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„Ich will nur einen angemessenen Job“

Akademisch, alleinerziehend, arbeitslos „Ich will nur einen angemessenen Job“

Akademisch, alleinerziehend – arbeitslos? Hoch qualifizierte Mütter mit Studium kommen immer seltener in angemessene Beschäftigung. Zwei Frauen aus Hannover berichten von ihren Erfahrungen und Wünschen für die Zukunft.

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Erst hat man keine Erfahrung, dann ist man zu alt, dann nicht flexibel genug. Frederike Schuur (36)
Literaturwissenschaftlerin

Quelle: Kuttner

Hannover. Es klingt nicht nach Traumschloss oder Wolkenkuckucksheim. Im Gegenteil, es klingt nach einem bodenständigen, fast schon selbstverständlichen Anliegen. „Ich hätte gern die Chance, mich zu beweisen, in einem angemessenen Job mit angemessener Bezahlung“, sagt Frederike Schuur darüber, was sie sich für ihre berufliche Zukunft wünscht.
Qualifikationen dafür hat die 36-Jährige genug. Akademikerin ist sie: Ihr Magisterstudium an der Leibniz-Uni in Deutscher Literaturwissenschaft und Amerikanistik schließt sie mit einem Schnitt von 1,8 ab. Ein Fernstudium im Bereich Kommunikationswissenschaft/PR absolviert sie, dazu eine Qualifikation als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache. Die Tochter eines Marineoffiziers spricht zudem fließend Englisch, Dänisch und Spanisch, kann russisch und arabisch zumindest schreiben und lesen.

Der Grund dafür, dass es bislang trotzdem nicht geklappt hat mit dem angemessenen Job, ist 14 Jahre alt und in der Schule, während seine Mutter in ihrer Zweizimmerwohnung im Zooviertel über ihr Leben spricht.           

 
Frederike Schuur ist etwas, das in Deutschland gar nicht mehr so selbstverständlich ist. Sie ist Akademikerin mit Kind. Studierte Frauen haben, was ihre Lust aufs Kinderkriegen angeht, hierzulande einen schlechten Ruf. Vor allem in Westdeutschland gelten sie seit Langem als diejenigen, die am häufigsten kinderlos bleiben. 30 Prozent der 45- bis 49-Jährigen hatten bei der letzten repräsentativen Erhebung, dem Mikrozensus von 2013, kein Kind. Dass sie die „Schöpfungsnotwendigkeit („Der Spiegel“) oder die „Urgewalt der Natur“ („FAZ“) missachteten und schuld an der demografischen Krise seien, wurde ihnen, hauptsächlich von Männern, vorgeworfen. Nur wenige wie Iris Radisch, Kritikerin bei „Die Zeit“, rieten zur Gebär-Bummelei. Die meisten empfahlen: Seid nicht egoistisch. Bekommt jung ein Kind.

Frederike Schuur tat genau das, ziemlich jung sogar, mit knapp 22 Jahren: „Meine Mutter hat mich auch mit 20 bekommen. Ich stellte mir das gar nicht dramatisch vor.“ Sie zieht mit Freund von Hamburg nach Hannover, um zu studieren. Die Eltern leben hier, der Vater, früh in Rente gegangen, kann sich mit um den Enkel kümmern. Nach zwei Jahren trennen Schuur und der Kindsvater sich. Aber das ist es nicht, was der Alleinerziehenden die größten Probleme bereitet. Es ist ein Umstand, der in den Debatten über das Kinderkriegen im kinderarmen Deutschland zumeist ausgeblendet wird. Die heute 36-Jährige hat ein Kind, das nicht reibungslos funktioniert. Schuur merkt früh, dass es anders ist. Ungewöhnlich kontaktfreudig, sprachbegabt, hochmusikalisch, aber auch mit Konzentrationsproblemen behaftet, mit Schwierigkeiten, zu erfüllen, was Kindergarten oder Schule fordern. Schuur muss immer wieder kämpfen, bis sie eine passende Schule findet. Sie zahlt einen hohen Preis für ihr Engagement: Sie ist heute Akademikerin, alleinerziehend, arbeitslos.

Wenn es um den Kinderwunsch hochqualifizierter Frauen geht, bleibt genau das zumeist unausgesprochen: Was passiert, wenn das Kind Handicaps hat? Wenn der Vater sich nicht kümmert? Oft löst das eine Abwärtsspirale aus. Hochqualifizierte Frauen fallen besonders tief. Statt vor einer Karriere stehen sie plötzlich vor dem beruflichen Aus. 6753 alleinerziehende Frauen suchten nach Angaben des hannoverschen Jobcenters Ende 2015 regionsweit nach Arbeit. 286 waren Akademikerinnen. Dazu komme die „stille Reserve“, sagt Christiane Finner, Leiterin der Koordinierungsstelle Frau und Beruf der Region: Alleinerziehende, die getrennt, aber nicht geschieden seien, die von Vätern, Eltern, unterstützt würden, aber dringend einen Job bräuchten.

