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Frisch und fertig Hier gibt's Hilfe beim Kochen

Immer mehr Menschen wollen frisch kochen – wissen aber nicht mehr, wie das geht. Oder haben keine Zeit, selbst einkaufen zu gehen. Eine ganze Branche stellt sich darauf ein.

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„Wir nehmen den Kunden einen Teil der Arbeit ab“: Regina Wegener verkauft in ihrem Hofladen auch fertige Gerichte in Gläsern.

Quelle: Marta Krajinović

Hannover. Der Hof liegt da wie gemalt. Backstein und Fachwerk im Sonnenschein, Hummeln umschwirren die Geranien, und im Hofladen steht Regina Wegener zwischen Blumenkohl und Brokkoli hinterm Tresen: „Wir richten uns immer stärker Richtung Convenience-Bereich aus“, sagt die Bauersfrau in einem Managerjargon, der nicht so recht zu ihrer grünen Schürze passen will. „Das Know-how dazu haben wir.“ „Convenience“ - das ist der neue Trend in der Lebensmittelbranche: Hersteller bieten den Kunden Essen an, das schon teilzubereitet ist.

Immer mehr 
Menschen wollen 
frisch kochen – wissen aber nicht mehr, 
wie das geht.
Oder haben keine Zeit, selbst einkaufen zu gehen. Eine ganze Branche stellt 
sich darauf ein.

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„Wegener’s Hofladen“ ist ein Stück ländliches Idyll in Wunstorf-Liethe. In dieser Gegend ist die Hofladendichte so hoch wie nirgends sonst in der Region: Über Jahrzehnte bauten die Landwirte hier Gemüse für Iglo-Tiefkühlkost an. Als der Abnehmer wegbrach, setzten sie auf Direktvermarktung. „Heute nehmen wir den Kunden bei Bedarf auch gleich einen Teil der Arbeit ab“, sagt Regina Wegener. Sie zeigt auf ein Regal, in dem Gläser stehen: Hochzeitssuppe, Rehgulasch, Königsberger Klopse. Alles schon fertig gekocht, passend zu Frischkartoffeln oder Salat aus dem Laden.

Städter zelebrieren Kochen als Event

Vor dem Geschäft herrscht ein Kommen und Gehen wie auf einem Aldi-Parkplatz: Auffällig viele SUVs halten hier; Städter, die das Kochen am Wochenende mit Freunden als Event zelebrieren, weil Kochen für viele eben nicht mehr zum Alltag gehört. Die urbane Klientel legt Wert auf frische Kost: „Im Yoga-Seminar bin ich für gesunde Ernährung sensibilisiert worden“, sagt eine Käuferin und wirft einen Blick auf den Ständer mit den Rezepten, die hier zum Mitnehmen ausliegen: Schmorgurkengemüse, Bohnenauflauf, Gerichte mit saisonalen Zutaten.

Regina Wegener verfasst die Rezepte oft beim Kochen. Sie muss dabei die Arbeit, die ihr selbst noch wie unbewusst von der Hand geht, in Schriftsprache übersetzen. Ihre Kunden gehen dann den umgekehrten Weg. „Viele wissen nicht mehr, wie man kocht“, sagt die 35-Jährige: „Außerdem gehen alle arbeiten, und zum Einkaufen bleibt wenig Zeit.“ Ihr Hofladen stellt sich darauf ein – mit „Convenience-Food“ vom Lande.

Ein Leben wie aus der „Landlust“

Eine ganze Branche justiert sich da derzeit neu: Dinge, die früheren Generationen noch selbstverständlich waren, müssen neu erklärt werden - und der Bedarf dafür ist groß. Alle wollen sich ja bewusst ernähren, alle wollen ein Leben wie aus der „Landlust“ mit regionalen Bioprodukten. Alle wollen zurück zur Natur - und keiner weiß den Weg. Da sind Scouts gefragt; Anbieter, die gesundes Selbstkochen wieder mit dem hektischen Alltag vereinbar machen.

Kochbox mit exakt eingeteilten Zutaten

„Für Anfänger geeignet“: Lieferdienste wie Marley Spoon schicken ihren Kunden solche Boxen mit portionierter Frischware – mit bebilderter Kochanleitung.

