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Herr Neumann malt gern Berge

Leben mit Demenz Herr Neumann malt gern Berge

1,5 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Demenz. Peter Neumann ist einer von ihnen, seine Frau pflegt ihn. Hilfe bekommen sie vom Verein „Albe“, der den Kranken und ihren Angehörigen einen Anlaufpunkt bieten will.

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Seit sieben Jahren steht fest, dass Peter Neumann an Demenz erkrankt ist. Seine Frau pflegt ihn. Ab und an möchte er sie einfach umarmen und fest drücken.  

Quelle: (Foto: Katrin Kutter)

Hannover. Ingrid Schmidt kann durchaus resolut sein. Die roten und blauen Seidentücher, die sie an die Gruppe verteilt hat, flattern durch die Luft; aus dem Verstärker auf der Kommode ertönt der Schneewalzer. Arme schwingen nach oben, nach unten. Nur der „Tänzer“ rechts im kleinen Stuhlkreis verschränkt trotzig die Arme und knüllt sein Tuch verschämt im Schoß. „Herr Neumann! Schwingen!!“, ruft Ingrid Schmidt. „Schwingen!“

Peter Neumann (Name geändert) schaut zur Decke und fängt an zu pfeifen, als wolle er sagen, dass er die Veranstaltung affig findet und dass er jetzt viel lieber woanders wäre - jedenfalls nicht hier in diesem Raum, wo Ingrid Schmidt, eine gelernte Tanzlehrerin, die Anweisungen erteilt. Neumanns Frau Gisela, mit 68 Jahren drei Jahre jünger als er, erzählt später, dass sie ihn auch früher nie fürs Tanzen begeistern konnte.

Früher. Früher konnte er noch klar formulieren, was er wollte. Die Demenz war noch das Problem der anderen 1,5 Millionen; nicht seins. Vor sieben Jahren dann die traurige Diagnose: Alzheimer, die häufigste Demenz-Erkrankung. Gisela Neumann hatte es befürchtet, eigentlich seit jenem Jubiläumsjahr 2007, als gleich drei freudige Ereignisse anstanden: ihr 40. Hochzeitstag, ihr 60. Geburtstag und der 40. Geburtstag des ältesten Sohnes. Anstelle einer Feier reiste die Familie drei Wochen lang durch Amerika. Damals spürte sie, dass sich ihr Mann verändert.

Acht Jahre ist das her. Seit fünf Jahren besuchen die Neumanns nun zweimal in der Woche den Verein „Albe“ auf dem Gelände der Henriettenstiftung in Kirchrode, der vier Selbsthilfegruppen anbietet. Anfangs musste sie ein wenig „schummeln“, damit er mitmacht. Nun ist die Teilnahme ein Ritual, für beide. Während er in einer kleinen Gruppe malt und anschließend „tanzt“ - „schöpferisch und körperlich aktiviert“ wird - , unterhält sie sich mit den anderen Angehörigen darüber, was die Woche über so los war. Sie atmet durch, entspannt. „Es ist wichtig, dass sich die Partner, die zu Hause mit der Pflege allein sind, regelmäßig mit anderen austauschen“, sagt Professor Klaus Hager, Leiter der Gedächtnissprechstunde und Geriatrie im Haus.

Auch Peter Neumann entspannt, wenn er den Pinsel in die Tuschfarbe tunkt und dunkle Berge und schwarze Bullen aufs Papier bannt. „Das Gute ist, dass in der Kunst alles erlaubt ist“, sagt Kunsttherapeutin Nicole Jürgens, die den Kurs leitet. „Das Malen ist für die Demenzkranken entspannend, weil sie keine Leistung zeigen müssen.“ Die konzentrierte Tätigkeit schaffe ein Glücksgefühl, das Kenner „Flow“ nennen.

Hilfreich ist, dass Peter Neumann bereits früher Hobbymaler war. Schon vor der Krankheit waren die Bilder für ihn ein Ventil, ein Weg, abzutauchen und Gefühle auszudrücken. Wenn er einen guten Tag hat, wählt er helle Farben. Ansonsten dominiert Schwarz.

Seit zwei Jahren hat er Probleme, Worte zu finden. Seine Stimmungen schwanken. Missverständnisse machen ihn häufig wütend. Er mag es nicht, wenn seine Frau sich länger mit anderen Dingen beschäftigt, wenn sie telefoniert. Da er jegliches Zeitgefühl verloren hat, kommt es ihm wie eine Ewigkeit vor, wenn sie kurz mal im Garten ist. Seit gut einem Jahr muss sie ihm morgens beim Waschen und Ankleiden helfen. Er kann es nicht mehr allein, der Sinn des Vorgangs ist ihm abhandengekommen. Essen? Er würde es vergessen, wenn sie nicht da wäre.

„Man muss den Umgang mit dieser Krankheit lernen“, sagt Gisela Neumann. „Aber es ist verdammt schwer.“ Da er sich angewöhnt hat, nachts in der Wohnung herumzuwandern, schließt sie abends das Wohnzimmer und die Küche ab, damit er sich nicht verläuft. Im Bad und im Flur sorgt ein Bewegungsmelder für Licht, da er den Schalter nicht finden würde. Es ist lange her, dass Gisela Neumann eine Nacht durchgeschlafen hat. Beide spüren die Belastung. „Aber wir sind noch viel näher aneinander gerückt“, sagt sie und kämpft wieder mit den Tränen.

Der Förderverein für Alzheimer-Betroffene und deren Angehörige (Albe) berät und begleitet seit 2001 Demenz-Betroffene. In seinen Räumen bei der Henriettenstiftung in Kirchrode bietet der Verein regelmäßig verschiedene Gruppenaktivitäten unter professioneller Anleitung an – vom Gedächtnistraining über Physiotherapie, Malkurse bis zu Rhythmikübungen. Angehörige können in Gesprächskreisen bei einem gemeinsamen Mittagessen oder Ausflügen Erfahrungen austauschen. Vorsitzende des Vereins ist Irmgard Wickbold, Telefon (0511) 570 0442. Die Alzheimer Gesellschaft Hannover bietet Beratung, Fort- und Weiterbildung und Gesprächskreise für pflegende Angehörige an. Aber auch Erkrankte, die ihr Leben noch weitgehend selbstständig organisieren können, treffen sich regelmäßig, unter anderem beim Projekt „Farbenfroh“, in der Beratungsstelle, Osterstraße 27, Telefon (0511) 215 7465 oder (0511) 726 1505.

Entlastung ist wichtig, aber wie? Seit Kurzem besucht Peter Neumann zweimal in der Woche eine Tagespflegeeinrichtung. Viele Familien nutzen das Angebot, seitdem der Gesetzgeber dafür gesorgt hat, dass die Kosten nicht mehr aufs Pflegegeld angerechnet werden, das die Pflegekasse für die häusliche Pflege überweist.

Ansonsten helfen Rituale. An den Wochenende gehen die Neumanns ins Stadion. Er liebt die Atmosphäre; auch wenn ihn manchmal die Flieger am Himmel mehr interessieren als die Spieler auf dem Feld. Wenn 96 auswärts spielt, schauen sie sich ein Fußballspiel der Kreisliga an, das ihr Sohn als Schiedsrichter anpfeift.

„Schwingen, Herr Neumann!“, ruft Kursleiterin Schmidt. Peter Neumann schaut verschmitzt hinüber, hebt im Zeitlupentempo die Arme und lässt das Seidentuch schweben. Es scheint, als wollte er sagen: „Ich weiß schon, was ich machen soll - aber ich entscheide, wann.“

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