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Aus der Stadt Die Chefin kommt
Hannover Aus der Stadt Die Chefin kommt
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00:16 17.04.2016
Von Gabi Stief
Will seelisch 
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Jasmin Arbabian-Vogel. Quelle: Eberstein
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Hannover

Manchmal ist das Leben tatsächlich so, wie es in schlauen Büchern beschrieben wird. Als Jasmin Arbabian-Vogel mit 28 Jahren nach ihrem Politikstudium ihr erstes Unternehmen gründete, geriet sie bereits nach ein paar Monaten mit ihrem Kompagnon in Streit. Er plädierte für schnelles Wachstum und träumte vom Cabrio vor der Tür; sie wollte lieber „sanft“ groß werden und erst einmal ihren Mitarbeitern ein Weihnachtsgeld garantieren. Ähnlich liest sich das in Studien, die der Frage nachgehen, ob Frauen Firmen anders führen als Männer. Die Chefs, heißt es, suchten eher das Risiko und den Gewinn, während Chefinnen mehr zum soliden und sozialen Wirtschaften neigten.

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Jasmin Arbabian-Vogel.

Jasmin Arbabian-Vogel, eine Deutsch-Iranerin, hat jedenfalls damals allein weitergemacht, ohne den Mitgründer. Mit Erfolg. 1996 startete sie ihren interkulturellen Pflegedienst in Linden mit 15 Mitarbeitern und 30 Patienten. Heute kümmern sich 100 Pflegekräfte um etwa 200 Patienten. In den vergangenen zwei Jahren sind drei weitere Firmen dazugekommen – eine Agentur für haushaltsnahe Dienstleistungen, ein zweiter ambulanter Pflegedienst und ein Yoga-Studio, das nebenbei auch von den Pflegekräften genutzt wird. „In dem Beruf muss man sich seelisch ab und an erden“, sagt die Firmenchefin. Nicht nur das. Auch Karriereförderung ist in der Branche wichtig, in der Fachkräfte dringend gesucht werden. Anfang des Jahres hat Jasmin Arbabian-Vogel beschlossen, ihre Pflegedienstleiterin, die einst als Auszubildende ins Unternehmen kam, zur zweiten Geschäftsführerin zu machen. „Frauen in Führungspositionen sind noch keine Selbstverständlichkeit“, sagt sie. Im Gegenteil. Trotz Quotendebatte sei der Anteil von Frauen in deutschen Vorständen gesunken.

Das Thema verfolgt sie mit Leidenschaft. Seit vier Jahren auch an der Spitze des Unternehmerinnenverbands (VdU) in Niedersachsen. Wer es wagt, die zierliche Firmenchefin und Mutter von zwei halbwüchsigen Kindern nach der Notwendigkeit eines reinen Frauen-Netzwerks zu fragen, bekommt ein engagiertes Plädoyer der 47-Jährigen zu hören. Von „afghanischen Verhältnissen“ ist dann die Rede. Von Wirtschaftsverbänden, in denen die Frauen am Katzentisch landen, sobald sie nicht die männlichen Spielregeln befolgen. „Wer nicht die Bundesliga rauf und runter kennt, ist dort Außenseiter.“ Frauen hätten andere Bedürfnisse, andere Interessen als ihre Kollegen; deshalb dürften sie die politische Lobbyarbeit nicht den Männern überlassen.

Ihr Können ist gefragt: Wirtschaftsinformatikerin Julia Schwab.

Auch Julia Schwabs Geschichte beweist, dass etwas dran ist an der These, dass Frauen „anders“ gründen und finanzielle Risiken scheuen. Als die Wirtschaftsinformatikerin nach neun Jahren Festanstellung im vergangenen Jahr mit einem eigenen Unternehmen namens Simficient an den Start ging, musste sie nicht bei der Bank vorsprechen. Sie hatte sich das notwendige Kapital über Jahre zusammengespart. In den ersten Monaten arbeitete sie bis zu 14 Stunden am Tag und gab nur das Nötigste aus. Binnen eines Jahres hat sie bereits vier Mitarbeiter eingestellt und eine solide Rücklage angespart. Sollten die Einnahmen wegbrechen, könnte sie ein halbes Jahr lang die Gehälter aus der Notkasse zahlen. „Frauen plagen sich häufiger als Männer mit der Angst, zu scheitern“, sagt sie.

