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Aus der Stadt Der Fuß an der Aktentasche
Hannover Aus der Stadt Der Fuß an der Aktentasche
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00:17 21.07.2014
Von Simon Benne
Der Offizier aus Hannover gehörte womöglich selbst zu den Verschwörern. Quelle: Archiv
Hannover

Dies ist der Weg, den der Trauerzug damals nahm. Der alte General musste seinen Sohn unter den Augen der Gestapo zu Grabe tragen. Als Georg Brandt in seiner Uniform über den Engesohder Friedhof ging, stellten sich ihm die Schergen an jenem 31. Juli 1944 in den Weg: „Sie nicht, Herr General!“ Offenbar wollten sie keine Uniformierten bei der Beisetzung sehen: Die Nazis hatten das für seinen Sohn eigentlich geplante Staatsbegräbnis von einem Tag auf den anderen gestrichen. „Der Vater ging jedoch unbeeindruckt weiter, zum Grab seines Sohnes - und die Gestapo-Männer ließen ihn durch“, sagt Jürgen George Brandt.

Der 76-Jährige steht am Grab des Mannes, der hier vor 70 Jahren beigesetzt wurde. Ein mächtiger Stein, umgeben von Rhododendren, verziert mit einer verlöschenden Fackel. Sein Onkel, der Offizier Heinz Brandt, rettete Hitler in einer grotesken Duplizität der Ereignisse zweimal das Leben - und zwar ohne es zu wollen. Er selbst starb dabei. Brandt war eines der vier Opfer des Stauffenberg-Attentats vom 20. Juli 1944 - und doch fiel er bei den Nazis schon kurz nach seinem Tod in Ungnade.

In der "Hannoverschen Zeitung" erschien 1944 diese Traueranzeige für Heinz Brandt.

Von seinem Onkel hat Jürgen George Brandt, der damals sechs Jahre alt war, nur noch ein schemenhaftes Bild vor Augen. Seine Erinnerungen haben sich unentwirrbar mit den Erzählungen der Erwachsenen und Bildern alter Fotos vermischt. Eigentlich will er nicht gerne über seinen Onkel sprechen: „Das Thema wurde nach dem Krieg in der Familie verdrängt, wir redeten nur selten darüber“, sagt der Rechtsanwalt.

Kerzengrade steht der groß gewachsene Mann mit den grauen Haaren am Grab. Er selbst ist Oberstleutnant der Reserve: „Als ich 1958 Soldat wurde, galten die Attentäter des 20. Juli vielen noch als Verräter“, sagt er. Sein Onkel hätte nach dieser Logik ein Held sein müssen. Doch Heinz Brandt passte schon damals in kein Täter-Opfer-Schema. Denn ausgerechnet der Mann, der beim Anschlag auf Hitler starb, hatte gute Kontakte zu den Verschwörern. Die Historikerin Gitta Sereny vermutete, dass Brandt sogar zu ihrem Kreis zählte, am 20. Juli jedoch nicht darüber informiert war, dass der Anschlag an diesem Tag stattfinden sollte. Eine These, die ein Schlaglicht auf die chaotische Planung des Staatsstreiches wirft.

„Er wusste von Attentatsplänen“, glaubt auch sein Neffe. „Aber was genau er wusste, weiß kein Mensch.“ Verschlossen sei sein Onkel gewesen, wenn in der Familie über Politik gesprochen wurde: „Er wollte niemanden belasten.“

Am Grab: Von seinem Onkel hat Jürgen George Brandt, der damals sechs Jahre alt war, nur noch ein schemenhaftes Bild vor Augen.

Längst ist bis ins Detail erforscht, was an jenem 20. Juli geschah: Wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg seine Aktentasche mit der Bombe im „Führerhauptquartier“ unter dem Kartentisch deponierte. Wie Hitler die Explosion überlebte und der Staatsstreich scheiterte. Allein die Rolle, die Heinz Brandt dabei spielte, ist bis heute rätselhaft.

