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Aus der Stadt Hannovers vergessene Partnerstadt
Hannover Aus der Stadt Hannovers vergessene Partnerstadt
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15:11 17.09.2013
Von Simon Benne
Ein Brückenschlag faschistischer Bruderländer: Staatsminister Roberto Farinacci (links) zeigte sich 1940 mit NS-Oberbürgermeister Haltenhoff vorm Hauptbahnhof. Quelle: Historisches Museum
Hannover

Der Besuch des Staatsmannes verlief grotesk: Im September 1937 kam Italiens Diktator Benito Mussolini nach Deutschland und legte bei einer Bahnfahrt mit Hitler auch einen kurzen Zwischenstopp in Hannover ein. Als er im Hauptbahnhof aus dem Zugfenster schaute, überreichte ihm eine Delegation einen Conti-Reifen, der als Präsentkorb hergerichtet war. Darin fanden sich Bahlsen-Kekse, Sprengel-Schokolade, Pelikan-Füller - und ein silbernes Pferd als Symbol für das echte Tier, das die Stadt dem „Duce“ bei dieser Gelegenheit kredenzte.

Es war der Beginn einer wundersamen Freundschaft: Bald reiste Hannovers NS-Oberbürgermeister Henricus Haltenhoff nach Rom, um das Ross zu übergeben, das angeblich zu Mussolinis Lieblingspferd wurde. Es entspannen sich Kontakte, die schließlich in einer Städtefreundschaft mündeten: Von 1938 an war das oberitalienische Cremona, die Stadt Monteverdis und Stradivaris, Hannovers erste Partnerstadt.

Jetzt hat Cornelia Regin, die Leiterin des Stadtarchivs, die vergessene Städtepartnerschaft anhand alter Akten aus ihrem Haus erforscht - und ein bemerkenswertes Stück Geschichte ans Licht gebracht.

Treibende Kraft bei dem Städtebündnis war der mächtige italienische Staatsminister Roberto Farinacci, der aus Cremona kam und parallel zur faschistischen „Achse Berlin-Rom“ seine eigene „Achse Hannover-Cremona“ aufbaute. Bei seinen Besuchen in Hannover wurde der germanophile Antisemit stürmisch bejubelt. Nach einem Arbeitsabkommen kamen 1938 mehr als 600 Italiener - viele aus der Provinz Cremona - als Erntehelfer in die Region Hannover. Im selben Jahr meldeten sich in Cremona mehr als 300 Italiener zu Deutschkursen an.

„Die Städtefreundschaft wurde nie mit einem Vertrag besiegelt, aber sie hatte bereits viel von alldem, was Städtepartnerschaften nach dem Krieg auszeichnete“, sagt Historikerin Regin: Offizielle Delegationen besuchten sich gegenseitig, auch „Jungmädelgruppen“ reisten nach Italien. Schüleraustausch und Studienstipendien wurden angebahnt. Hannovers Hitlerjugend beschäftigte sich mit italienischer Kultur, und im Kuppelsaal gab es einen italienischen „Kraft durch Freude“-Tanzabend. An der Bismarckschule wurden Italienischkurse eingerichtet. Und großzügig förderte die Stadt die „Deutsch-Italienische Kulturelle Vereinigung“, die mit Lesungen und Vorträgen in den Bahnhofsgaststätten Brücken ins faschistische Bruderland schlug.

Auch im Krieg hielt die Partnerschaft zunächst: Cremona lud Kriegswaisen aus Hannover zur Sommererholung ein. Als Italien in den Krieg eintrat, wurde Mussolinis Rede am 10. Juni 1940 auf dem Opernplatz übertragen, italienische Landarbeiter hörten zu. Bald darauf schenkte die Stadt dem Faschistenführer Farinacci einen Jagdhund - und da „Borno“ nur deutsche Kommandos verstand, lieferte ein Begleitkommando das Tier in Cremona ab. Großen Zuspruch fanden auch Ausstellungen zum Kunstwettbewerb „Premio Cremona“, die 1940 und 1941 im Künstlerhaus zu sehen waren. Goebbels persönlich lobte die Bilder, die das glorreiche italienische Feldarbeitertum feierten. Fünf der Gemälde lagern bis heute im Depot des Sprengel Museums.

Im Gegenzug eröffnete in Cremona 1943 die Kunstschau „Mensch und Landschaft in Niedersachsen“ mit Werken von Grethe Jürgens, Hans Koken und anderen Malern. Doch noch im selben Jahr wurde Mussolini gestürzt, Italien und Deutschland waren plötzlich Kriegsgegner - und die Städtefreundschaft hatte sich erledigt. Später geriet sie in Vergessenheit. „Mit einer italienischen Kommune“, sagt Regin, „hat Hannover seither nie wieder eine Städtepartnerschaft geknüpft.“

Am 23. September, 19 Uhr, spricht Regin im Theatermuseum des Schauspielhauses, Prinzenstraße 9, als Gast der Deutsch-Italienischen Kulturgesellschaft über die „Achse Hannover-Cremona“.

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