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„Ich bin nur am Leben, weil es ihn gibt“

Begegnung nach über 40 Jahren „Ich bin nur am Leben, weil es ihn gibt“

Im Jahr 1973 befreite Heinz Baumgardt ein kleines Mädchen aus einem brennenden Haus in der Oststadt von Hannover. Jetzt hat Ömür Türk ihren Lebensretter gesucht – und gefunden.

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„Dass ich ihn gefunden habe, ist wie ein Lottogewinn“: Ömür Türk mit Heinz Baumgardt. An der Stelle des damals ausgebrannten Hauses (rechts) erinnert nichts mehr an das Feuer.

Quelle: Wallmüller

Hannover. Es war nicht leicht, den alten Herrn ausfindig zu machen. Nicht nach so vielen Jahren. Sie wusste ja nicht einmal, wie der Mann hieß, dem sie ihr Leben verdankte. Wochenlang forstete Ömür Türk in Bibliotheken alte Zeitungsbände durch. Dann stieß sie auf einen HAZ-Artikel über den Brand – und darin auf den Namen von Heinz Baumgardt. „Als ich ihn endlich am Telefon hatte, kamen mir die Tränen“, sagt die 46-Jährige. „Dass ich Heinz gefunden habe, ist wie ein Lottogewinn!“

Man duzt sich inzwischen. Ömür Türk hat Kuchen mitgebracht. Wenn sie von ihrer Suche erzählt, sprechen ihre Hände mit. Der Mann auf dem Sofa neben der energiegeladenen Frau ist ein eher bedächtiger Norddeutscher. Heinz Baumgardt stammt aus Pommern, und er will lieber nicht zu viel Aufhebens von all dem machen. Auf dem Tisch in der Wohnung des 84-Jährigen in Hemmingen haben beide ihre Fotos von damals ausgebreitet: Auf seinen sind deutsche Studenten mit Zauselbärten zu sehen. Ihre zeigen türkische Mütter mit Kopftuch. Zwei Welten, die nichts miteinander zu tun hätten, hätte es da nicht jenen Novembertag 1973 gegeben. Und eine gute Portion Schicksal. Oder Kismet.

Eine zufällige Begegnung

Die Geschichte der beiden erzählt davon, wie eine zufällige Begegnung zwei grundverschiedene Menschen in existenzieller Weise miteinander verbinden kann. Sie erzählt davon, dass kulturelle Unterschiede völlig unbedeutend sind, wenn es um Menschenleben geht. Und sie erzählt davon, dass ein Mensch nicht nur von seinen schlechten Taten wieder eingeholt werden kann, sondern auch von seinen guten.

Heinz Baumgardt, gelernter Diakon, hatte schon elf Jahre lang in der Schiffermission gearbeitet, als er 1973 eine Weiterbildung im Oberseminar kirchlicher Dienste in der Oststadt machte. „Plötzlich sahen wir dicken Qualm am Haus gegenüber, Scheiben zersprangen. Viele Menschen standen vor dem brennenden Haus in der Kleinen Pfahlstraße – doch niemand tat etwas“, erinnert er sich.

Gemeinsam mit seinem Kumpel Helmut lief er hinein, stürmte die Treppen hinauf – und hörte hinter einer Tür im dritten Stock ein Kind weinen: „Wir brachen die Tür auf, ich schnappte mir das fünfjährige Mädchen und ihren kleinen Bruder und brachte sie nach unten.“ Als er noch ein zweites Mal hinauf lief, war die Wohnung bereits so verräuchert, dass er den Weg zurück ins Treppenhaus fast nicht mehr gefunden hätte: „Ich kroch auf dem Boden hinaus“, sagt er. Die Armbanduhr, die er dabei verlor, fand er später ausgeglüht wieder.

Als Gastarbeiter in Hannover

Die Eltern der geretteten Kinder waren erst kurz zuvor als Gastarbeiter nach Hannover gekommen. Ömür Türk gehört zu jener Generation von Migranten, für die die Fahrt im vollgepackten Ford Transit Richtung Bosporus eine prägende Kindheitserinnerung ist; ein Familienmythos, so wie für den Durchschnittsdeutschen die erste Italienreise im überladenen VW Käfer. In beengten Verhältnissen lebten damals rund 100 Gastarbeiter in dem Haus, in dem sich ein Ölofen überhitzt hatte. Mehrere Familien mussten sich jeweils eine Wohnung teilen. Ausländer hatten es besonders schwer, eine Unterkunft zu finden. Als das Feuer ausbrach, war ihr Vater gerade auf der Suche nach einer neuen Bleibe gewesen. Die Mutter war zur Arbeit in einer Fabrik: „Als sie dort von dem Brand hörte, fiel sie in Ohnmacht“, sagt die 46-Jährige: „Zwei Kinder waren ihr schon als Babys gestorben. Mir hatten meine Eltern den Namen Ömür gegeben, das bedeutet ,Leben‘.“

Sie selbst hat keine Erinnerungen an das Feuer. „In meiner Familie wurde aber immer wieder davon erzählt“, sagt sie. Der Brand war so etwas wie eine Chiffre für die schwierige Anfangszeit in Deutschland. „Meine Eltern haben sich immer Vorwürfe gemacht, weil sie sich bei unseren Rettern in der Aufregung nie richtig bedankt hatten“, sagt sie. Als die Eltern damals einen Brief bekamen, eine Einladung ins Rathaus, wo Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg die Lebensretter ehrte, hatten sie vor allem Angst. Von Behörden erwarteten die Gastarbeiter in erster Linie Repressalien.

