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Aus der Stadt Bilder vom Untergang einer Stadt
Hannover Aus der Stadt Bilder vom Untergang einer Stadt
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22:47 09.09.2013
Von Simon Benne
Die zerstörte Marktkirche im Oktober 1944. Quelle: Historisches Museum
Hannover

Der Besucher war schockiert, als er in die Stadt kam: „Furchtbar sind die Trümmer. Hannover ist ein Ruinenfeld ohnegleichen“, notierte der spätere Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter im Dezember 1945: „Es ist eine Wanderung durch ein Inferno, wenn man durch die Innenstadt geht.“ Zugleich jedoch war die apokalyptische Landschaft ein Ort höchster Geschäftigkeit: „Jeder ist beladen mit Taschen, Rucksäcken, Koffern“, schrieb Reuter, „jeder ist offenbar verbissen von dem Gedanken besessen, es muss doch wieder in Ordnung kommen, wir müssen unsere Bude doch wieder schmücken und wohnlich machen.“

Die Zerstörung Hannovers und sein Wiederaufbau sind eigentlich zwei verschiedene Themen. Gleichwohl sind beide kaum voneinander zu trennen: Ihr neues Gesicht erhielt die Stadt ja unmittelbar, nachdem sie ihr altes verloren hatte. Und so nimmt die Ausstellung „Stadtbilder“ im Historischen Museum jetzt gleichermaßen „Zerstörung und Aufbau 1939 bis 1960“ in den Blick. Sie ist der dritte Teil einer erfolgreichen Ausstellungsreihe, die vor allem mit Fotos die bauliche Entwicklung der Stadt nachzeichnet.

Die Nazis hatten hochfliegende Pläne zum Ausbau der „Gauhauptstadt“ gehabt: Am Maschsee sollte ein pompöses Aufmarschgelände entstehen, eine Blickachse vom Leineschloss bis zum Hauptbahnhof sollte mitten durchs Zentrum geschlagen werden. Tatsächlich bereiteten die Nazis auf makabere Weise einer umfassenden Neugestaltung der Stadt den Boden: Auf Fotos, die im Mai 1940 nach dem ersten Luftangriff in Misburg gemacht wurden, sind noch Schaulustige zu sehen, die staunend vor den Trümmern stehen. Bilder, die nur wenige Jahre später entstanden, zeigen Gestalten, die apathisch durch gewaltige Meere von Ruinen ziehen.

Die Ausstellung "Stadtbilder - Zerstörung und Aufbau" im Historischen Museum zeigt historische Aufnahmen von Hannover in Trümmern – und den engagieren Wiederaufbau.

Die Ausstellung zeigt berührende, teils verstörende Bilder: Vor 70 Jahren ging das historische Hannover in der Bombennacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943 in Flammen auf. Allein bei diesem Angriff fanden 1245 Menschen den Tod. Bereits im März des Jahres hatten die Nazis auf dem Trammplatz mit großem Pathos ein Ehrenmal für die Luftkriegstoten aufgestellt, ein Holzgestell in Form einer germanischen Totenrune. Die Ausstellung zeigt, wie elend das Leben und Sterben in den Luftschutzkellern tatsächlich war. Sie zeigt Bilder von Kriegsgefangenen, die mit bloßen Händen Bomben räumen. Bilder von halbwüchsigen Bismarckschülern, die als Luftwaffenhelfer auf einer Flak posieren. Und Bilder von Menschen, die bei Luftangriffen starben. In einer Reihe von Leichen liegt eine tote Frau, der jemand ein totes Kind auf den Körper gelegt hat.

