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Hannoverscher Preis der Zivilcourage verliehen

Ehrung Hannoverscher Preis der Zivilcourage verliehen

Geistesgegenwärtig haben zwei Hannoveraner im Dezember zwei Kinder vor einem Sextäter beschützt. Am Mittwoch, am Tag der Zivilcourage, erhielten sie dafür einen Preis.

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Thomas Wohkittel und Jonas Wahle wurden mit dem Preis der Zivilcourage geehrt. Die beiden hatten im Dezember zwei Mädchen vor einem Sextäter geschützt.

Quelle: Florian Wallenwein

Hannover. Eigentlich fährt Thomas Wokittel selten Bus, aber an diesem Tag in der Vorweihnachtszeit tut er es eben doch. In die Stadt, Geschenke kaufen. Und eigentlich steigt Jonas Wahle auf dem Weg von der Schule nach Hause am Aegi meistens in die Bahn. Nicht aber an diesem kalten Dezembertag. Da friert er, der Bus kommt ihm zupass, und so steigt er ein. Heute kann man sagen, dass es ein Glück ist, dass Wokittel und Wahle an jenem 20. Dezember 2010 den Bus nehmen. Denn vermutlich bewahrt genau dieser Umstand zwei elfjährige Mädchen vor einem Sextäter.

Thomas Wokittel sitzt in der Mitte des Busses, Jonas Wahle vorne, als die beiden Mädchen am Neuen Rathaus in Begleitung eines Mannes in den Bus steigen. Die Situation wirkt befremdlich auf die beiden Männer, die sich nicht kennen und erst eine ganze Weile später erstmals miteinander sprechen werden – und die doch unabhängig voneinander beinahe dasselbe denken und tun. „Es war Intuition, der Mann und die Kinder passten irgendwie nicht zusammen“, sagt der 48-jährige Fachkrankenpfleger Wokittel heute. Die unterschiedlichen Nationalitäten, die so gar nicht zueinanderpassende Kleidung, das alles macht ihn misstrauisch.

Die Mädchen setzen sich auf einen Viererplatz, eine neben, eine gegenüber von Jonas Wahle. Und dem 20-jährigen Fachabiturienten fällt sofort der Blick des Mannes auf, der sich auf den Sitzplatz auf der anderen Seite des Ganges niederlässt. „Der hat die beiden Mädels angehimmelt wie ein junger Mann eine junge Frau“, sagt er. „Wie verliebt.“ Wahle weiß da noch nicht, dass der Mann zuvor an der Bushaltestelle schon auf die beiden Kinder eingeredet hat, ihnen angeboten hat, sie nach Hause zu fahren oder zu begleiten. „Aber man hat gemerkt, dass die beiden Angst hatten“, sagt Wahle.

Sowohl Wahle als auch Wokittel haben Kopfhörer im Ohr, doch als das ungleiche Trio sich setzt, machen beide unwillkürlich die Musik aus. Das Gespräch zwischen dem Mann und den Kindern hören kann indes nur Jonas Wahle. Schließlich fragt der Unbekannte die Mädchen, wo sie wohnen, wo sie hinwollen, bietet ihnen an, sie mit zu sich nach Hause zu nehmen, und Wahle merkt auf. Als der Mann den Mädchen sagt, er werde mit ihnen aussteigen, wo immer das auch sei, zieht Wahle sein Smartphone aus der Tasche und tippt eine Nachricht hinein: „Ihr braucht keine Angst zu haben, ich bin bei euch“, schreibt er. Und: „Wenn er mit euch aussteigt, steige ich mit aus.“ In einem unbeobachteten Moment tippt Wahle seine Sitznachbarin an und hält ihr das Telefon hin. „Da war sie schon erleichtert“, sagt er heute. Weiter hinten im Bus kämpft Thomas Wokittel mit sich. Auch ohne das Gespräch gehört zu haben, kommt ihm die Sache komisch vor. Für alle Fälle macht er ein Handyfoto von dem Mann. Jonas Wahle tut das auch. Irgendwann kommt Wokittels Haltestelle, aber der Familienvater bleibt sitzen. „Ich dachte, wenn du jetzt aussteigst, dann hast du über Weihnachten keine Ruhe.“

An der Haltestelle Altes Dorf in Davenstedt schließlich steigen die Mädchen aus, der Unbekannte geht hinterher. Als Wokittel dem Mann folgt, hört er, wie Jonas Wahle eine Mitreisende auf den Mann hinweist. „Ich habe ihn gefragt, ob ihm die Sache auch aufgefallen ist“, sagt Wokittel heute. Dass der andere auch aufmerksam geworden ist, gibt ihm Sicherheit. „Ich musste meiner Phantasie einen konkreten Grund geben“, sagt Wokittel.

Aus der Ferne sehen beide, wie der Mann sich auf einmal von der Bushaltestelle entfernt. Vielleicht, weil eines der Mädchen behauptet hat, ihr Vater hole sie gleich ab. Vielleicht, weil er die beiden Männer bemerkt hat, die ihn beobachten. Thomas Wokittel jedenfalls ruft per Handy die Polizei an und macht sich an die Verfolgung des Unbekannten, Jonas Wahle bleibt bei den beiden Mädchen und wartet mit ihnen auf die Polizei. Wenig später schickt er von seinem Telefon das Foto des Unbekannten an die Ermittler. Und von jetzt an ist alles endgültig wie im Film.

Recht bald nämlich bemerkt der unbekannte Täter, dass er verfolgt wird. „Da hat er die Beine in die Hand genommen und ist gerannt“, sagt Wokittel. Der 48-Jährige sprintet im Schnee hinterher, das Handy mit der Polizei in der Leitung immer am Ohr. Einen guten Kilometer lang hält er Schritt, gibt dabei ständig Positionsangaben durch. „Die Polizistin am Telefon hat mich noch angefeuert, aber irgendwann war der Ofen aus“, sagt Wokittel. Als der Täter in eine Kleingartenkolonie einbiegt, verliert er ihn. Sekunden später aber schießt eine Zivilstreife schlitternd um die Ecke. Die Beamten laden den Zeugen in ihr Auto und rasen auf den schneebedeckten Straßen durch Davenstedt. Das ist inzwischen weitgehend abgeriegelt. „Wie schnell die Polizei an diesem Tag überall Straßensperren aufgestellt hat, war unglaublich“, sagt Wokittel heute. Nach gut 20 Minuten fassen die Beamten den Unbekannten. Es handelt sich um einen bekannten Sexualstraftäter.

Seit gestern sind Wokittel und Wahle Träger des Preises für Zivilcourage. Etwas anderes aber findet Jonas Wahle noch schöner: Neulich hat er eines der beiden Mädchen im 120er-Bus wiedergetroffen. „Sie hat gelächelt, mir die Hand aufs Knie gelegt und sich noch einmal richtig bei mir bedankt. Das war einfach toll.“

Der Mann, der die Mädchen damals verfolgt hat, lebt nicht mehr. Nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie hat er sich in Freiheit das Leben genommen.

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