Der 37-Jährige, damals Generalstabsoffizier im Oberkommando des Heeres, hatte die Aktentasche mit dem Fuß hinter einen Sockel geschoben, um besser auf die Karte sehen zu können. So wurde Hitler nur leicht verletzt, Brandt selbst aber schwer. Zwei Tage darauf war er tot. Der Attentäter und das Attentatsopfer müssen sich gut gekannt haben, aus ihrer gemeinsamen Zeit in Hannover. Brandt war hier 1925 in ein Reiterregiment eingetreten und bald zur berühmten Kavallerieschule nahe der heutigen Husarenstraße gekommen. Die Offiziere der Schule feierten als Springreiter spektakuläre Erfolge, unter anderem bei dem Olympischen Spielen 1936. Und Brandt war einer ihrer Stars: Der Reitsporthistoriker Karl Schönerstedt bezeichnete ihn gar als „besten Reiter der Welt“.

Auch Stauffenberg kam 1934 an die Kavallerieschule. Zwei Jahre lang lebte er mit seiner Familie in einem schmucken Haus am Lister Kirchweg 21 (heute Nummer 37). Der passionierte Reiter trainierte sogar mit Brandts Mannschaft. Zu dieser Zeit konnten beide noch nicht ahnen, dass sie im Krieg Karriere machen würden - und dass sie sich ein paar Jahre später einmal mit dem „Führer“ über einen Kartentisch beugen würden, unter dem eine Aktentasche stand.

Nach dem Attentat kam Brandt in ein Lazarett. Obgleich schwer verwundet, telefonierte er vom Krankenlager aus mit seiner Frau. „Er war guter Dinge - und am nächsten Tage tot“, sagt sein Neffe Jürgen George Brandt. In den Stunden nach dem Attentat überschlugen sich die Ereignisse: Hitler persönlich beförderte Brandt posthum zum Generalmajor, offizielle Nachrufe würdigten seine „einzigartige Selbstzucht“.

Nach dem Attentat kam Brandt in ein Lazarett. Obgleich schwer verwundet, telefonierte er vom Krankenlager aus mit seiner Frau. Quelle: Archiv

Doch dann wurde das Staatsbegräbnis plötzlich abgesagt, die Gestapo zum Engesohder Friedhof geschickt, Brandts Witwe Ursula verhaftet und verhört. Hatte jemand aus dem Kreis der Verschwörer Brandt als Mitwisser denunziert? Hatte er sich im Fieberdelirium selbst belastet? Hatte man Brandt gar beseitigt, um den prominenten Reiterstar nicht als Widerständler vor Gericht stellen zu müssen, wie einige aus der Familie mutmaßten?

Sicherlich machte der Generalstabsoffizier sich 1944 keine Illusionen mehr über den Kriegsverlauf. Der heute 87-jährige Walter Mehring war damals als junger Arbeitsdienstmann in Ostpreußen, um Splitterschutzgräben auszuheben. Als er Urlaub hatte, besuchte er Brandt, der ein Vetter seines Vaters war. Dieser zeigte ihm dabei eine Karte des Frontverlaufs: „Es ist, als würde man ein Tischtuch durch ein Taschentuch ersetzen“, habe Brandt gesagt „Du musst die Truppen immer dorthin ziehen, wo sie gerade gebraucht werden.“

Brandts Vorgesetzter Adolf Heusinger, der spätere Generalinspekteur der Bundeswehr, sagte nach dem Krieg, es sei gut, dass Brandt seiner Verletzung erlegen sei: „Es gab zu viele, die wussten, dass er etwas gewusst haben muss.“ So sei ihm der Volksgerichtshof erspart geblieben.

Wenn Brandt tatsächlich mit den Attentätern sympathisierte, ist es eine bitter-ironische Wendung der Geschichte, dass ausgerechnet er durch das Verschieben der Aktentasche Hitler unfreiwillig das Leben rettete - und das zum zweiten Mal. Am 13. März 1943 hatte er Hitler bei einem Besuch der Heeresgruppe Mitte in Smolensk begleitet. Die Offiziere Henning von Tresckow und Fabian von Schlabrendorff baten den nichtsahnenden Brandt, in Hitlers Flugzeug ein Paket mitzunehmen - angeblich zwei Flaschen Cointreau, eine Wettschuld gegenüber einem befreundeten Oberst. Die Bombe, die in dem Paket steckte, explodierte jedoch nicht. Brandt hatte das Paket im eiskalten Frachtraum deponiert. Dort war der Säurezünder eingefroren.

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