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Wenn Mama mit zur Uni kommt

„Helikopter-Eltern“ Wenn Mama mit zur Uni kommt

Von wegen Selbständigkeit: Immer mehr "Helikopter-Eltern" helfen ihrem Nachwuchs den Uni-Alltag zu meistern, indem sie bei der Wohnungssuche helfen, Papierkram erledigen und auch mal die Dozenten anrufen. Warum Studierende und ihre Eltern heute mehr aneinander hängen als früher.

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Eltern tauchen an der Uni seit einigen Jahren immer häufiger auf.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. An diesem Tag wollte sie einfach dabei sein. Ihre Tochter hat den Bachelor gemacht, gerade holt sie sich ihr Zeugnis ab - und so lange wartet die Mutter im Lichthof der Leibniz Universität. Sie ist extra aus ihrem Heimatort bei Bremen nach Hannover gekommen, um Manuela an diesem Tag zur Uni zu begleiten: „Ich habe meine Tochter hier aber ohnehin regelmäßig besucht“, sagt Elke Müller (Name geändert). „Natürlich haben wir ihr auch beim Einzug in ihre Wohnung geholfen - und am Wochenende ist sie ja fast immer nach Hause gekommen.“

Eltern tauchen an der Uni seit einigen Jahren immer häufiger auf. Das Durchschnittsalter der Studenten ist nach Schulzeitverkürzung und Wegfall der Wehrpflicht deutlich gesunken. An der Leibniz-Uni hat sich die Zahl jener Studierenden, die erst 18 Jahre alt sind, seit 2009 etwa verzehnfacht. Je jünger die Studenten sind, umso willkommener sind ihnen ihre Eltern als Helfer bei der Wohnungssuche, beim Umzug und der Erledigung des Papierkrams. Besonders wenn, wie jetzt in wenigen Tagen, das neue Semester beginnt, tauchen viele Mütter und Väter in Wohnheimen und auf Institutsfluren auf.

Unter Dozenten kursieren mittlerweile Horrorgeschichten über „Helikopter-Eltern“, die ihr Kind auch bei der akademischen Karriere gerne im Blick behalten wollen. Sie rufen schon mal bei Professoren an, um sich zu erkundigen, wie sich der Sohn so macht oder warum die Tochter kürzlich eine miese Note nach Hause gebracht hat.

„Die Anteilnahme der Eltern ist größer geworden“, sagt Christiane Stolz, die seit mehr als zehn Jahren in der Studienberatung der Uni arbeitet. Sie kann von Müttern und Vätern berichten, die sich telefonisch nach Prüfungsergebnissen erkundigen oder wissen möchten, was ihr Sohn in der Beratung denn so gesagt hat. „Daraus spricht eine Form großer Fürsorge“, sagt sie diplomatisch: „Manche Eltern sind sehr behütend, andere haben Schwierigkeiten, ihr Kind loszulassen.“ Zeitweise hat die Uni sogar Veranstaltungen für Mütter und Väter angeboten. Früher wäre ein Elternabend an der Uni so unvorstellbar gewesen wie eine Frauenbeauftragte in einer Bundeswehrkompanie.

Eltern machen sich mehr Sorgen als früher

„Wir wären seinerzeit nie auf die Idee gekommen, uns von unseren Eltern an die Uni begleiten zu lassen“, sagt Sabine Kiel vom Studentenwerk. Heute würden Mütter und Väter ihren Sprösslingen hingegen ganz selbstverständlich bei Bafög-Anträgen oder Wohnungssuche unter die Arme greifen: „Sie machen sich mehr Sorgen als früher um ihre Kinder - und diese sind ihrerseits offener geworden.“

Für Generationen war das Studium samt Auszug daheim der entscheidende Schritt ins Erwachsenenleben. Die Immatrikulation kam einer Unabhängigkeitserklärung gleich. Manchmal war der Einzug in eine versiffte WG in einer fernen Studentenstadt der endgültige Bruch mit den Eltern; fast immer war dieser Schritt in die Selbstständigkeit eine endgültige Abnabelung. Die Wörter „Bruch“ und „Abnabelung“ quittiert die 23-jährige Manuela, die von ihrer Mutter in der Leibniz-Uni empfangen wird, mit einem Lächeln: „Ich habe doch eine gute Beziehung zu meinen Eltern“, sagt sie.

Mutter und Tochter tragen ganz ähnliche Jacken und Jeans, als sie mit Manuelas Bachelor-Zeugnis schließlich aus der Uni schlendern. Studenten und ihre Eltern tragen heute oft ähnliche Klamotten. Teils hören sie auch dieselbe Musik, haben ähnliche Hobbys und wählen dieselbe Partei. „Den jungen Leuten ist es auch nicht mehr unangenehm, mit ihren Eltern gesehen zu werden“, sagt Christiane Stolz von der Studienberatung.

"Wir waren bei der Einschreibung dabei"

Dass Eltern ihre Kinder bis an die Hörsaalschwelle begleiten, hat für sie zwei Seiten: „Es kann kontraproduktiv sein, wenn die Studierenden nicht lernen, eigene Wege zu gehen“, sagt sie. Andererseits hätte eine helfende elterliche Hand manchem verkrachten Studenten früherer Generationen auch ein Scheitern ersparen können: „Das kommt immer auf den Einzelfall an.“

Der Germanistik-Professor Hans ­Bickes spricht gar von einer „grundsätzlichen Entkrampfung im Verhältnis der Generationen“: In Sprechstunden oder Seminaren würden Studierende inzwischen ganz ungeniert erwähnen, dass „Mama“ oder „Papa“ ihnen dieses oder jenes geraten hätten. „In meiner Generation war es in weiten Kreisen eher unüblich, dass die Eltern groß über den eigenen Studienverlauf Bescheid wussten“, sagt der 1953 geborene Germanist.

Bickes hält diese Entwicklung für durchaus erfreulich. „Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ist entspannter und partnerschaftlicher geworden“, sagt er: „Die Meinung der Eltern ist gefragt und wird nicht grundsätzlich als Ballast bei der Gestaltung eigener Lebensentwürfe empfunden.“

Aus Uelzen ist Gesa Budde an diesem Tag in die Leibniz-Uni gekommen. Ein Besuch bei ihrer Tochter, die hier studiert, Mathe und Sport auf Lehramt. „Wir waren bei der Einschreibung dabei, haben die Möbel gekauft und beim Einzug geholfen“, sagt Budde. Als „Helikopter-Mutter“ sieht sie sich jedoch nicht. „Manchmal habe ich das Gefühl, mich aufzudrängen - aber dann nehme ich mich zurück“, sagt sie. Auf die Idee, bei Professoren anzurufen, käme sie im Traum nicht. „Ich habe immer ein offenes Ohr für meine Tochter“, sagt sie, während diese dabeisteht und nickt. „Ihre Entscheidungen kann ich ihr aber nicht abnehmen“, sagt die Mutter. „Im Uni-Alltag muss sie sich schon alleine durchbeißen.“

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