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Als "Sanitäts-Chocoladen" aus Hannover kamen

Geschichte der Firma Sprengel Als "Sanitäts-Chocoladen" aus Hannover kamen

Eine Historikerin hat die Geschichte des Schokoladenherstellers Sprengel erforscht. Wer sich gesund ernähren wollte, durfte an Schokolade nicht sparen. Im Jahr 1851 gründete der Kaufmann Bernhard Sprengel seine Schokoladenfabrik in Harburg; zwei Jahre darauf siedelte er nach Hannover um. Hier avancierte er schnell zum „Hof-Chocolade-Fabrikant“  und servierte die süßen Täfelchen an Adelige, Beamte und Offiziere.

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Bonbonherstellung im Jahr 1901.

Quelle: Archiv

Hannover. Als Mittel gegen „Magenkrampf, Bleichsucht und Blutarmuth“ verkaufte der clevere Firmengründer seine „Sanitäts-Chocoladen“. Der Umzug nach Hannover war der Beginn einer Erfolgsgeschichte: Sprengel sollte zu einem Stück hannoverscher Industriekultur werden, zu einer Traditionsfirma wie Bahlsen, Conti oder Hanomag. Der Laden florierte: Der Kaufmann, der Röstmaschinen und Walzwerke teils selbst konstruierte, konnte damit werben, dass er einen „tüchtigen französischen Chocolatier“ in Diensten hatte. Deutsche Schokolade galt damals noch nicht viel: „Sie musste sich erst mühsam gegen die überlegene englische und französische Konkurrenz durchsetzen“, sagt Kristina Huttenlocher.

Die Historikerin hat jetzt die Geschichte der Schokoladenfabrik erforscht. Ihr Buch „Sprengel“ (zu Klampen, 320 Seiten, 29,80 Euro) arbeitet mit großer Akribie ein Stück Wirtschaftsgeschichte auf. Der Band erfüllt wissenschaftliche Standards, die Lektüre ist anspruchsvolle Kost. Doch zahlreiche Illustrationen verbreiten zugleich eine Nostalgie, die lokalpatriotische Herzen wärmt.

Im Jahr 1851 gründete der Kaufmann Bernhard Sprengel seine Schokoladenfabrik in Harburg gegründet; zwei Jahre darauf siedelte er nach Hannover um. Die Residenzstadt, in der er schon bald zum „Hof-Chocolade-Fabrikant“ avancierte, bot mit ihren Adeligen, Beamten und Offizieren gute Absatzmärkte. Historikerin Kristina Huttenlocher hat bei Recherchen für ein Buch über die Firmengeschichte von Sprengel-Schokolade wertvolle Unterlagen entdeckt und sie dem Stadtarchiv übergeben.

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Kenntnisreich beschreibt Huttenlocher, wie Sprengel zu einem der größten Schokoladenhersteller Deutschlands wurde. August Sprengel, der Sohn des Gründers, setzte trotz der Bedenken seines Vaters 1893 den Bau einer Großfabrik an der Schaufelder Straße durch. Dessen Sohn, der wie sein Großvater Bernhard hieß, trat 1923 ins Unternehmen ein. Unter seiner Ägide kamen in den Dreißigern die legendären „Erfrischungsstäbchen“ ins Sortiment. Und er führte die Firma in der NS-Zeit.

Die moralische Bilanz dieser Phase fällt durchaus zwiespältig aus. Im großen Stil produzierte Firma Sprengel nun Scho-ka-kola für die Wehrmacht und lieferte „Traubenkraft“-Riegel an die SS – allein 1943 neun Millionen Packungen. Das Unternehmen beschäftigte polnische Zwangsarbeiterinnen, doch setzte sich Bernhard Sprengel persönlich dafür ein, deren katastrophale Unterbringung in einem kalten Lager zu verbessern. Er selbst wurde 1940 Mitglied der NSDAP, doch ein gläubiger Nazi war der Sammler „Entarteter Kunst“ wohl nicht: „Er kämpfte um Zuteilungen von Rohkakao“, sagt Huttenlocher. Da konnten gute Kontakte nicht schaden.