Quelle:

„Wir nehmen unseren Kunden lästige Schritte ab“, sagt Jacqueline Freundorfer vom Lieferdienst Marley Spoon: „Viele Menschen sind heute sehr beschäftigt und kommen spät nach Hause. Sie wollen dann nicht noch im Supermarkt einkaufen - aber trotzdem Gesundes kochen.“ Das vor einem Jahr gegründete Unternehmen schickt solchen Kunden frische Zutaten, umweltfreundlich verpackt, ins Haus. Als „rezeptbasierter Onlineversand“ liefert Marley Spoon zu jeder Kochbox neben den exakt eingeteilten Zutaten noch eine Kochanleitung: Mit genau sechs Bildern erklärt diese Schritt für Schritt, wie man binnen 30 Minuten ein Gericht zaubert. „Das ganze ist auch für Kochanfänger geeignet“, sagt Jacqueline Freundorfer: „Und der Kunde erhält nur die Mengen, die er zum Kochen tatsächlich braucht - so bleiben keine Reste übrig.“

Anstrengungslose Instant-Gemütlichkeit

Köchen alter Schule mag das unkreativ erscheinen; ein Stück anstrengungslose Instant-Gemütlichkeit für Leute, die sich ein Stück Zeit erkaufen wollen und dabei das Kochen aufs banale Anrichten und Erhitzen der Zutaten reduzieren. Doch wöchentlich liefert Marley Spoon bereits 500 Kochboxen in ganz Deutschland aus - Tendenz steigend. Auch Lieferdienste wie Hello Fresh oder Kochzauber kreieren Rezepte und schicken diese mitsamt den Zutaten ihren Kunden an die Haustür. Sie wollen eine Alternative zum Menü-Bringdienst sein, der fertige Heißgerichte in Alu-Schalen anliefert: Gesünder, frischer, Kocherlebnis inklusive. Kein Fast-Food, aber schnell gemacht.

Menschen an heimische Küche heranführen

Auch Supermärkte bauen ihre Bringdienste aus und setzen verstärkt auf Frischware. Die Biobranche tut das längst - und liefert dazu noch ein Stück Heimat ins Haus: „Viele Menschen wollen frisch kochen, müssen aber an regionale Produkte und heimische Küche erst wieder herangeführt werden“, sagt Matthias Rönicke, Geschäftsführer der „Gemüsekiste“ in Hemmingen-Hiddestorf.

Seit 17 Jahren gibt es die Firma, die inzwischen 3200 Kunden pro Woche beliefert. Die meisten wollen Frischware statt Fertigprodukten - auch, wenn sie dann teils ratlos vor dem Grünzeug stehen: „Es gibt Kunden, die mit Fenchel schlicht nichts mehr anfangen können“, sagt Rönicke. Heimische Produkte sind für viele Endverbraucher fast exotisch geworden - und zugleich sind sie neugierig darauf. Um diesem Trend zu begegnen, liegen den Gemüsekisten inzwischen Rezepte bei: „Wir schauen, dass diese auf den Inhalt abgestimmt sind“, sagt Rönicke. Wenn in der Kiste Mangold und Möhren stecken, gibt es dazu eine Anleitung für Mangold-Möhren-Salat. So finden Produkte aus der Region wieder ins allgemeine Bewusstsein zurück - und auf die Speisepläne der Kunden. „Die Steckrübensuppe“, sagt Rönicke, „erfährt derzeit eine Renaissance.“

Nachgefragt

... bei Dörthe Hennemann, Ernährungsberaterin bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

"Weniger Zeit als früher"

Frau Hennemann, immer mehr Lieferdienste schicken ihren Kunden Zutaten mit passenden Rezepten ins Haus. Kann Essen überhaupt frisch sein, wenn es mit der Post kommt?
Wenn nicht gerade Streik ist – selbstverständlich! Es kommt natürlich darauf an, dass die Kühlkette nicht abreißt. Ein gut gekühlter Brokkoli aus der Kochbox kann frischer sein als ein Brokkoli, der viel Zeit in der Auslage eines Ladens verbracht hat.

Stirbt mit dem Boom der Lieferdienste nicht auch ein Stück Esskultur? Das Kochen beginnt doch schon mit dem Aussuchen der Zutaten.
Der Erfolg der Bringdienste ist natürlich auch dem gesellschaftlichen Wandel geschuldet: Familie und Beruf lassen immer weniger Menschen Zeit, sich um den Einkauf zu kümmern. Nicht jeder hat die Möglichkeit, täglich ein Vier-Gänge-Menü zu zelebrieren. Es dürfte viele Menschen geben, die gar nicht selbst kochen würden, wenn ihnen Lieferdienste nicht den Einkauf abnehmen würden.

Haben Sie selbst schon solche Bringdienste genutzt?
Nein, ich persönlich gehe sehr gerne einkaufen und suche mir die Zutaten selbst aus. Doch für viele andere können Bringdienste durchaus ein Türöffner dazu sein, selbst zu kochen. Und sie könnten helfen, die Lebensmittelverschwendung einzudämmen: Pro Kopf werfen wir in Deutschland alljährlich rund 82 Kilo Lebensmittel in den Müll. Bei einem Vier-Personen-Haushalt sind das Lebensmittel im Wert von rund 940 Euro. Bringdienste, die portionsgenau das liefern, was auch gegessen wird, könnten helfen, dies zu reduzieren.

Interview: Simon Benne

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