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Aus der Stadt Historikerin hat Buch über die Eilenriederennen geschrieben
Hannover Aus der Stadt Historikerin hat Buch über die Eilenriederennen geschrieben
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22:45 16.11.2009
Von Simon Benne
Leistung braucht Motivation: Mit einem „Kuss“-Plakat feuerte 1954 Mariele Müller ihren Mann an – prompt siegte der NSU-Fahrer H. P. Müller in der 350-er-Klasse. Quelle: Matrix Media

Der Urlauber tat alles, um jenem Engländer, den er da getroffen hatte, 1930 in St. Moritz, eine Ahnung von der Bedeutung seiner Heimatstadt zu vermitteln. Er erzählt von den Welfen und Leibniz, von Hindenburg und Haarmann. Vergebens. Doch plötzlich schaltete der Engländer: „Hannover? Das ist doch die Stadt des Eilenriederennens!“

Solche Anekdoten sind wahr, auch dann, wenn sie nicht stimmen. Diese enthält ein Stück Wahrheit, weil sie illustriert, wie sehr die Motorradrennen im Stadtwald einst das Bild Hannovers prägten. Wie sie die Stadt auf internationales Parkett hoben. Für eine ganze Generation gehörten die Rennen zu Hannovers Veranstaltungskalender wie Schützenfest oder Blumenkorso.

Tausende Neugierige kletterten bei den Waldmeisterschaften auf die Bäume, um zu sehen, wie die DKW-, Apex- und NSU-Maschinen ihre Runden drehten. Eilenriederennen waren Volksfeste mit Bratwurstbuden, Bierständen und Blasmusik. Reklamebänder und Wimpel, Motorenheulen und Abgasgeruch – die Rennen, bei denen Fahrer aus Frankreich und Finnland, aus Spanien oder Argentinien zwischen 1924 und 1955 in Hannover zusammenkamen, waren Erlebnisse für alle Sinne.

Die Historikerin Janet Anschütz, selbst passionierte Motorradfahrerin, hat jetzt in einem Buch mit dem etwas sperrigen Titel „Motorrad Rennsport“ (Matrix Media Verlag, 165 Seiten, 34,90 Euro) erstmals die Geschichte dieser Rennen genau untersucht. Initiiert hat diese im Jahr 1924 Richard Dörnkes vom ADAC. Im ersten Jahr stammten noch viele der 168 Fahrer, die sich auf die etwa fünf Kilometer lange Rundstrecke zwischen Lister Turm, Zoo und Steuerndieb wagten, aus Hannover. Doch auch der Münchener Rennstar Toni Bauhofer, der über Jahre ein Publikumsliebling bleiben sollte, war schon am Start.

Nach dem ersten Rennen schlugen die Wellen der Empörung hoch: Zeitungen protestierten dagegen, die Waldesstille auf dem Altar der Beschleunigung zu opfern und wetterten gegen das Motorrad, „das unsere Straßen beherrscht und nun auch in das alte heilige Recht der Eilenriede eine Bresche schlägt“. Die Stadt lehnte 1925 einen Antrag auf ein erneutes Rennen ab. Bis die Conti eingriff: „Wir können kaum annehmen, daß diese Entscheidung den Tatsachen entspricht, wenn man berücksichtigt, daß Hannover die Metropole der Reifenindustrie ist“, schrieb die Firma an den „wohllöblichen Magistrat“. Prompt gab die Stadt jetzt grünes Licht. So wurde aus einem einmaligen Event eine Tradition – und später ein Mythos.

Das Motorrad war das Vehikel der Moderne, es verkörperte Geschwindigkeit und Technik, Wagemut und Freiheit. Und Todesverachtung: Immer wieder gab es in der Eilenriede schwere Unfälle. Die 22 Rennen, bei denen die Fahrer auf schlammigen Trassen teils nur Zentimeter an den Bäumen vorbei rasten, forderten insgesamt elf Tote. Dennoch wurden die Rennen schnell international populär. Weltmeister starteten hier, es gab Rundfunkübertragungen, die Wochenschau berichtete ausführlich. Eine DVD mit raren Filmdokumenten, die dem Buch beiliegt, vermittelt einen Eindruck von der Atmosphäre.

„In der Stadt bot ein Rennen Gesprächsstoff für Monate“, sagt Historikerin Janet Anschütz. In ihrem Buch hat sie viele jener Geschichten zusammengetragen. Sie erzählt, wie 1925 ein Hund auf die Fahrbahn lief und ein Fahrer einen Sturz in Kauf nahm, weil er das Tier nicht überfahren wollte. Oder wie der berühmte Rennfahrer Bernd Rosemeyer 1934 immer wieder Luft verlor, weil jemand seine Reifen mit Nadelstichen sabotiert hatte. Oder wie einem Fahrer während des Rennens die Hose herunterrutschte. Oder von dem Gespann, dem 1951 in der Seitenwagenklasse der Sprit ausging. Sie zapften kurzerhand eine liegen gebliebene Maschine an, tankten mit dem Helm nach – und wurden prompt disqualifiziert.

In der NS-Zeit hatten die Nazis die Rennsportverbände gleichgeschaltet, doch das Eilenriederennen nutzten sie propagandistisch zur Pflege heroischer Volkssportmythen – die Sieger schickten sie 1936 gleich auf eine publikumswirksame Tour über die neue Reichsautobahn Braunschweig–Lehrte.

Nach dem Krieg lebten die Rennen 1950 wieder auf. „Das Interesse war enorm“, schreibt Anschütz. „Allein für Würstchen- und Getränkestände hätte man die Eilenriede abholzen können, und selbst dann hätte der Platz nicht gereicht.“ Etwa 150 000 Zuschauer sollen dabei gewesen sein. Noch einmal trafen die Rennen, die auch ans gute, alte Vorkriegsleben erinnerten, den Nerv der Zeit.

Das änderte sich mit wachsendem Wohlstand. Gepflegte Mobilität hatte bald vier Räder. Die „Halbstarken“ machten Motorräder zum Attribut der Rebellion. Was vorher noch massentauglich gewesen war, wurde nun gerade zum Symbol des Aufbegehrens gegen die Masse. Die großen Firmen zogen sich aus dem Renngeschäft zurück, und auch die Sicherheitsbestimmungen ließen sich kaum noch erfüllen. Es hat eine unwillkürliche Symbolik, dass im Jahr 1955, dem Jahr des letzten Eilenriederennens, in Wolfsburg der einmillionste VW Käfer vom Band lief.

Danach ereilte die Eilenriederennen das Schicksal, das später auch Großveranstaltungen wie Ostermarsch oder Loveparade teilen sollten: Sie wurden Vergangenheit. Die Erinnerung an sie ist die Erinnerung an eine andere Zeit.

Janet Anschütz und Verleger Heinrich Prinz von Hannover stellen das Buch am 25. November, 19 Uhr, mit Zeitzeugen der Rennen im Historischen Museum am Hohen Ufer vor

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