Vor etwa zwei Jahren stürmte der 42-Jährige gegen 3 Uhr in ein Lokal in Linden-Süd, zog die Schusswaffe und fragte nach dem Wirt. Doch hinter dem Tresen stand nur die Ehefrau des Gesuchten. Sie konnte Holger B. offenbar gerade noch davon überzeugen, dass ihr Mann wirklich nicht anwesend war. B. steckte seine Waffe wieder ein und verließ die Gaststätte.
Am Tag vor dem Vorfall war der Frührentner Holger B. – er war regelmäßiger Gast in der Kneipe – mit dem Wirt aneinandergeraten. „Er hat Streit mit Gästen angefangen, da habe ich ihn am Kragen gepackt und aus dem Laden gezogen“, sagt der Gastronom. Anschließend sei B., wie so oft, in die Bar „Columbus“ gegangen und sei dort nach einer erneuten Auseinandersetzung mit Gästen verprügelt worden. „Sie haben ihn grün und blau geschlagen“, sagt der Kneipenwirt aus Linden. Am nächsten Abend sei Holger B. in seiner Lieblingsfußballkneipe, dem „Gaston“ in der Posthornstraße, mehrmals auf seine Verletzungen im Gesicht angesprochen worden. „Da ist ihm offenbar alles wieder eingefallen – allerdings nicht die Prügelei im ‚Columbus‘, sondern nur der Streit mit mir“, berichtet der Wirt. Holger B. ging in seine Wohnung, holte die Pistole vom Typ Makarov und die Munition, Kaliber neun Millimeter. Ohne Umwege machte er sich zur Kneipe in Linden-Süd auf. „Wenn ich an dem Abend da gewesen wäre, ich würde jetzt nicht hier am Tisch sitzen“, davon ist der Gastronom überzeugt. Die Polizei hat er über die Ereignisse jener Nacht nicht informiert. „Es wäre ausgegangen wie in so vielen Fällen, in denen ich die Beamten alarmiert habe: Es ist nichts passiert, deshalb kann auch niemand etwas machen“, sagt er frustriert. Etwa eine Woche später sei Holger B. wieder in seinem Laden aufgekreuzt und habe sich für den Vorfall entschuldigt. Damit war die Sache für den Wirt erledigt.
Auch am Montag nach den tödlichen Schüssen auf die beiden Italiener suchte Holger B. die Kneipe in Linden-Süd auf. „Er sagte, bei ihm würde es brennen, nicht finanziell, sondern anders“, erinnert sich der Geschäftsmann. Dann erkundigte sich B., ob man kurzfristig im Internet Flugtickets nach Mallorca kaufen könnte. Der Wirt schickte ihn in ein Reisebüro in die Falkenstraße. „Als ich am Abend im Radio von den Morden in der ‚Columbus‘-Bar erfahren habe, wusste ich sofort: Das war Holger“, erinnert er sich. Der Gastwirt verständigte die Kriminalpolizei. Er war es, der die Ermittler darüber informierte, dass der Steintorschütze sich ins Ausland absetzten würde.
Am Dienstag stellte Holger B. sich in Palma de Mallorca den Behörden. Inzwischen wurde er in ein Gefängnis nach Madrid verlegt. Das bestätigte am Freitag ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. In der spanischen Hauptstadt soll B. sich kommende Woche dazu äußern, ob er seiner Auslieferung nach Deutschland zustimmt. Die Leichen der beiden Opfer, Giuseppe L. und Franco S., sind bereits nach Italien gebracht worden. Sie sollen in ihren Heimatdörfern bestattet werden – Franco S. in der Nähe von Oristano auf Sardinien, Giuseppe L. im Kreis Catania auf Sizilien. Am Sonntag wird in der St.-Marien-Kirche in der Marschnerstraße eine Trauerfeier für die Getöteten abgehalten. „Wir werden für sie beten, und ich werde in meiner Predigt auf die brutalen Vorkommnisse eingehen“, so Pfarrer Giovanni Paganini.
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Tobias Morchner und Vivien-Marie Drews
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