverimpuls starteten daraufhin einen Wettbewerb, spendierten 10 000 Euro Preisgeld und garantierten ein Jahr lang freie Miete. Heute ist von dem kreativen Schwung von damals nicht viel übrig, viele Geschäfte sind abgewandert. Entweder fehlte ihnen die Laufkundschaft, die sich für die Straße nicht recht begeistern wollte, oder die inzwischen fällige Miete war nicht mehr bezahlbar. Modedesignerin Lucy Winkler gewann damals zusammen mit Ann-Kristin Raaber den ersten Preis (5000 Euro) beim StartUp-Wettbewerb – sie eröffneten auf der Deisterstraße einen Schauraum für Mode und Kunst. „Grossstadtrekorder“ ist jedoch seit dem vergangenen Jahr geschlossen, Winkler arbeitet nun zu Hause und vertreibt ihre Mode über Internet und Messen. „Es war wirklich eine gute Idee, aber es war irgendwie nicht zu Ende gedacht“, sagt sie. Nach dem Jahr Mietfreiheit musste sie eine Staffelmiete bezahlen, der ihnen zugewiesene Laden war mit 100 Quadratmetern zu groß und zu teuer. Als Raaber sich dann anders orientierte, wollte Lucy Winkler das Geschäft nicht allein weiterführen. „Ein Problem war auch, dass die Leute aus anderen Stadtteilen sich da nicht hingetraut haben“, sagt Winkler.

Ein neuer Versuch, die Designszene zu fördern, wird derzeit in der Stephanusstraße in Linden ausgetestet: Seit März hat dort der Laden „Durchbruch“ geöffnet – ein Projekt von Gründerinnen Consult der Wirtschaftsförderung hannover impuls. Hier können bis zu zehn Kreative zeitgleich „Unternehmerinnen auf Probe“ sein und in dem Geschäft ihre Waren unter realistischen Marktbedingungen verkaufen. 60 Euro kostet die Shopnutzung für vier bis acht Wochen einmalig. Bis Ende des Jahres ist das Projekt anvisiert, ob es weitergeführt wird, entscheidet sich im letzten Jahresquartal. Es sind schon fast alle Plätze ausgebucht.

Anne Zorn wird im September versuchen, mit dem „Durchbruch“ vielleicht den Durchbruch zu schaffen. Noch werkelt sie etwas einsam in einer Hinterhofwerkstatt in der Limmerstraße, auch sie hat an der Fahmoda gelernt, auch sie wollte in Hannover bleiben – und merkt, dass das nicht so einfach ist. Dabei hatte sie über die Entscheidung, sich selbstständig zu machen, fast ein Jahr nachgedacht. „Ich musste mich erst trauen“, sagt Zorn. „RockXanne“ heißt ihr Label, ihre Sachen sind bunt, poppig, sportlich-verspielt, die Zweitlinie „Frau Zorn“ ist an Gothik orientiert. „Für meine Labels finde ich kaum Zeit“, sagt die 26-Jährige.

Melanie Weigel, Modedesignerin vom Label Van Rolt, produziert in ihrem Zuhause.

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Um Geld zu verdienen, erledigt sie viele Auftragsarbeiten: Drei Brautkleider hat sie in diesem Jahr entworfen, zudem Blusen und Kleider für Kundinnen um die 50 Jahre. Das Altstadtgeschäft „Berliner Prêt-à-porter“ verkauft Zorns Design, sonst verlässt sie sich auf Mund-zu-Mund-Propaganda. Nun will sie vermehrt Vintage-Mode anbieten und aus sechziger- und siebziger-Jahre-Stoffen Kleidungsstücke nach Wunsch der Kunden fertigen. Sie habe reichlich zu tun, sagt Zorn, doch trotzdem kann sie ihren Lebensunterhalt nur schwer allein bestreiten. Im Herbst arbeitet Zorn zusätzlich als Honorardozentin an der Fahmoda.

Lara Blunk sind diese Probleme fremd, vor zwei Monaten erst hat die Produktdesignerin in der Oststadt ihr Ladenatelier „Lieb es bunt“ eröffnet. „Ich bin sehr zufrieden, es läuft gut“, sagt sie. Die 27-Jährige bietet Pop-Mode mit witzigen Details an: Kapuzenschals, Kragenkleider, witzige Accessoires. Schon nach wenigen Wochen ist Blunk gewiss: „Der Markt für handgemachte Mode ist in Hannover auf jeden Fall da.“

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