Historikerin Kristina Huttenlocher (links) hat bei Recherchen für ein Buch über die Firmengeschichte von Sprengel-Schokolade wertvolle Unterlagen entdeckt und sie Cornelia Regin vom Stadtarchiv übergeben.

Historikerin Kristina Huttenlocher (links) hat bei Recherchen für ein Buch über die Firmengeschichte von Sprengel-Schokolade wertvolle Unterlagen entdeckt und sie Cornelia Regin vom Stadtarchiv übergeben.

Quelle: Franson

Nach dem Krieg, den die Fabrik halbwegs unbeschadet überstand, war Sprengel bald wieder da: Während der Berlin-Blockade lieferte die Firma 1948 in die abgeriegelte Stadt Tafelschokolade mit jenem neuen Design, das für Jahrzehnte prägend blieb: Das linke Drittel der Verpackung leuchtete in „Sprengel-Rot“. Die Mitarbeiter hielt der Chef mit sozialen Wohltaten bei der Stange: Es gab einen Werksarzt, eine firmeneigene Sozialarbeiterin, einen Betriebskindergarten, eine Bücherei – und Sprengel half Angestellten auch bei der Wohnungssuche. „Die Identifikation der Sprengelaner mit ihrem Unternehmen war groß“, sagt Huttenlocher.

Dennoch ging es mit Sprengel irgendwann bergab. Am Brinker Hafen hatte der Betrieb zwar 1967 noch die „modernste Schokoladenfabrik Europas“ errichtet. Doch die Investition kam spät. Auch hatte Bernhard Sprengel bei Personalentscheidungen keine glückliche Hand. Seine Nachfolge blieb ungeregelt, den eigenen Kindern traute er nur wenig zu. Im Jahr 1972 übernahm der US-Konzern Nabisco die Mehrheit an Sprengel. Entscheidungen fielen jetzt im fernen New York, ständig wechselten Sortiment und Markenstrategie.

Service

Kristina Huttenlocher stellt ihr Buch am Freitag, 3. Juni, 19 Uhr, im Sprengel-Kino, Klaus-Müller-Kilian-Weg 2, vor.

In den Siebzigern verdrängte in den Supermärkten zudem Billigware die feinen Pralinenmischungen. Ausländische Hersteller etablierten nun Schokoriegel wie „Mars“. Auf solche Produkte sah der distinguierte Schöngeist Bernhard Sprengel, der selbst am liebsten „Privileg“-Schokolade genoss, herab. Riegel mussten ihn unweigerlich an die „Traubenkraft“-Kriegsprodukte erinnern. Dazu kamen ein ruinöser Preiskampf und steigende Rohkakaopreise.

Erfolglos versuchte Sprengel mit Produkten wie dem Kokosriegel „Sancho“ (ab 1979) mitzuhalten. Neue Konkurrenten wie Ferrero setzten auf junge Käufer: „Sprengel hingegen hat den Markt für Kinder und Jugendliche aus Überzeugung nicht bedient“, sagt Huttenlocher. Die Werbung der Firma für Produkte wie „Herzkirschen“ wirkte bald konservativ bis altbacken.

Als der Kölner „Schokoladenkönig“ Hans Imhoff Sprengel 1979 kaufte, hatte die Firma noch 1000 Mitarbeiter. Bald gab es Entlassungen, das Werk an der Schaufelder Straße wurde demontiert, im Jahr 2001 kam es zum endgültigen Aus für Hannovers Sprengel-Produktion. Bernhard Sprengel hatte in seinen letzten Lebensjahren ohnehin der Kunst näher gestanden als der Schokolade. Zu seinem 85. Geburtstag wurde das Museum mit den Werken, die er der Stadt geschenkt hatte, nach ihm benannt. Er starb ein dreiviertel Jahr darauf.

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