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Aus der Stadt Hüttendorf auf dem Ballhofplatz planmäßig geräumt
Hannover Aus der Stadt Hüttendorf auf dem Ballhofplatz planmäßig geräumt
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20:36 26.09.2010
Die bunten Tage sind vorbei: Schüler rollen die Anti-Atom-Kraft-Plakate ein und bauen die Holzhütten auf dem Ballhofplatz ab. Quelle: Martin Steiner

Getragen fließt die Chopin-Sonate dahin, rieselt von der Bühne auf die Häupter der Jugendlichen, die die Bretterbuden auf dem Ballhofplatz demontieren und den Regen aus ihren Gesichtern wischen. „Die Musik passt zur Stimmung“, sagt der 16-jährige Michael am Klavier. „Spiels’ noch einmal“, fordert seine Mitschülerin Olivia und lehnt sich an das Instrument. Ihr Blick schweift über den Platz, bleibt an Protestplakaten hängen, die gerade eingerollt werden, an Schülerinnen, die mühsam Farbreste vom Boden kratzen, und verharrt an einem umgestürzten Schild auf dem das zu lesen ist, weshalb sie alle hier waren: „Republik Freies Wendland – reaktiviert“.

Neun Tage lang haben rund 50 Jugendliche, zumeist aus der Gesamtschule Roderbruch, den Widerstand geprobt, haben ein Hüttendorf errichtet, das an die Anti-Atomkraft-Bewegung aus den achtziger Jahren im Wendland erinnerte, haben Transparente bemalt, Protestlieder gesungen und nicht zuletzt Theater gespielt. Denn das gesamte Projekt wurde vom Schauspielhaus Hannover auf die Beine gestellt und aus staatlichen Kassen finanziert.

„Das war eine Wahnsinnserfahrung, für die Jugendlichen, aber auch für uns Theaterleute“, sagt Dramaturg Aljoscha Begrich. 24 Stunden am Tag ruhten die Augen der Öffentlichkeit auf dem Hüttendorf, waren Presseleute aber auch neugierige Bürger zu Besuch in der Kommune. Das sei anstrengend, aber eben auch bereichernd gewesen. Die Aufführung des Dürrenmatt-Klassikers „Die Physiker“ am Sonnabendabend, die die Schüler trotz weniger Proben gemeistert hätten, habe noch einmal die große Resonanz auf das Hüttendorf bewiesen. „300 Zuschauer zählten wir, zumeist junge Leute“, sagt Begrich.

Dennoch war das Theaterprojekt von Anfang an nicht unumstritten. Hier werde die Jugend auf Kosten des Landes zum Anti-Atom-Protest aufgerufen, unter dem Deckmantel theaterpädagogischer Arbeit, kritisierte Hannovers CDU-Chef Dirk Toepffer. Eine Diskussion mit den Theateraktivisten auf dem Ballhofplatz scheiterte, der CDU-Politiker wurde verhöhnt und verließ das Protestcamp. „Wer zu unserem inszenierten Hüttendorf kommt, wird selbst Teil der Inszenierung“, ließ das Presseteam, das ebenfalls aus Schülern bestand, mitteilen. Man klopfte sich auf die Schultern, zimmerte weiter an den Holzbaracken und lauschte den Liedern von einer besseren Welt, etwa beim Konzert der Band Ton Steine Scherben Family. Ein bisschen Klassenfahrt, ein bisschen Hippie-Kommune und viel politischer Idealismus, so lässt sich die Stimmung in jenen Tagen beschreiben. Doch dann wurde es ernst.

Jürgen Trittin, Vorsitzender der Bundestagsfraktion der Grünen, gab sich am Mittwochabend die Ehre und sollte mit der Vollzeitaktivistin Hanna Poddig ein Gespräch über Ideal- versus Realpolitik führen. Aber dazu kam es nicht. Noch bevor die Diskussion richtig in Gang kam, stürzte ein maskierter Mann auf die Bühne und schleuderte Trittin eine Joghurttorte an den Kopf. Der Grünen-Politiker blieb zunächst gelassen, doch als Poddig die Aktion für gut befand, verließ Trittin die Bühne. Die Schüler waren schockiert, das Medienecho hallte durch die Republik, aus dem inszenierten Protest-Spaß war ein politischer Streit geworden.

Jetzt, am Ende des Hüttendorf-Programms, ist der Zwischenfall wieder in die Ferne gerückt. „Für mich ist die Sache abgehakt, wir haben ja so viel darüber geredet“, sagt die 16-jährige Janne. Ärgerlicher ist für sie der Farbeimer, der beim Bemalen von Plakaten umgekippt war, und dessen Spuren sie nun mühsam vom Pflaster schrubben muss. „Eigentlich bin ich todmüde, denn viel geschlafen haben wir hier nicht“, sagt sie und wankt mit steifen Beinen zur Essenshütte. Rund 35 Jugendliche verbrachten auch die Nächte im Theater, schliefen auf Luftmatratzen im Foyer des Ballhofs. „Jetzt freue ich mich einfach nur auf mein Bett“, sagt Janne.

Und was bleibt haften, wenn das Schlafdefizit überwunden ist und heute der Schulalltag Einzug hält? Zunächst einmal eine „tolle Gemeinschaftserfahrung“, sagen die Schüler übereinstimmend. „Dass ich mit anderen eine Hütte aufbauen kann, hat mich selbst überrascht“, sagt Mika. Sein Freund Tobi meint, nun ganz viel über Kernenergie, Endlagerstätten und Atomwirtschaft zu wissen. „Das alles schien mir immer so weit weg, jetzt liegt es viel näher“, sagt er und streift den Aufkleber auf seiner Jacke fest. „Atomkraft stilllegen“ ist dort zu lesen. Aber ein Aktivist sei er nicht geworden, und sich irgendwo an die Bahnschienen ketten, um einen Castor-Transport zu verhindern, käme ihm auch nicht in den Sinn. „Dennoch habe ich den Eindruck, jetzt eine politische Meinung vertreten zu können“, sagt Mika. Er wolle seine Eltern bitten, künftig nur noch Ökostrom zu beziehen.

„Eigentlich müsste man nun ins Wendland fahren, um dort protestieren“, sagt Janne. Aber leider sei sie in den Herbstferien im Urlaub. Immerhin werden zwei der Holzhütten ins Wendland transportiert, um dort weiter Atomkraftgegenern Unterschlupf zu gewähren. Ein hölzernes Windrad bekommt die IGS Roderbruch, zur Erinnerung.

Seufzend greift Janne zur Bürste, um die letzten Spuren des Hüttendorfs zu beseitigen.

Andreas Schinkel

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