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Aus der Stadt Historische Klinikakten wurden vernichtet
Hannover Aus der Stadt Historische Klinikakten wurden vernichtet
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00:15 25.07.2017
Von Bärbel Hilbig
Archivar Detlef Busse rettete zumindest Patientinnenakten ins Landesarchiv.  Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Die junge Frau hatte wohl keine Chance. Der Vater Alkoholiker, eine Schwester nahm sich das Leben. Das reichte im Jahr 1935 dafür, dass ein Gericht anordnete, sie unfruchtbar zu machen. Den Eingriff nahmen die Ärzte in der Landesfrauenklinik Hannover vor. Soviel lässt sich dem Patientenbericht entnehmen. Doch über die beteiligten Ärzte und Pflegekräfte wird sich nichts mehr erfahren lassen. Denn die Personal- und Verwaltungsakten der früheren Landesfrauenklinik und ihrer Hebammenschule sind beim Ausräumen des Hauses im Schredder gelandet.

Zerstörter historischer Schatz: viele der einzigartigen Akten der Landesfrauenklinik sind im Schredder gelandet. 

„Der Vorgang hat uns alle sehr entsetzt. Es ist mir noch nie passiert, dass ein bedeutender Aktenbestand vernichtet wird, während wir längst unser Interesse bekundet haben“, betont Hendrik Weingarten vom Niedersächsischen Landesarchiv. Dabei ist die Gesetzeslage klar: Behörden müssen altes staatliches Schriftgut nach gewissen Fristen dem Landesarchiv anbieten und abgeben.

Schwangere zur Übung?

„Wir hätten anhand der Unterlagen herausfinden können, ob schwangere Zwangsarbeiterinnen in der Klinik beschäftigt wurden“, vermutet Historikerin Wiebke Liesner. Aus anderen Hebammenschulen ist bekannt, dass diese Frauen als Übungsobjekt für die Schülerinnen dienten. Ihre Kinder wurden je nach Nationalität zur Adoption freigegeben oder zu einem oft sehr späten Zeitpunkt abgetrieben. Auch die Frage, wie Ärzte und Pfleger der bedeutenden hannoverschen Klinik mit jüdischem Personal und Patienten umgingen, lässt sich nun nicht mehr beantworten - und das, obwohl Wiebke Liesner und die Sozialwissenschaftlerin Marion Schumann sowie Mitarbeiter des Landesarchivs sich zuvor jahrelang hartnäckig beim Klinikum Region Hannover (KRH) um eine Sicherung der wichtigen Zeitzeugnisse bemüht haben.

„Dass beides, Patienten- und Verwaltungsakten einer Klinik, aufbewahrt wurden, ist ganz selten. Meist gibt es nur Bruchstücke des einen oder anderen“, erklärt Liesner. Aus den Protokollen von Dienstbesprechungen und dem Briefwechsel mit übergeordneten Behörden des NS-Staates erhofften die Forscherinnen sich Aufschluss darüber, wie konkret damals Menschen den nationalsozialistischen Wahn von Rasse und Erbgesundheit in ihrem Arbeitsalltag in Hannover durchzusetzen halfen.

Liesner und Schumann, beide auf medizinhistorische Themen spezialisiert, hatten großes Interesse, die Akten sicher im Landesarchiv zu wissen. Denn erst wenn historische Dokumente per Signatur in einem Archiv wiederzufinden sind, können Forscher sie seriös in ihrer Arbeit zitieren. „Wir wollten ein Forschungsprojekt über Hebammen starten“, berichtet Schumann. Die soziale Herkunft der Frauen, ihr Alter, die Berufe der Eltern und der Wandel der Ausbildung innerhalb von rund hundert Jahren - all das hätte sich aus Bewerbungsschreiben, Lebensläufen und anderen Unterlagen herauslesen lassen.

Schatzsuche im Keller

Als sich abzeichnet, dass das Klinikum der Region das Gebäude der alten Landesfrauenklinik in der Nordstadt verkaufen will, sind die Forscherinnen alarmiert. Im Herbst 2011 gewährt der damalige Chefarzt der Geburtshilfe den beiden Wissenschaftlerinnen dann Zugang zu den Kellerräumen, in denen die Schriftstücke lagerten. „Es war wie eine Schatzsuche“, erinnert sich Liesner. Mehrere Tage wandern die Forscherinnen durch die Katakomben der Klinik. Hinter zwei Räumen mit alten Unterlagen über die Patientinnen entdecken sie Keller mit den historischen Verwaltungsakten. Liesner und Schumann erstellen eine Übersicht, die sie dem Landesarchiv übergeben. 2013 kann Archivar Detlef Busse Patientinnenakten aus dem Keller retten, auch die über die Zwangssterilisationen. „Die Verwaltungsakten wurden uns damals aber definitiv nicht angeboten“, sagt er.

