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So fragwürdig werden rumänische Arbeiter hier behandelt

Groß-Buchholz So fragwürdig werden rumänische Arbeiter hier behandelt

In einem Haus in Groß-Buchholz werden rumänische Zimmermädchen und Roomboys zu fragwürdigen Bedingungen untergebracht. Die Miete zehrt einen Großteil des Einkommens auf, die Gewerkschaft spricht von Ausbeutung. Nachbarn beklagen sich. 

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Eine ehemalige Bewohnerin erzählt von ihren Arbeitsalltag und der Unterbringung. 

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Ein Einfamilienhausgebiet in Hannover, Groß-Buchholz. Bungalows im Stil der Siebzigerjahre prägen die bürgerliche Gegend, Zäune und Hecken stecken Grundstücke mit Gärten ab.

Viele Menschen leben seit Jahrzehnten hier. In einem Bungalow im Viertel allerdings wechseln die Bewohner häufiger. Schon die Eingangstür fällt auf. Statt akkurater Namensschilder kleben dort mit Tesafilm befestigte Zettel, auf denen mal zehn, mal 14 Namen stehen, die nach Osteuropa klingen.

Das Haus ist die Sammelunterkunft des Bremer Unternehmens AS-H-Hotelservice. Es mietet vom hannoverschen Eigentümer und schließt Untermietverträge mit seinen Angestellten. Zimmermädchen und Roomboys leben hier, wenn sie nicht in Hotels Betten machen, Bäder wischen, Heizungen und Tische abstauben, Böden saugen, Papierkörbe leeren, Müll wegbringen und alles schön machen für die nächsten Gäste.

„Arbeit ist nicht zu schaffen“

Auch Irina und Paul waren bei AS-H beschäftigt, beide lebten eine Zeit lang in dem Buchholzer Bungalow. Sie erzählen, wie es Menschen ergehen kann, die auf der Suche nach Arbeit ihre Heimat verlassen, um in einem reichen Land besser zu leben. Ihre Namen sind geändert. Die HAZ hat Arbeitsverträge eingesehen.

Irina sieht müde aus beim Gespräch. Tiefe Augenringe, raue Hände halten eine Zigarette. Sie erinnert sich an täglichen Druck in Hotels. „Die Arbeit war in der vorgegebenen Zeit einfach nicht zu schaffen.“ Zimmermädchen müssten eine bestimmte Anzahl von Räumen in einer vorgegebenen Zeit reinigen, und nur diese Zeit werde bezahlt. In ihrem Hotel, sagt Irina, wären es im Schnitt 3,3 Zimmer pro Stunde gewesen, 18 Minuten und 18 Sekunden pro Raum. Manche Zimmer seien so dreckig, dass es viel länger dauere. Manchmal musste sie warten, wenn ein Gast trödelt und sein Zimmer zu spät verlässt. Irina sagt: „Wir haben weniger bekommen, als wir gearbeitet haben.“ Jeden Tag eine bis zwei Stunden Überstunden, ohne Lohn. Andere ehemalige Mitarbeiter berichten von 2,6 Zimmern, die in einer Stunde zu bewältigen seien.

AS-H zahlt seinen Beschäftigten den Mindesttarif für Gebäudereiniger, 10 Euro pro Stunde. Das Unternehmen schließt auch Verträge auf Abruf, oft sind es befristete Kontrakte. Darin garantiert es Angestellten zum Beispiel 15 Wochenstunden Arbeit, weitere Verdienstmöglichkeiten ergeben sich für Zimmermädchen und Roomboys nach Bedarf in Hotels. Zu Messezeiten ist viel los, während der Ferien meist weniger. Paul erzählt, er sei von heute auf morgen einbestellt worden, wenn unerwartet Gäste anreisten, freie Tage interessierten da nicht, man habe zu erscheinen. „Sie sagen, wenn du nicht willst, es gibt viele, die deinen Job wollen.“

Für ihren Schlafplatz im Buchholzer Bungalow müssen Mitarbeiter zudem Miete an AS-H zahlen. Die Beträge liegen zwischen 250 und 275 Euro monatlich. Zwei Beschäftigte teilen sich einen Raum, wer Glück hat, lebt allein in einem Zimmer. Das bedeutet: Für ein Zimmer bekommt AS-H bis zu 550 Euro. Paul und Irina berichten, dass mitunter bis zu 15 Menschen gleichzeitig im Bungalow untergekommen seien, im Erdgeschoss und unterm Dach. Für alle gebe es nur zwei Toiletten, ein Bad und eine kleine Küche. Für einige Wochen lebte eine Familie mit zwei kleinen Kindern im Haus, aber die zog weg, „sie dachte, für 500 Euro nimmt sie lieber eine eigene Wohnung“. Laut Stadtverwaltung sind im Bungalow derzeit 18 Personen gemeldet.

