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Aus der Stadt Herrenhäuser-Chef Manfred Middendorff bleibt ein Optimist
Hannover Aus der Stadt Herrenhäuser-Chef Manfred Middendorff bleibt ein Optimist
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19:29 23.10.2010
Als noch Hoffnung war: 150 Teilnehmer kamen im Juni zum Flashmob zur Rettung der Brauerei – und Chef Manfred Middendorff zapfte selbst. Quelle: Frank Wilde (Archivbild)

Frühjahr 1974. Hannover streitet darüber, ob die Nanas das Hohe Ufer nun schmücken oder nicht. Günther Bohnecke, Gastronom und Befürworter der Skulpturen, hat sogar im Stile der damaligen Happenings ein „Tauziehen um die Nanas“ mit Musik und Bierbuden organisiert. Für die Veranstaltung hat bei ihm ein 16-jähriger Schüler als Bierkistenschlepper angeheuert, Wülfeler Bier schenkt Bohnecke damals noch aus. „Superfleißig“ sei der Junge gewesen, erinnert sich der heute 65-jährige Gastwirt. Mehr wusste er damals zunächst nicht über seinen Gelegenheitsarbeiter. Doch dann hat es ihm einer gesteckt: Da stapelte der Sohn des Inhabers der Herrenhäuser Brauerei – und spätere Firmenchef – eifrig Kisten der Konkurrenz aus Wülfel.

Die Wülfeler Brauerei gibt es längst nicht mehr, die Herrenhäuser wird bald nicht mehr Manfred Middendorff gehören. Die Anekdote zeigt, wie sich die Dinge wandeln können, und sie zeigt zugleich: Auch der Spross einer Unternehmerfamilie, die bis heute trotz Firmenkrise wohlhabend geblieben ist, musste sich einst selbst sein Taschengeld verdienen. Nach dem Nana-Happening fing der junge Manfred bei Bohnecke auch als Zapfer an – der wiederum ist bis heute mit dem „Teestübchen“ treuer Kunde der Herrenhäuser Brauerei.

Middendorffs Vater, der im Oktober 2006 verstorbene ehemalige Firmeninhaber Jürgen Middendorff, sei nun mal ein Unternehmer vom alten Schlage gewesen, für den Strenge dazugehörte, erzählen Leute, die ihn kannten. Und so mancher Gastronom oder ehemalige Beschäftigte lässt durchklingen, dass es auch mit dem Sohn nicht immer einfach war, der die Firma 1990 endgültig vom Vater übernommen hatte. Zuvor war auch sein Bruder Alexander mit in der Geschäftsführung tätig, der dann aber ausschied. „Patriarchalische Strukturen“ hätten auch unter Middendorffs Leitung die Firma geprägt, sagt ein früherer Mitarbeiter. So gab es etwa seit der Aufteilung der Brauerei in drei Gesellschaften 1993 lange Zeit keinen Betriebsrat. „Wir sind ein Familienunternehmen – wenn jemand ein Problem hat, dann kommt er zu uns“, hatte Middendorff noch im Frühjahr 2009 erklärt, als es einmal mehr Streit um ausstehende Betriebsrenten und Gehälter gab. Erst als die seit Längerem schwelende Krise sich zuspitzte, die schließlich im April dieses Jahres zur Insolvenz führte, wurde wieder ein Betriebsrat gegründet.

Seine charmante Seite zeigt der 51-Jährige, dessen Elternhaus in Berenbostel steht und der nicht weit weg vom Firmengelände in einem Stadthaus in der Nordstadt lebt, indessen immer wieder gern in der Öffentlichkeit. Mit seiner Frau Carmen ist er sicher auf dem gesellschaftlichen Parkett unterwegs, vom Vater hat er nicht nur die Firma, sondern auch den seit Generationen in der Familie gepflegten Titel des Honorarkonsuls von Norwegen übernommen – inklusive Konsulatssitz auf dem Brauereigelände. Das Ehepaar zählt zu den Freunden von Altkanzler Gerhard Schröder und seiner Frau Doris, bei allen kleinen oder großen Feiern der Schröders sind die Middendorffs dabei. Sie haben einen erwachsenen Sohn und eine erwachsene Tochter.

Beim Schützenausmarsch, der Runde über den Festplatz mit dem Freundeskreis des Collegiums ehemaliger Bruchmeister oder beim „Herrenabend“ von Getränkehändler Kopp ist Middendorff dagegen für gewöhnlich allein anzutreffen. Kontakte pflegen, Männergespräche führen, das gehört in der Brau- und Gastronomiebranche nun mal dazu.

Middendorff, auch Ehrensenator des Karnevalsklubs Fidele Ricklinger, zählt zur Stadtprominenz, und er scheint diese Zugehörigkeit zu genießen. Dass so jemand künftig im Angestelltenverhältnis in der früheren eigenen Firma arbeitet, scheint schwer vorstellbar. „Ich habe Montag ein Gespräch mit Wittinger, vorher möchte ich mich zu meiner Zukunft nicht äußern“, sagt er. Und verbreitet trotz allem Optimismus: „Ich bin guter Dinge, ich bin ein Mensch, der immer nach vorne schaut. Das tue ich jetzt auch.“

Stefanie Kaune und Mathias Klein

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