Dann beginnt ein zäher Kampf. „Es war immer wieder Widerstand vonseiten der Klinik zu spüren“, berichtet Archivar Weingarten. Der damalige Ärztliche Direktor Prof. Andreas Schwartz will „das historische Gut“ unbedingt im Haus behalten. „Für einen akademischen Zugriff ist das eigene Archiv der beste und kürzeste Weg“, erklärt Schwartz jetzt auf Nachfrage der HAZ.

Verstoß gegen Landesarchivgesetzt

Die Vernichtung historischer Akten aus der Landesfrauenklinik ist ein Verstoß gegen das Landesarchivgesetz. „Staatliche Akten sind kein persönliches Eigentum einzelner Mitarbeiter“, betont die Präsidentin des Niedersächsischen Landesarchivs Christine van den Heuvel. Ob daraus Konsequenzen folgen, ist allerdings ungewiss. Van den Heuvel hat das Klinikum Region Hannover (KRH) Mitte Juni zu einer Stellungnahme aufgefordert. Bisher wartet sie immer noch auf Antwort.

Gegenüber der HAZ erklärt Klinikumssprecher Steffen Ellerhoff, beim Räumen des Gebäudes müsse es zu Absprachefehlern gekommen sein, die man „sehr bedauere“. Ellerhoff verweist darauf, dass das Klinikum eine schwierige Phase der wirtschaftlichen Konsolidierung mit einigen Personalwechseln durchlaufen hat. Die Kernaufgabe des Konzerns sei die Patientenversorgung, sagt er. Das erklärt allerdings nicht, warum das KRH die Abgabe der Akten über viele Jahre verweigert hat.

Christine van den Heuvel sorgt sich nun auch um die „sehr wertvolle“ historische Bibliothek der Landesfrauenklinik, die Hunderte medizinische Fachbücher aus dem 18. und 19. Jahrhundert enthält. Entgegen früherer Absprachen hat das KRH sie nicht komplett in die Medizinische Hochschule Hannover überführt, die über eine öffentlich zugängliche wissenschaftliche Bibliothek verfügt. „Stattdessen wurden die wertvollsten Stücke zuvor entnommen und so der Öffentlichkeit entzogen“, kritisiert die Präsidentin des Landesarchivs. Sie stehen jetzt im Klinikum Siloah. Aus der Sicht von Historikern und Archivaren ist das ein Unding. Denn bereits an der Zusammensetzung einer als Einheit erhaltenen historischen Bibliothek lässt sich viel über den Wissensstand der damaligen Zeit ablesen.

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Zäher Kampf um die Akten

Selbst als der KRH-Aufsichtsrat die Klinikleitung im Sommer 2013 scheinbar zum Einlenken bewegt, währt das nicht lange. Archivar Weingarten darf erst im Mai 2016 zum ersten Mal die Keller betreten. Dicke Staubschichten und herunter gerieselter Putz bedecken die Papiere. „Sie lagen seit vielen Jahren unberührt in den Regalen. Es war offensichtlich, dass sich lange niemand mehr damit beschäftigt hat.“ Umso unverständlicher erscheint, warum die Klinikleitung sich hartnäckig weigert, die geschichtsträchtigen Akten herauszugeben.

Weingarten ist klar, welcher Schatz da vor ihm liegt. Er entscheidet, rund 30 von etwa 130 Regalmetern Schriftgut für das Landesarchiv zu übernehmen: Hebammenlehrgänge von 1879 bis 1955, Akten aus allen Verwaltungsbereichen seit dem 19. Jahrhundert bis 1950, Personalakten, speziell bis 1900 und aus den Dreißiger- und Vierzigerjahren, Aufnahme- sowie Kranken- und Wöchnerinnenbücher. Weingarten kennzeichnet alles deutlich.

Dann verweigert die Klinik wieder die Herausgabe. Erst im Februar 2017 darf der Archivar in den Keller. Doch zu diesem Zeitpunkt sind die Räume bereits leer: Ein Entsorgungsunternehmen hat die historischen Zeugnisse im Dezember zur Vernichtung bekommen.

Klinik mit Geschichte

Die Historie der Landesfrauenklinik reicht bis ins Jahr 1781 zurück. Das damalige Accouchier-Hospital Hannover war zugleich Entbindungsheim für obdachlose und ledige Schwangere sowie Hebammenschule. Als Provinzial Hebammenlehranstalt bekam die Klinik 1903 einen Neubau am Herrenhäuser Kirchweg. Seit dem Jahr 1949 firmierte das Krankenhaus als Niedersächsische Landesfrauenklinik und Hebammen-Lehranstalt Hannover.

Die Stadt übernahm die Frauenklinik Krankenhaus Nordstadt 1991, seit 2005 liegt die Trägerschaft des Krankenhauses bei der Region Hannover.

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