Aufgeladen mit Geschichte

Ihre Tochter schickten sie nach dem Feuer zurück nach Izmir, zu den Großeltern. Endgültig kehrte sie erst nach Hannover zurück, als sie 25 Jahre alt war. An der Uni lernte sie hier ihren Mann kennen. Zur Hochzeit schenkten ihr die Eltern einen goldenen Armreif, der den Brand überstanden hatte – ein kostbares Familienerbstück, aufgeladen mit Geschichte. Inzwischen lebt das Paar mit seinen zwei Töchtern in Vahrenwald, Ömür Türk betreut Seniorenprojekte für ältere Migranten.

Ohne sich zu erkennen, waren der Lebensretter und das Kind von damals vermutlich oft aneinander vorbeigelaufen: Heinz Baumgart leitete über Jahrzehnte den Posaunenchor der Stadtmission. Heiligabend spielt dieser regelmäßig vor großem Publikum im Hauptbahnhof.

Ein glückliches Ende

Es ist nicht so, dass er mit dem Gefühl durchs Leben gegangen wäre, ein Held zu sein: „Der Alltag überlagert alles“, sagt er. „Doch als jetzt der Anruf kam, war die ganze Geschichte sofort wieder präsent.“ Er ist ein nüchterner Mensch. Doch dass es heute eine Familie nur deshalb gibt, weil er sich vor 42 Jahren ein Herz gefasst und in ein brennendes Haus gelaufen ist, lässt ihn nicht kalt: „Es ist schon bewegend, das Mädchen von damals wiederzusehen.“

„Mich hat der Gedanke immer sehr berührt, dass da ein völlig fremder Mann für mich sein Leben riskiert hat“, sagt Ömür Türk. Sie nimmt die Hand des Herrn, der neben ihr sitzt, und nickt dessen Frau Brigitte zu. Für Ömür Türk ist dieses Wiedersehen so, als würde sich endlich ein Kreis schließen. Als sei es ihr gelungen, an den Ursprung ihrer eigenen Existenz zu rühren: „Ich bin schließlich nur am Leben, weil es Heinz gibt“, sagt sie. Eine deutsch-türkische Familiengeschichte mit einem glücklichen Anfang und einem glücklichen Ende. 

Heinz Baumgardt sieht das genauso, nur eben norddeutscher. Er wiegt ein Kinderbild von Ömür Türk in der Hand, als er Humboldt zitiert: „Es sind Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.“

Die wenigsten kamen, um zu bleiben: Hannovers Gastarbeiter

Seit 1955 holte die Bundesrepublik gezielt ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland. Der Begriff „Gastarbeiter“ ist heute verpönt, doch damals beschrieb er das Phänomen genauso treffend wie heute das Modewort „Migrationshintergrund“: Die meisten der 14 Millionen Angeworbenen kehrten tatsächlich nach wenigen Jahren wieder heim in ihre Herkunftsländer: 11 Millionen Menschen gingen zurück in die Türkei, nach Italien oder Spanien.
Nach Hannover kamen die meisten Gastarbeiter während der Sechzigerjahre. Im Jahr 1962 lebten erst 9382 Ausländer in der Stadt. Im Jahr 1973, als ein Anwerbestopp verhängt wurde, lag ihre Zahl bereits bei 39.383. Viele arbeiteten bei Bahlsen, Telefunken oder Conti.

Lange waren Männer unter den Migranten in der Überzahl: In der heutigen Region Hannover lebten 1970 mehr als 31.000 männliche Ausländer und nur rund 21.000 weibliche. Viele holten ihre Familien erst nach, als sie selbst schon Jahre in Deutschland gelebt hatten. Auch daran zeigt sich, dass die meisten von ihnen sich lange nicht vorstellen konnten, dauerhaft in Deutschland zu leben. Auch das Gros der Deutschen ging davon aus, dass die Ausländer nur vorübergehend bleiben würden. Die Ressentiments waren groß. Erst allmählich setzte sich der Gedanke der Integration durch: Seit 1975 initiierten etwa die Kirchen die „Woche der ausländischen Mitbürger“.

In Hannover stellten Türken die größte Gruppe der klassischen Gastarbeiter: Laut Ausländerzentralregister lebten 1981 in der Landeshauptstadt 54.540 Ausländer. Darunter stellten 20.040 Türken die größte Gruppe – vor Jugoslawen (6787), Spaniern (5791) und Griechen (5161). Heute hat jeder vierte Hannoveraner einen Migrationshintergrund.

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