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Hat der Caritas-Chef bei der Doktorarbeit abgeschrieben?

Plagiatsvorwürfe Hat der Caritas-Chef bei der Doktorarbeit abgeschrieben?

Hat der Geschäftsführer des hannoverschen Caritasverbands seine Doktorarbeit in wesentlichen Teilen abgeschrieben? Der Vorwurf steht im Raum und scheint recht fundiert. Der Betroffene, Andreas Schubert, wehrt sich gegen entsprechende Analysen,die auf der Internetplattform Vroniplag-Wiki einsehbar sind.

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Schubert hat gegenüber der HAZ jetzt die angeblich einzig echte Fassung seiner Doktorarbeit präsentiert.

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Schuberts Darstellung zufolge wurde wegen einer Verwechslung versehentlich eine Frühfassung seiner Dissertation geprüft und nicht die Endfassung. Er hat die zuständige Universität in Bratislava (Slowakei) gebeten, die Vorwürfe zu entkräften. Dokumenten zufolge, die der HAZ vorliegen, ist aber auch dort in der Uni-Bibliothek die Fassung mit zahlreichen Plagiatsstellen archiviert.

Der Berliner Jura-Professor Gerhard Dannemann, einer der Betreiber von Vroniplag-Wiki, ist sich sicher, es mit einem „Brutal-Plagiat“ zu tun zu haben. 65 eindeutige Plagiatsstellen seien bereits nachgewiesen, teilweise gingen sie über mehrere Seiten. Mit einem Aspekt habe es Schubert es sogar auf die Kuriositätenliste von Vroniplag-Wiki gebracht: Die gesamte Danksagung seiner in internationalen Bibliotheken hinterlegten Arbeit über Gesundheitssysteme soll von einer Germanistik-Arbeit übernommen sein - nur die Passage für Ehefrau und Sohn habe Schubert ausgetauscht. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Dannemann.

Wirklich zweifelsfrei ist bisher nur die Vorgeschichte. Schubert, seit 2013 Caritas-Chef in Hannover und somit Chef von 450 Mitarbeitern in der katholischen Sozialarbeit war zuvor bei einem amerikanischen Personaldienstleister in Dresden beschäftigt. Der finanzierte dem diplomierten Sozialwissenschaftler eine internationale Fortbildung über eine Akademie der Dresdner Universität. Schubert ergriff die Gelegenheit, 2008 einen Doktorgrad zu erwerben.

Nachträglich stellte Schubert zusätzlich zu den gebundenen Pflichtexemplaren seiner Doktorarbeit in der Slowakei freiwillig der Deutschen Nationalbibliothek noch ein digitales Exemplar zur Verfügung. Es ist für die Öffentlichkeit gesperrt, nach Angaben von Schubert sind sensible Daten über Krankenhausfinanzierung enthalten - doch sind die Vroniplag-Aktivisten an eine digitale Kopie der Arbeit gekommen. Mithilfe von Computersoftware und Überprüfungen durch Wissenschaftler sind inzwischen 65 Plagiatsstellen in der fraglichen Arbeit nachgewiesen.

Gegenüber der HAZ erklärt Schubert nun, er habe der Deutschen Nationalbibliothek offenbar versehentlich eine frühe Zwischenfassung seiner Arbeit geschickt. Darin habe er zunächst viele Fundstellen wissenschaftlicher Quellen nur einkopiert, um sie später weiter bearbeiten zu können. Seine korrekte Arbeit hingegen liege in der Bibliothek der Comenius-Universität in Bratislava. Jetzt allerdings tauchen Kopien der in Bratislava hinterlegten Arbeit auf: Der HAZ liegen Fotos der aufwendig gebundenen und von Schubert unterschriebenen Fassung vor, die in ihrer Struktur und auf etlichen Textseiten wortgleich ist mit der Arbeit, die in der Deutschen Nationalbibliothek liegt. Offenbar einziger Unterschied: Auf dem Deckblatt der in Deutschland hinterlegten Arbeit tauchen zusätzlich zur Comenius-Universität in Bratislava auch die TU Dresden und der deutsche Prof. Bernd Maelicke als Betreuer auf. War auch das erneut nur ein Klickfehler beim Dateiversand - oder ein weiteres Indiz für Selbstdarstellungsdrang, wie Kritiker vermuten? Caritas-Sprecherin Christiane Kemper räumt ein: „Herr Dr. Schubert kann nicht ausschließen, dass es auch bei der Drucklegung seiner Arbeit zu einem Fehler gekommen ist.“ Laut Prüfungsvorschrift in Bratislava aber sei „die Veröffentlichung nicht Gegenstand des Prüfungsverfahrens“ - der Doktortitel könne daher nicht wegen einer möglicherweise falschen Schriftfassung aberkannt werden. Schubert wolle aber nun nach Bratislava fahren, um sich dort Klarheit zu verschaffen.

Ungewöhnlich ist, dass eine Internetplattform wie Vroniplag-Wiki einem Plagiats-Verdachtsfall nachgeht, der bestenfalls lokales Interesse weckt. Schubert steht nicht im Licht der Öffentlichkeit wie Minister oder Abgeordnete. Der Betroffene sagt, er wisse nicht, wer ihm Böses wolle. Nach HAZ-Informationen kam der Tipp von ehemaligen Mitarbeitern, die im Konflikt mit Schubert den Caritasverband verlassen haben. Zunächst war ein kommerzieller Plagiatsjäger eingeschaltet. Seitdem sich der Anfangsverdacht als richtig herausgestellt habe, kümmert sich die angesehene Plattform Vroniplag-Wiki um das Thema.

Schubert hat gegenüber der HAZ jetzt die angeblich einzig echte Fassung seiner Doktorarbeit präsentiert. Sie ist etwas länger als der in den Bibliotheken hinterlegte Text und zeigt nach seinen Angaben bei Überprüfung mit der Software Plagscan einen Übereinstimmungswert von unter einem Prozent an. Das gilt in Fachkreisen als völlig unbedenklich. „Das ist die Arbeit, von der ich seit 2009 denke, dass ich damit promoviert wurde“, sagt Schubert. Sein Vorgesetzter, Probst Martin Tenge, gibt eine Ehrenerklärung für ihn ab. „Ich habe vollstes Vertrauen zu Herrn Dr. Schubert und keinen Zweifel an seiner Darstellung.“

Bei Vroniplag-Wiki dagegen sagt Prof. Dannemann: „Die Darstellung, es sei eine falsche Version archiviert worden, ist nicht originell, die gab es auch schon in anderen Fällen.“ Für ihn sei die Argumentation nicht nachvollziehbar: „Warum erstellt jemand angeblich eine komplette Arbeit mit Deckblatt und Danksagung aus Textkopien fremder Quellen, ohne diese zu kennzeichnen, um sie dann später umzuarbeiten? Das scheint mir nicht logisch.“ In der Sache aber liege Schubert richtig, sagt Dannemann: „Jetzt muss seine Universität entscheiden.“

Von Hermann Horstkotte und Conrad von Meding

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