„Im Monat bleiben 600 Euro“

Irina und Paul haben eine ganz persönliche Rechnung gemacht, und unterm Strich steht dort in ihren Worten: „Es bleibt nicht viel übrig.“ In einem Monat mit wöchentlich 30 bezahlten Arbeitsstunden stehen nach Abzug von Steuern, Sozialabgaben und Miete fürs Zimmer etwas mehr als 600 Euro. Was viele Arbeiter aus Rumänien oder auch Bulgarien dennoch nach Deutschland zieht, ist das Wissen, dass sie hier immer noch mehr verdienen als in ihrer Heimat. Und nach einem Jahr dauerhafter Beschäftigung haben sie als EU-Bürger im freizügigen Arbeitsmarkt Anspruch auf Arbeitslosengeld.

Das Hamburger Unternehmen ließ eine Anfrage dieser Zeitung über eine Anwaltskanzlei beantworten. Zentraler Satz: „Die (...) Aussagen von angeblichen früheren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind schlichtweg falsch.“ AS-H halte sich stets an den Mindestlohn und ordne keine unbezahlten Überstunden an. Die Zahl der pro Stunde zu reinigenden Räume hänge von Hotel-und Zimmerkategorie ab, wobei die Größe der Räume ebenfalls eine Rolle spiele. Reinigungszeiten würden nach dem Aufwand vor Ort geplant. Kurzfristige Einbestellungen gebe es nicht.

„Preiswert und unkompliziert“

Zur Wohnsituation im Bungalow heißt es in dem Schreiben der Kanzlei, er sei derzeit von zehn Personen gemietet. Zur Verfügung stünden acht Zimmer, die räumlichen Verhältnisse ließen es zu, dass zwei Personen in einem Zimmer leben könnten. „Eine Belegung mit mehr Personen wird nicht zugelassen.“ Womit nicht bestritten wird, dass tatsächlich einmal 15 Menschen im Haus gelebt haben. Die bis zu 275 Euro Miete beinhalten der Kanzlei zufolge alle Nebenkosten inklusive Internet, Rundfunkgebühren und Instandhaltung. Das Haus sei keine „wirtschaftliche Einnahmequelle“, sondern solle neuen Mitarbeitern die Möglichkeit geben, „vorübergehend Wohnraum zu beziehen“, als „Übergangslösung, preiswert und unkompliziert“. AS-H zahle für das Haus 3000 Euro monatlich.

Eine insgesamt andere Einschätzung der Lage hat Paul-Octavian Idu. Er arbeitet bei der Beratungsstelle für mobile Beschäftigte, die unter anderem vom Land Niedersachsen und der Region Hannover getragen wird. Auch Idu hat mit Irina und Paul und einigen weiteren AS-H-Beschäftigten gesprochen, die Vorwürfe wiederholen sich. Er sagt: „Wenn es stimmt, was sie erzählen, dann ist das ein Fall von Ausbeutung.“ Mehrarbeit nicht zu bezahlen und „überhöhte Miete“ zu kassieren heißt für Idu schließlich, dass Mitarbeiter nicht bekommen, was ihnen laut Gesetz zusteht: „Der Mindestlohn von 10 Euro wird unterschritten.“

Nachbarn beklagen sich

In der Groß-Buchholzer Wohnsiedlung sehen viele Nachbarn die rumänischen Bewohner im nahen Bungalow kritisch. Sie werfen ihnen vor, Müllsäcke wild an die Straßen zu stellen, oft gefüllt mit Essensresten, die wiederum Ratten anlockten. Anwohner haben Fotos von blauen und gelben Säcken gemacht, die oft tagelang bis zur nächsten Abfuhr liegen blieben. Andere Fotos zeigen Ratten, die der Müll angelockt habe.

Matthias Sesselmann ist einer dieser kritischen Bewohner. In mehreren Schreiben an verschiedene Fachbereiche machte er die Stadt Hannover auf die Lage aufmerksam. Dort sind auch die Bilder bekannt. Sesselmann sieht Seuchengefahr wegen der Ratten. Er vermutet, dass im Haus illegal ein Hotelbetrieb angemeldet worden sei.

Dass im Bungalow ein Dutzend Menschen leben, findet er „menschlich unter aller Sau“. Zudem sei das Haus technisch nicht ausgerichtet für so viele Bewohner, es bestehe Brandgefahr, ein Fall also für die Bauaufsicht. Hinweise an die Rumänen hätten die Lage nicht verbessert.

Im Rathaus sieht man die Dinge anders. Einen Hotelbetrieb gebe es nicht. Man habe keine Handhabe, um in die Belegung eines Hauses einzugreifen. Auch habe man keine Ratten gefunden. Zweimal habe man Köder ausgelegt, „sie blieben unberührt“, sagte ein Sprecher. Die Rattenbekämpfung werde deshalb beendet. Bei Kontrollen seien „keine Verschmutzungen im Umfeld des Hauses festgestellt“ worden.     

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