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Aus der Stadt Mein Gott, dein Gott
Hannover Aus der Stadt Mein Gott, dein Gott
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08:40 18.05.2015
Von Simon Benne
Wolfgang Reinbold, Hanideh Mahaghedi, Martin Tenge und Ali Faridi. Quelle: Rainer Surrey
Hannover

Es waren denkwürdige Momente am Altar der Marktkirche. Mehr als 1000 Menschen drängten sich am 12. Januar in dem Gotteshaus, um mit einem Friedensgebet ein Zeichen gegen die fremdenfeindlichen Hagida-Demonstrationen zu setzen. Vertreter von jüdischen, christlichen und muslimischen Gemeinden standen da an jenem Abend im Gebet Seite an Seite.

Anderswo hätte es für solch eine Zeremonie wochenlange Vorbereitungen gebraucht. Die einen hätten die Redetexte der anderen vorab geprüft, Theologen hätten sich stirnrunzelnd über Formulierungen der Gegenseite gebeugt, in langen Vorbereitungsrunden hätte es endloses Gefeilsche gegeben. „In Hannover konnten wir das binnen Tagen organisieren“, sagt Wolfgang Reinbold. „Weil wir alle die Handynummern voneinander haben - und weil wir einander vertrauen.“

Der evangelische Pastor ist Vorsitzender des Hauses der Religionen. Dass die Glaubensgemeinschaften in Hannover friedlicher miteinander auskommen als anderswo, liegt auch an seiner Einrichtung. Beim ersten Golfkrieg, vor fast 25 Jahren, fanden sich erstmals Gläubige unterschiedlicher Religionen zu Friedensgebeten zusammen. Daraus entwickelten sich verschiedene interreligiöse Arbeitskreise. Während der Expo gab es den „Treffpunkt Religionen“ in der Reformierten Kirche, und vor genau zehn Jahren, zum Kirchentag in Hannover, bekam das Haus der Religionen feste Räume in der mittlerweile profanierten Athanasiuskirche an der Böhmerstraße. Auch wenn die Südstadt-Kirchengemeinde das Gebäude jüngst an einen Investor verkauft hat, wird der Religionstreff sein Domizil vorerst behalten.

Vertreter von sechs Religionen treffen sich dort regelmäßig, um Verbindendes zu suchen und Trennendes auszuhalten. Naive Gutmenschen, die sich eine friedliche Einheitsreligion zusammenbasteln wollen, sind sie nicht: „Wir versuchen nicht, die Unterschiede zwischen den Religionen kleinzureden“, sagt die aus dem Iran stammende Religionswissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi: „Es kommt nur darauf an, wie wir mit diesen umgehen.“

Für moderne, pluralistische Gesellschaften kann das eine Überlebensfrage sein. Auch in Hannover ist die religiöse Landschaft unübersichtlicher geworden: Von 529 000 Einwohnern sind heute noch 170 000 Lutheraner und 72 000 Katholiken - weniger als die Hälfte. Dazu könnten etwa 40 000 Muslime und 6000 Juden kommen - die Zahlen lassen sich nur schätzen. „Wenn es ein Miteinander geben soll, darf man einen Menschen nicht auf seine Wirtschaftskraft oder seine Sprachfähigkeit reduzieren“, sagt der katholische Propst Martin Tenge. „Seine Religion gehört dazu, wenn ich ihn kennenlernen will.“

Das Haus der Religionen leistet da Vermittlungsarbeit. Es ist eine Art Gegenentwurf zum viel zitierten Kampf der Kulturen: Wenn große Debatten um Kopftücher, Beschneidungen oder Mohammed-Karikaturen losbrechen, organisiert es Vorträge und Begegnungsabende zu den Themen. Tausende von Schülern besuchen das Haus jährlich, es gibt dort Talkrunden und Lehrerfortbildungen. Die Toleranz zu mehren - das ist ein mühsames und kleinteiliges Geschäft.

„Es ist Graswurzelarbeit“, sagt Tenge. Die Erfolge des mit mehreren Preisen ausgezeichneten Projekts zeigen sich im Kleinen: Als vor Jahren muslimische Jugendliche eine jüdische Tanzgruppe im Sahlkamp mit Steinen bewarfen, gaben Vertreter der Religionen sofort eine gemeinsame Stellungnahme ab, die in Gemeinden ausgehängt wurde. Nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo verurteilte die Muslimin Hamideh Mohagheghi bei der Interreligiösen Weihnachtsfeier in bewegenden Worten jede Art von Fanatismus. „Inzwischen sprechen Muslime ganz selbstverständlich Grußworte, wenn ein evangelischer Stadtsuperintendent oder ein liberaler Rabbiner ins Amt eingeführt werden“, sagt Reinbold. „In welcher anderen Stadt gibt es so etwas schon?“

Tatsächlich gibt es ein vergleichbares Projekt mit festen Räumen, hauptamtlichen Mitarbeitern und einem fixen Etat - den Hauptanteil an den jährlich rund 200 000 Euro tragen die Kirchen - in Deutschland nicht noch einmal. Das Beispiel könnte jetzt Schule machen: In Berlin soll für 43 Millionen Euro ein „House of One“ entstehen, eine Art Sakralbau für Juden, Christen und Muslime. Die Initiatoren haben schon in Hannover vorgesprochen und sich nach den Erfahrungen erkundigt.

„Wir sind da vergleichsweise bescheiden“, sagt Ali Faridi, der im Haus der Religionen die kleine Glaubensgemeinschaft der Bahai vertritt. Dafür habe sich das Projekt in Hannover über Jahre entwickelt: „Weil wir uns so lange kennen, vertrauen wir darauf, dass jeder das Gemeinsame fördert.“ Das ist das gemeinschaftliche Bekenntnis der verschiedenen Bekenntnisgemeinschaften: Die Religionen sollen nicht für Zwist sorgen, sondern helfen, Brücken zu bauen.

Festakt zum Jubiläum

Vor genau zehn Jahren, am 23. Mai 2005, öffnete das Haus der Religionen an der Südstädter Böhmerstraße 8 seine Türen während des Evangelischen Kirchentages. Der Geburtstag wird am Dienstag, 26. Mai, 16 Uhr, mit einem Festakt gefeiert: Der Paderborner Theologe Klaus von Stosch spricht über „Chancen und Grenzen des interreligiösen Dialogs“, es musiziert das Ensemble Camerata Vocale. Anmeldung unter (05 11) 88 25 11 oder per 
 E-Mail an info@haus-der-religionen.de.

Veranstaltungen: Im Festjahr veranstaltet das Haus der Religionen die Reihe „Religionen in Europa“. Zum Auftakt spricht Prof. Peter Antes am Donnerstag, 18. Juni, um 19 Uhr über „Judentum – Religiöse Praxis in der Diaspora“.
Projekttag: Bei einem Projekttag zur Rolle der Frau in den Religionen geht es am Sonntag, 31. Mai, ums Judentum: Alla Volodarska-Kelmereit referiert über jüdische Frauen, es gibt auch eine Besichtigung der Synagoge. Infos unter www.haus-der-religionen.de.

Vortrag: Am 24. Juni, 19 Uhr, geht es um „Gewalt in Bibel und Koran“.
Buch: Zum Geburtstag wird demnächst das Buch „Religionen in Hannover“ der Publizistin Annedore Beelte-Altwig erscheinen.be

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