Vor allem Geisteswissenschaftler hätten es schwer, sagt Elke Heinrichs, im Jobcenter Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt. Sie absolvierten ein breites Studium, seien hochqualifiziert. Arbeitgeber an der Uni, in Archiven, Bibliotheken, Kultureinrichtungen suchten aber oft jemanden, der branchentypisch gearbeitet habe. Um dennoch einen qualifizierten Einstieg zu finden, seien deshalb ein gutes Netzwerk, klare Vorstellungen vom eigenen Profil und Überzeugungsarbeit im Bewerbungsgespräch nötig. Den Anspruch von Akademikerinnen mit Kindern, auch später noch einen Job mit angemessener Qualifikation zu finden, findet Heinrichs berechtigt.

Geisteswissenschaftler zeichneten breites Allgemeinwissen und analytisches Denken aus, sie seien meist stark in Wort und Schrift. Man müsse aber wissen: „Wenn man nicht direkt nach dem Studium einen adäquaten Job findet, kann es schwierig werden.“

Wie schwierig, das kann man spüren, wenn man die Historikerin Daniela Stolte besucht. Die 37-Jährige lebt mit ihrem dreijährigen Sohn in Linden in einer Zweizimmerwohnung. Wer einen Blick ins Wohnzimmer wirft, sieht sofort, dass es zugleich Spielzimmer ist. Enge herrscht, so liebevoll die Wohnung auch eingerichtet ist.

Wenn man mit Stolte spricht, dann ist es oft so, als säße ein unsichtbarer Dritter mit am Tisch. Einer, gegen den sie ihr Leben verteidigt, das nach „herrschenden Arbeitsmarktkategorien“ nicht lückenlos verlaufen ist. Stolte beendet ihr Magisterstudium an der Leibniz-Uni in Geschichte und Deutscher Literaturgeschichte 2006.

Wissenschaftliche Hilfskraft war sie, macht Praktika im Stadtarchiv und in einem Büro für Ausstellungsgestaltung. Trotzdem findet die Alleinerziehende nach Studienabschluss keinen Job. Zehn Jahre nicht, bis heute. „Immer wurden die Dinge, die man gemacht hatte, kleingemacht“, sagt sie: „Am Anfang hat man keine Erfahrung, später ist man zu alt, noch später, mit Kind, nicht mehr flexibel genug.“ Stolte gibt nicht auf, jobbt auch in der Gastronomie. Auch jetzt will sie dem „komischen Rad“, in dem sie sich befindet, noch entkommen.  Wichtig ist ihr inzwischen aber auch, dass der Druck, ein „zum Lebenslauf passendes Leben zu führen“, nicht alles andere überlagert: dass sie auch malt oder mit Tanzperformances auftritt.

Frederike Schuurs Situation hat sich inzwischen so stabilisiert, dass sie auch voll arbeiten würde, „wenn das Gehalt stimmt, sodass ich mein Kind angemessen betreuen lassen kann“. Die fehlende Berufserfahrung, die es bislang verhinderte, dass sie einen adäquaten Job fand, kompensiert sie seit Oktober 2015, indem sie Geflüchteten ehrenamtlich Deutschunterricht erteilt.

Jetzt muss sie nur noch jemanden finden, der sie einstellt und anständig bezahlt.

Nachgefragt...

„Mütter bringen Organisationstalent mit“

Frau Heinrichs, was raten Sie Alleinerziehenden beim Wiedereinstieg in den Job?
Viele Mütter bewerben sich besonders anfangs sehr breit. Sie sollten sich aber ganz konkret fragen: Was will der Arbeitgeber, passt das zu mir? – und sich dann gezielt bewerben. Je überzeugter sie sind, dass sie auf die Stelle passen, desto besser werden sie auch den Arbeitgeber überzeugen.

Was tut das Jobcenter, um zu helfen?
Wir haben ein großes Portfolio an Angeboten. Das fängt bei der Beratung an, auch direkt vor Ort in den Stadtteilen. Wir veranstalten Aktionstage mit anderen Netzwerkpartnern, bei denen wir Bewerberinnen mit Arbeitgebern in Kontakt bringen. Wir ermöglichen Praktika, damit sich Bewerberinnen erproben können. Wenn besondere Qualifizierungen erforderlich sind, können wir diese finanzieren. Bis hin zur Umschulung in einem neuen Beruf.

Viele Mütter würden am liebsten Teilzeit arbeiten. Ist das realistisch?
Fakt ist: Solche Stellen sind selten ausgeschrieben. Ich rate Müttern deshalb, sich auch auf geeignete Stellen zu bewerben, die Vollzeit ausgeschrieben sind. Wenn der Arbeitgeber das Gefühl hat, sie ist genau die Richtige für den Job, und die Bewerberin sich an anderer Stelle flexibel zeigt, wird er möglicherweise beim Thema Arbeitszeiten mit sich reden lassen.

Gibt es eine Altersgrenze, ab der es kritisch wird?
Ich höre immer wieder, dass es ab Mitte dreißig kritisch wird. Das kann in einigen Fällen stimmen, belegen lässt es sich nicht. Benachteilungen aufgrund des Alters sind vom Gesetz grundsätzlich verboten. Für Arbeitgeber zählt in erster Linie die Qualifikation. Viele schätzen Lebenserfahrung, Verantwortungsbewusstsein und Organisationstalent. Und das bringen Mütter ja mit.

Interview: Jutta Rinas

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