Beklemmende Bilder

Die Ausstellung zeigt beklemmende Bilder vom zerstörten Opernhaus oder dem ausgebrannten Turm der Marktkirche, der wie ein hohler Baumstumpf in den Himmel ragt – und sie zeichnet den Kriegsalltag in Hannover nach: Eine „deutsche Volksgasmaske“ ist ebenso zu sehen wie eine „Reichskleiderkarte“, Frauen bei Luftschutzübungen ebenso wie Bilder vom Bunkerbau. Inmitten der Trümmerwüsten standen damals Schilder mit der Aufschrift „Wer plündert, wird erschossen“. Zugleich brachten Plakate mit fröhlichen Kindern den Slogan „Kommt mit in die Kinderlandverschickung“ unters Volk. Und auf britischen Flugblättern war zu lesen: „Denk bei jeder Bombe dran: Das fing Adolf Hitler an.“

Die Brüche im heutigen Stadtbild, das führt die Ausstellung drastisch vor Augen, sind Spuren einer blutigen Geschichte – und sie sind zugleich Zeugnis eines bemerkenswerten Willens zum Neubeginn. Vom August 1948 an prägte Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht den Wiederaufbau. Er sah, dass in der kompletten Zerstörung auch die Chance lag, etwas komplett Neues zu schaffen. Da Hillebrecht auch Traditionsbauten schleifen ließ, wird er heute oft als Totengräber des historischen Stadtbildes gescholten. Zu Unrecht, sagt Ausstellungskurator Andreas Urban: „Je intensiver ich mich mit ihm beschäftigt habe, desto größer wurden meine Sympathien für Hillebrecht.“ Der Stadtbaurat verkörperte damals die „Avantgarde der deutschen Wiederaufbaukultur“. Sein modernes Verkehrskonzept mit geschwungenen Straßenverläufen wie an der Lavesallee stand auch für die neue Leichtigkeit nach den Jahren militärischer Ordnung.

Freilich griff Hillebrecht dabei auch auf Ideen seines Amtsvorgängers Karl Elkart zurück, der heute wegen seiner NS-Verstrickungen in der Kritik steht: Bereits Elkart hatte bei seinen Verkehrsplanungen eine Art City-Ring erdacht, und auch ihm hatte eine Grünzone am Leibnizufer vorgeschwebt.

Dennoch war der Aufbau eher ein Neubau als ein Wiederaufbau – und er vollzog sich in rasantem Tempo: Schon 1947 kreierte der Grafiker Paul Rademacher, der während des Krieges Skizzen von Ruinen angefertigt hatte, den „Hermeskopf“ als Logo der ersten „Exportmesse“. Und bis 1960 entstanden in Hannover rund 100 000 neue Wohnungen. Der vor kurzem im Alter von 99 Jahren verstorbene Fotograf und Filmemacher Heinz Koberg wurde zum Chronisten jener Jahre: Seine Filme vom Wiederaufbau zeigen, wie Hannover sich neu erfand. Der Geist der fünfziger Jahre schlug sich in Bauten wie dem Thielenplatz-Kino und dem Conti-Hochhaus, der Markthalle oder dem NDR-Funkhaus nieder. Und ganz in der Nähe des Ortes, an dem die Nazis das Stadion ihres „Gau-Forums“ errichten wollten, entstand das Niedersachsenstadion. Errichtet wurde es allerdings auf 2,5 Millionen Kubikmetern Trümmerschutt. Wie ein ungewolltes Symbol für die Kontinuitäten jener Jahre – und für ihre Brüche zugleich.

„Stadtbilder“

Die Ausstellung „Stadtbilder“ ist bis zum 18. Mai 2014 im Historischen Museum, Pferdestraße 6, zu sehen. Informationen zu Führungen – auch für Schulklassen – gibt es unter (05 11) 16 84 39 86.
Das reich illustrierte, 144 Seiten starke Begleitbuch „Stadtbilder Hannover 1939–1960 – Zerstörung und Aufbau“ kostet 15 Euro.
Der Bauhistoriker Sid Auffarth hält im Begleitprogramm der Ausstellung neun Vorträge zur Stadtentwicklung. Zum Auftakt spricht er am 29. Oktober, 18 Uhr,  im Historischen Museum zum Thema „Vertreibung, politisches Kalkül oder Denkmalpflege? ,Altstadtgesundung’ rund um den Ballhof 1936–39“.

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