Damit ist aber vorerst nicht zu rechnen. Julia Schwabs Können und Ideen sind gefragt: Die 36-Jährige schreibt Softwareprogramme, mit denen Unternehmen Geld sparen können. Wenn Urlaubszettel noch handschriftlich ausgefüllt werden, entwickelt sie eine digitale Variante. Sie modernisiert auf Wunsch das Bestellwesen oder automatisiert den Umgang mit Kundenbeschwerden. Es geht um mehr Effizienz und höhere Qualität, aber auch um Rationalisierung.

Julia Schwab hat sich daran gewöhnt, dass sie noch eine Exotin in ihrem Gewerbe ist. Bereits in der Schule war sie eines der wenigen Mädchen, die sich für Mathematik begeisterten. Im Informatikkurs reifte dann ihr Berufswunsch. Der Wirtschaftsinformatik-Studiengang, den sie in Hamburg belegte, zählte 120 Studierende; gerade einmal 10 Prozent davon waren Frauen.

Lebt für ihre Ideen und Projekte: Anna Brandes.

Für Anna Brandes sind Kinder noch kein Thema. Momentan lebt sie für ihre Ideen und Projekte, für die sie vor vier Jahren einen gut dotierten Posten in einem Reisekonzern aufgegeben hat. Ein Jahr lang studierte die 37-Jährige in Amsterdam an einer privaten Business-School für kreatives Unternehmertum, um herauszufinden, welche Geschäftsidee für sie infrage kommt. „Ich wusste, da wartet mehr auf mich“, sagt sie. Jetzt bietet sie Firmen unter dem Namen „Waldlichtung“ Ideen-Dinner an, Geschäftsessen der besonderen Art. Auf dem Speisezettel stehen interessante Gespräche mit Experten zu einem Thema, das der Auftraggeber vorgibt. Mal geht es um Branchentrends, um Gesundheitsfragen oder um vermeintlich profane Probleme wie die Zukunft der Steuererklärung, über die Steuer- und Finanzfachleute kürzlich in einer Runde diskutierten. Anna Brandes übernimmt die Rolle der Gastgeberin und Moderatorin; eine Köchin stellt ein Menü zusammen, das sich kulinarisch dem Abendthema anpasst; und eine Illustratorin fasst alles in einem visuellen Protokoll zusammen.

„Frauen definieren Erfolg anders als Männer“, sagt Jasmin Arbabian-Vogel. „Sie führen emotionaler, mit mehr Empathie.“ Allerdings gebe es Hoffnung, denn bei jungen Männern wachse die Bereitschaft, andere Prioritäten zu setzen und auch mal ein Wickel-Volontariat zu absolvieren. Der Karriere müsse dies nicht schaden, meint die VdU-Vorsitzende. Sie selbst hat schließlich bewiesen, dass Beruf und Familie vereinbar sind. In dieser Frage könnten auch Frauen noch etwas von ihr lernen. Ihr Tipp: Mütter sollten nicht danach streben, dass der Sohn bereits mit drei Jahren Chinesisch spricht und Klavier spielt. „Frauen stehen sich selbst im Weg, wenn sie zu viel wollen.“

Folgt ihrem Bauchgefühl: Bauingenieurin Anja Schumann.

Auch Anja Schumann verdient in einer Männerwelt ihr Geld. Die studierte Bauingenieurin springt kurzfristig ein, wenn Personal fehlt, und übernimmt für Architektur- und Ingenieurbüros bei einem Projekt die Bauüberwachung. Wenn sie dann Bauarbeitern sagen muss, was falsch gelaufen ist, kann es schon mal vorkommen, dass weibliche Diplomatie gefragt ist. „Gerade wenn es um fachliche Entscheidungen geht, nehmen mich nicht alle Männer ernst“, erzählt sie. „Wichtig ist dann, das Ganze in einem gemeinsamen Gespräch zu klären, ohne die Chefinnenrolle zu betonen.“ Zu gutmütig dürfe sie aber auch nicht sein; schließlich müsse sie sich durchsetzen. In der Regel folge sie ihrem Bauchgefühl.

Anja Schumann hat nicht von der Selbstständigkeit geträumt. Als sie vor zwei Jahren erstmals auf Kundensuche ging, war sie arbeitslos. Heute ist sie froh, dass sie den Sprung gewagt hat. „Das schlechte Gefühl, weder dem Arbeitgeber noch der Familie gerecht zu werden, was mich früher oft plagte, verspüre ich nun nicht mehr.“ Den Dachboden zu Hause hat sie zu einem Homeoffice ausgebaut. Ihre Termine erledigt sie durchweg vormittags. Ab 14 Uhr ist die 38-Jährige für die zwei Kinder da, die noch die Kita und die Schule besuchen.

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