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Aus der Stadt Wer ist hier der Boss?
Hannover Aus der Stadt Wer ist hier der Boss?
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00:15 31.07.2015
Das Foto von rund 50 Mitgliedern des Rockerclubs vor dem Neuen Rathaus wirft jetzt Fragen nach den Ambitionen des Clubs auf. Quelle: privat
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Hannover

Sie hatten ihre Kutten mit dem geflügelten Totenkopf, dem Deadhead, übergestreift und sich auf ihre laut röhrenden Harley-Davidson-Motorräder geschwungen. Die offizielle Rückkehr der Hells Angels nach Hannover am vergangenen Freitagnachmittag verlief alles andere als still und klammheimlich - es war eine Machtdemonstration. Aber hatte sich das hannoversche Charter nicht im Jahr 2012 mit großer Geste aufgelöst? Wie es scheint, war das nicht mehr als ein symbolischer Akt. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass die Rocker für ihre erste Zusammenkunft in vollem Ornat seit mehreren Jahren einen besonderen Ort wählten: den Trammplatz vor dem Rathaus. Dort ließen sie sich ablichten. Als Gruppe, als Einheit - als Macht in der Stadt.

Die neuerliche Provokation der Höllenengel in Hannover zeigt, dass die Mitglieder und deren Unterstützer sich durch die am Freitag angekündigte und Montagabend vollzogene Freilassung Hanebuths aus der U-Haft wieder im Aufwind fühlen. Ganz nebenbei macht sie deutlich, dass die Hells Angels bis heute in Hannover und insbesondere am Steintor aktiv sind. Das bestätigt auch das LKA: „Sollte Herr Hanebuth wieder nach Hannover zurückkehren, werden sich aus hiesiger Sicht keine Veränderungen für den Bereich Hannover ergeben, weil die geschäftlichen Strukturen seit seiner Verhaftung 2013 bestehen geblieben sind“, teilt die Behörde mit. Weiter heißt es, dass Personen von aufgelösten Ortsgruppen „auch weiterhin in ihren alten Betätigungsfeldern, auch in Hannover tätig waren und sind“.

Dabei handele es sich teilweise um lange gewachsene Strukturen, die auch ohne öffentliche Darstellung einer Gruppenzugehörigkeit durch Kutten funktionierten, so das LKA. Mit anderen Worten: Zwar konnten sie ohne ihre Embleme nicht mehr so martialisch auftreten wie zuvor, zudem fehlte lange Zeit die einflussreiche Figur Hanebuth. Aber ihren Geschäften gehen die Rocker wie eh und je nach. Und sie sorgen dafür, dass sich im Rotlichtviertel weiterhin nur Gleichgesinnte betätigen. So sollen die Betreiber des neuen russischen Clubs Imperia nach HAZ-Informationen ebenfalls enge Verbindungen zu den Höllenengeln haben.

Charter der Hells Angels

Dem Landeskriminalamt Niedersachsen sind derzeit neun existierende Ortsgruppen (MCs) der Hells Angels bekannt:

  • MC West County in Nordhorn
  • MC South Heath in Celle
  • MC Jade Bay Wilhelmshaven
  • MC Wolfsburg
  • MC West Side Delmenhorst
  • MC North Region Walsrode
  • MC North County in Bassum
  • MC North Line bei Oldenburg
  • ein weiterer MC in Oldenburg

Zu den offiziellen Chartern der Höllen-engel gehören zudem zahlreiche sogenannte Unterstützerklubs der Red Devils. Einen Ortsverein der Hells-Angels-Helfer gibt es weiterhin in der Region. Die Rocker treffen sich auf einem Gelände in Burgwedel, das nicht weit vom Wohnhaus Frank Hanebuths entfernt liegt. Die Red Devils Hannover sind darüber hinaus Teil der sogenannten North Association, einem Zusammenschluss von 28 Rockerklubs in Norddeutschland, die einmal im Monat ihre Treffen abhält.

Auch der Selbstmord des langjährigen hochrangigen Mitglieds der hannoverschen Hells Angels André S. vor wenigen Wochen in der gut frequentierten Scholvinstraße zeigt, welche Bedeutung das Steintorviertel im Kosmos der Hells Angels weiterhin hat. S. soll nach HAZ-Informationen aus dem Club geworfen worden sein. Anschließend richtete er auf offener Straße die Waffe gegen sich. „Du hast damit ein Zeichen gesetzt: Bis hierhin und nicht weiter. Diese Botschaft wird angekommen sein“, lautete einer der vielen Kommentare zum Tod des Rockers auf dessen Facebook-Seite.

