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Jahrestag von Fukushima

Hunderte demonstrieren in Hannover gegen Atomkraft

Von Sonja Fröhlich

Das nasskalte Wetter hielt sie nicht vom Protest ab. Mehr als 700 Menschen haben sich am Sonnabendmittag in Hannovers Innenstadt versammelt, um gegen Atomkraft zu demonstrieren.
Foto: Von Hildesheim bis Hannover: 200 Standorte beteiligten sich an dem Atomprotest.

Von Hildesheim bis Hannover: 200 Standorte beteiligten sich an dem Atomprotest.

© Behrens

Hannover. Nieselregen und eiskalter Wind peitscht ihnen in Hannovers Innenstadt um die Ohren. Für Helga und Eberhard Schiffmann, 74 und 79 Jahre alt, ist das schlechte Wetter nebensächlich. „Wir befinden uns auf der Flucht“, sagt die Seniorin. Dann berichtet sie von dem fiktiven Unfall, den es im Atomkraftwerk Grohnde gegeben habe. Das ist für sie gleich nebenan. Die Schiffmanns wohnen mittendrin in der schlimmsten Gefahrenzone. Deshalb haben sie ihren Enkel Philipp abgeholt und sich einem Flüchtlingskonvoi angeschlossen.

Tatsächlich gehört ihre Flucht zum Aktionstag von Atomkraftgegnern, der am Sonnabend Tausende Menschen mobilisiert hat. Hintergrund ist die Reaktorkatastrophe in Fukushima, die sich am Montag zum zweiten Mal jährt.

Was wäre, wenn es im AKW Grohnde zum Störfall käme? Eine Mischung aus Planspiel und Demonstration sollte am Aktionstag veranschaulichen, wie eine Reaktorkatastrophe in einem Radius von 40 Kilometern rund um Grohnde im Landkreis Hameln-Pyrmont aussehen könnte. Der Radius entspricht dem von Fukushima. Hannover und Laatzen liegen auf der Grenze, Barsinghausen und Gehrden mitten im Evakuierungsbereich. An mehr als 200 in dem Radius befindlichen Standorten gab es Informationen, Aktionen und Protest. Nach Polizeiangaben beteiligten sich etwa 2500 Menschen daran; die Veranstalter zählten dagegen 20 000 Protestler – die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Bundesweit sollen 30 000 Menschen gegen Atomkraft auf die Straße gegangen sein.

In Hannovers Innenstadt, Zentrum der Aktion, erinnerten mehrere hundert Atomkraftgegner an die Anti-Atomkraft-Bewegung der siebziger Jahre. Das rot-gelbe Logo mit der lachenden Sonne „Atomkraft? Nein Danke“, wie ihn Helga Schiffmann auf ihrem Banner trägt, hat die Jahrzehnte überdauert. Die 74-Jährige sagt, sie sehe es als ihre Pflicht, sich an dem Protest zu beteiligen: „Viele Atomkraftwerke sind in Zeiten gebaut worden, als wir sie nicht verhindern konnten. Heute müssen die Jüngeren dafür ihr Leben lang bezahlen.“ Tatsächlich bringt der Protest die Generationen zusammen auf die Straße. Etwa Monika Zoege mit ihren beiden Töchtern. Gemeinsam haben sie ein schwarz-gelbes „Atom-Gespenst“ gebastelt. „Ich mache mir seit 30 Jahren extreme Sorgen und kann nicht verstehen, dass es nur so langsam vorwärts geht“, sagt die Sozialwissenschaftlerin aus Linden.

Die fünfjährige Stella verteilt mit ihrer Mutter Deborah Harms Hausaufgabenhefte gegen Atomkraft. Das Mädchen erklärt ihr Engagement mit klaren Worten: „Weil Atomkraft doof ist und gefährlich.“ Einige Demonstranten haben sich zur Warnung mit Strahlenschutzanzügen und Atemmasken ausgestattet. Am Steintor verteilen die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschland (MLPD) und ihr Jugendverband Rebell selbstgemachte Mini-Atomkraftwerke aus Schokolade und Keksen. Kurt Kleffel, Moderator der hannoverschen Montagsdemonstrationen, nutzt die Aktion auch für eigene Zwecke – er sammelt Unterschriften, damit er für den Bundestag kandidieren darf.

Gegen Mittag bilden mehrere Hundert Menschen eine Kette von der Oper bis zum Hauptbahnhof – minutenlang skandieren sie die Forderung „Abschalten“. Bernd Schlinkmann vom Anti-Atom-Plenum Weserbergland, der den Streckenabschnitt Hannover koordiniert, spricht im Anschluss von einem großen Erfolg: „Es haben sich mehr Menschen beteiligt, als wir bei dem Wetter gehofft hatten.“ Bei der Zusammenarbeit der Umweltbewegungen in Niedersachsen habe man einen großen Schritt getan.

Die Organisatoren in Laatzen, das sich für eine Stunde in eine Evakuierungszone verwandeln sollte, sind dagegen nicht so recht zufrieden. „Wir hatten wenig Resonanz“, sagte Rita Klindwort-Budny von den Grünen. Unter anderem hatten sie und ihre Mitstreiter an Kinder und Jugendliche die Jodtabletten „Grohnde akut“ (tatsächlich: Pfefferminzbonbons) ausgegeben – mit dem Hinweis, dass der Rest ihrer Familie im Ernstfall keine abbekomme. Denn nach dem offiziellen Notfallplan werden im Ernstfall Jodtabletten nur an Minderjährige und Schwangere ausgegeben.

Am Kröpcke warnt Ralf Strobach von der Bürgerinitiative Umweltschutz vor dem offiziellen Notfallplan. „Er bietet keinen wirksamen Schutz – obwohl hier täglich das gleiche passieren könnte wie in Fukushima.“ Die Worte klingen Helga und Eberhard Schiffmann noch in den Ohren, als sie zurück in ihren Heimatort Grohnde aufbrechen.

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