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Diese Rinder fressen für den Naturschutz

Totes Moor Diese Rinder fressen für den Naturschutz

Die Region hat im Kampf gegen eine unerwünschte Baumart im Naturschutzgebiet spezielle Mitarbeiter engagiert. Es handelt sich dabei um Heckrinder – Nachzüchtungen der legendären Auerochsen. Und die machen ihren Job gut.

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Stephan Ruhnow-Thieße (von rechts), Jörg Schneider von der Region Hannover und Daniela Lahn von der Serengeti-Park-Stiftung begutachten das Werk der Heckrinder.

Quelle: Samantha Franson

Neustadt. Als Stephan Ruhnow-Thieße mit seinem Trecker über gefrorene Wege Richtung Wiesenfläche am Nordrand des Toten Moores rumpelt, wird er dort von erwartungsfroh glotzenden Rindern erwartet. „Die wissen, dass es jetzt frisches Futter gibt“, sagt der 40-Jährige Landwirt aus Neustadt-Schneeren. Auf der Gabel seines Treckers bringt er einen großen Heuballen zur Raufe auf dem Areal. Wenn alles klappt wie gewünscht, werden derlei Bringdienste künftig überflüssig. Die Rinder sollen selbst ausreichend Nahrung finden und fressen - im speziellen Dienst der Region und für den Naturschutz.

Am Toten Moor, dem größten Naturschutzgebiet der Region im Norden des Steinhuder Meeres, ist ein Projekt angelaufen. „Es geht um die Bekämpfung invasiver Neophyten“, sagt Jörg Schneider vom Team Naturschutz der Region. Heißt übersetzt: Dort wächst - wie an anderen Stellen auch - etwas, was dort eigentlich nicht hingehört und die heimische Vegetation verdrängt. Am Toten Moor handelt es sich beim Eindringling um die Späte Traubenkirsche. „Der Witz ist in diesem Fall, dass sie vor einigen Jahrzehnten gezielt von Förstern angepflanzt wurde, um die Artenvielfalt zu erhöhen“, berichtet Schneider.

Die Späte Traubenkirsche breitet sich im Toten Moor am Steinhuder Meer aus. Da sie aber zu den unerwünschten Pflanzen gehört, fressen nun Heckrinder im Auftrag des Naturschutzes die Bäume.

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Das ging gehörig nach hinten los, weil die ursprünglich in Nordamerika beheimatete Baumart einige sehr unfreundliche Verhaltensweisen zeigt. Sie breitet sich rasch aus (und heißt deshalb auch Waldpest), verfügt über ein äußerst reges Wachstum, wird in hiesigen Breiten mehr als 20 Meter hoch und bildet äußerst dichtes Blattwerk. „Da kommt so gut wie kein Sonnenlicht durch. Die Verschattung nimmt anderen Pflanzen und Bäumen das Licht zum Leben“, erläutert Scheider.

Eindämmen lässt sich die Späte Traubenkirsche nur mit tierischer Hilfe. Dafür hat sich die Region mit der Seregeti-Park-Stiftung in Hodenhagen zusammengetan. Die hält auf dem nicht für das Publikum zugänglichen Teil des Parks Heckrinder. „Es sind sogenannte Abbildzüchtungen vom Auerochsen“, erklärt Projektbetreuerin Daniela Lahn. Das massige Ur-Wildrind ist in Europa im Jahr 1627 ausgerottet worden; damals starb in Polen die letzte Kuh. Es gibt keinen Genpool mehr, aber die Gebrüder Heck, zwei Zoodirektoren aus Berlin und München, haben durch Kreuzungen von Rinderrassen versucht, ein Zuchtergebnis zu erreichen, dass dem wilden Auerochsen möglichst nahe kommt.

Das ist nicht ganz gelungen. Die Heckrinder tragen zwar auch die respekteinflößenden Hörner der einstigen Wildrinder, sind aber mit rund 140 Zentimetern Höhe am Widerrist kleiner und auch leichter. Trotzdem bringt es ein Bulle wie Ludger, Chef der Herde am Toten Moor, immer noch auf ein Gewicht von mehr als 800 Kilogramm.

Der Landwirt erhält einen Bewirtschaftungszuschuss

Dafür haben Heckrinder Eigenschaften, die Landwirt Ruhnow-Thieße zu schätzen weiß: „Sie sind robust, ruhig, vertragen Frost und Schnee und können ganzjährig draußen bleiben. Der Schneerener, der auch Milchkühe und Bisons hält, ist in das Projekt eingestiegen, weil es ihm Spaß macht. Sollten die Tiere, was erwartet wird, die Nachwuchsarbeit aufnehmen, kann er auch das Fleisch vermarkten.

Außerdem, und das freut alle Beteiligten, haben die bislang sieben Heckrinder am Toten Moor in den vergangenen Monaten genau das getan, was sie sollten. „Die Triebe der alten Späten Traubenkirsche und die Jungpflanzen sind weggefressen“, sagt Schneider. Mehr noch: Das Holz scheint ihnen so gut zu schmecken, dass sie seit Einbruch des Winters auch die Rinde der übriggebliebenen Bäume abgeschält haben. Dadurch werden diese Neophyten absterben und brauchen nicht extra gefällt zu werden.

Für sein Engagement erhält Ruhnow-Thieße einen Bewirtschaftungszuschuss, der sich an der Fläche bemisst. Das Projekt ist auf Dauer angelegt und soll ausgeweitet werden. Bisher ist das Areal mit sieben Hektar zu klein, um den Bullen Ludger zu ernähren; deshalb muss Ruhnow-Thieße auch mit Heu zufüttern. Schneider vom Team Naturschutz hofft jedoch, dass die Region weitere Fläche erwerben kann. „Wenn es geht, wollen wir auf mindestens 20, möglicherweise auch auf 50 Hektar erweitern“, sagt Schneider.

In Zukunft auch Wildpferde und Wisente?

Der Mitarbeiter vom Team Naturschutz kann auch träumen. „Die Menschen haben die Großtiere in freier Wildbahn einst ausgerottet. Jetzt bringen sie sie über solche Projekte zurück“, sagt er und träumt davon, dass eines Tages auch Wildpferde oder Wisente im Naturschutzgebiet am Steinhuder Meer unterwegs sein könnten.

Freie Wildbahn trifft es nicht ganz. Das derzeitige Weideland der Heckrinder ist mit Elektrozaun umgeben und hat ein massives Eingangsgatter. „Die Tiere haben zwar ihren ruhigen Charakter, aber wenn sie etwas stört, kann eine Begegnung für den Menschen gefährlich werden“, sagt Ruhnow-Thieße.

In den Wintermonaten wird die kleine Herde relativ unbehelligt bleiben. Wenn aber im Frühjahr wieder vermehrt Wanderer und Radfahrer unterwegs sind, dürfte der Allgemeinheit nicht lange verborgen bleiben, was da am Toten Moor für besondere Tiere grasen. Ganz in der Nähe befindet sich die Heidelbeerplantage von Neustadt-Eilvese. Schneider kann sich vorstellen, dass die gelben Wägelchen, mit denen Besucher durch die Plantage gefahren werden, auch mal bei den Heckrindern vorbeischauen.

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