Doch nicht nur in Hannover präsentierten sich die Hells Angels selbstbewusst. Nur wenige Stunden vor dem Fotoshooting auf dem Trammplatz am Freitag hatten die Höllenengel auf einer von ihnen betriebenen Website ein Statement zu der vor 24 Monaten begonnenen Untersuchungshaft des ehemaligen hannoverschen Rockerchefs veröffentlicht. „Für mich gibt es keinen Zweifel, wer dahintersteckt und aus welchem Grund“, sagt Wolfgang Heer in dem Video. Heer ist jener Hells Angel aus Walsrode, mit dem Hanebuth lange Jahre eine Sicherheitsfirma betrieben hatte, die auch am Steintor aktiv war. Heer fabuliert in dem Beitrag von einer Art Zusammenarbeit zwischen den spanischen Behörden und dem Landeskriminalamt Niedersachsen, das lange vergeblich versucht hatte, die Vorwürfe gegen Hanebuth zu erhärten. Heer meint, die deutschen Behörden seien „heilfroh, dass die Spanier eine vorzeigbare Rechtfertigung für die Verschwendung personeller und steuerlicher Ressourcen gefunden haben“.

Frank Hanebuth werde sich nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft auf den bevorstehenden Prozess vorbereiten, sagt sein spanischer Anwalt Gonzalo Boye Tuset auf Anfrage der HAZ. Wo der 50-Jährige bis zum Prozessauftakt gegen ihn und die anderen rund 50 Beschuldigten der Operation „Casablanca“ wohnen wird, steht nach Angaben des Anwalts noch nicht fest. „Bis zur Verhandlung wird sich Herr Hanebuth gemeinsam mit uns auf seine Verteidigung vorbereiten“, sagt Boye Tuset. „Und er wird wie jede andere normale Person arbeiten gehen.“

Der Verhandlung, für die es noch immer weder einen Termin noch eine konkrete Anklageschrift gibt, sieht Boye Tuset relativ entspannt entgegen. „Die Entscheidung des Obersten Gerichts, unseren Mandanten aus der Haft zu entlassen, werten wir als Zuspruch für uns“, sagt er. „Zudem zeigt es, dass sowohl der Ermittlungsrichter Eloy Velasco als auch der zuständige Staatsanwalt José Grinda falsch liegen.“

Von Tobias Morchner und Jörn Kießer

„Nicht verboten, Fotos zu machen“

Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok.

Der Aufmarsch der Hells Angels am Freitag vor dem hannoverschen Rathaus schlägt noch immer hohe Wellen. Diese hatten sich in der vergangenen Woche demonstrativ vor dem Neuen Rathaus fotografieren lassen. Während Vertreter von CDU und Grünen in der Aktion eine gefährliche Machtdemonstration sehen, bleibt Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) gelassen. „Es ist nicht verboten, vor dem Rathaus Fotos zu machen“, sagt er.
„Einen anderen Hintergrund als das Neue Rathaus hätte ich mir gewünscht“, sagt Schostok und lobt zugleich, dass die Polizei begangene Ordnungswidrigkeiten der Rocker geahndet habe. Einen Imageschaden für Hannover kann der OB nicht erkennen. Das Bild der Stadt werde von ganz anderen, sehr positiven Dingen geprägt, sagt er.

Hannovers CDU-Chef Dirk Toepffer hält die Aktion der Hells Angels dagegen für äußerst bedenklich. „Das Bild hat eine Symbolkraft, der man entschieden entgegentreten muss“, sagt Toepffer. Ein Foto von gefürchteten Rockern, die vor dem Wahrzeichen der Stadt posieren, sende eine klare Botschaft in die Welt: Hannover sei noch immer die Stadt der Hells Angels. Grünen-Ratsherr Lothar Schlieckau hält den Aufmarsch für eine Provokation und zugleich für eine „Machtdemonstration“. „Das soll suggerieren: Wir sind noch immer präsent in der Stadt“, sagt Schlieckau. Mit der Rathausfassade im Hintergrund wollten die Rocker zum Ausdruck bringen: Hannover freue sich auf die Rückkehr Hanebuths. „Der Oberbürgermeister sollte hier klarer Stellung beziehen.“

Schostok betont, dass die Stadt keineswegs die Augen verschließe. „Die Verwaltung ist in engem Kontakt mit der Polizei“, sagt der OB. „Eines ist klar: Kriminalität jeglicher Größenordnung ist in Hannover unerwünscht“, sagt Schostok.
Wie genau es zu dem umstrittenen Fotoshooting gekommen ist, lässt sich nicht ganz eindeutig nachzeichnen. Wie das Landeskriminalamt mitteilt, habe es lediglich der Illustration eines Artikels für die Zeitschrift „Biker News“ gedient und nur zufällig am Tag der Bekanntgabe der Haftentlassung von Frank Hanebuth stattgefunden. Doch Michael Ahlsdorf, Chefredakteur des Blattes, widerspricht: „Da wissen die mehr als ich“, sagte er gestern der HAZ. asl

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