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Die beste Alternative zur Übezelle

„Haus Vielharmonie“ Die beste Alternative zur Übezelle

Das „Haus Vielharmonie“ in der Oststadt bietet jungen Musikern seit zehn Jahren ideale Bedingungen zum Üben. Vier Stipendiaten werden dort zurzeit gefördert. Das Haus löst ein existenzielles Problem. Hier stört intensives Üben weder den Nachbarn noch den WG-Mitbewohner.

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Hannoversche Musikstudenten leben im Haus Vielharmonie in der Rumannstraße einen Traum: Sie können ihre Instrumente spielen, wann immer sie wollen.

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Am Liebsten spielt sie nachts. Wenn die anderen Bewohner in dem Wohnhaus in der Rumannstraße schlafen, setzt sich Valeriya Myrosh an den Steinwayflügel im Erdgeschoss und übt. Sieben, acht, im Extremfällen - zum Beispiel, wenn sie kurzfristig ein wichtiges Konzert übernommen hat -, zwölf Stunden am Tag. Die 23-Jährige liebt es, wenn nichts mehr sie von der Auseinandersetzung mit Bach oder Beethoven ablenkt. Wenn um sie herum bis aufs Klavierspiel Stille herrscht.

Dass die blonde Studentin üben kann, wann sie will, hat mit dem „Haus Vielharmonie“ zu tun, in dem sie wohnt. Nicht genug damit, dass dort nur Musikstudenten leben. Vier sind es derzeit, außer ihr ein Akkordeonist, eine Oboistin, eine Klarinettistin. Viel wichtiger ist: Im Erdgeschoss gibt es eine schalldichte Übebox. Kein Ton klingt nach draußen, egal ob sich drinnen jemand an Chopinetüden oder einem Klarinettenkonzert abarbeitet. Das „Haus Vielharmonie“ bietet den Stipendiaten des Gundlach-Musikpreises, den die gleichnamige hannoversche Firmengruppe 2004 gestiftet hat, zwei Jahre mietfreies Wohnen und 300 Euro monatlich zum Leben. Es wird jetzt zehn Jahre alt.

An der Musikhochschule oft in der Warteschlange gestanden

Es löst ein für viele Musikstudenten existenzielles Problem. Wo kann man sich viele Stunden am Tag mit seinem Instrument beschäftigen, wenn in der Studenten-WG oder im Mietshaus schon bei den ersten Tönen die Mitbewohner streiken? Schon um 7 Uhr früh habe sie an der Musikhochschule oft in der Warteschlange gestanden, um für zwei Stunden einen Überaum zu ergattern, erzählt Myrosh.

Stört es die beiden Musiker nicht, dass die Akustik in der schalldichten Übebox so gar nicht der eines Konzertsaales ähnelt. Sie ist trocken, jeder Ton klingt sehr kurz nach. „Man hört hier den kleinsten Fehler“, sagt Myrosh: „Umso mehr freut man sich, wenn man anderswo spielt und das nicht so ist.“

Die „Vielharmonie“ ist aber viel mehr als eine Oase des Übens. Sie biete Sicherheit in vieler Hinsicht: logistisch, organisatorisch, auch emotional, sagt Stevanovic. Anstatt sich täglich mit der Überaumsuche aufzureiben, anstatt mit Gelegenheitskonzerten, Geld zum Lebensunterhalt zu verdienen, könne man sich aufs Wesentliche konzentrieren: Programme für Wettbewerbe einstudieren, Konzerte mit guten Orchestern oder bei wichtigen Festivals geben. Beides ist wichtig für eine Karriere auf dem hart umkämpften Klassikmarkt.

Alle, die hier waren, haben es zu etwas gebracht

Die Porträtfotos bisheriger Stipendiaten im Treppenhaus der „Vielharmonie“ zeigen: Alle, die hier waren, haben es zu etwas gebracht. Der junge Pianist Igor Levit lacht einem von der Wand entgegen, mittlerweile Echo-Klassik-Preisträger, der unlängst sein Debüt mit den Berliner Philharmonikern gab. Alexej Gorlatch, ebenfalls Pianist, gewann 2011 den ARD-Wettbewerb - und startete eine internationale Karriere. Querflötistin Johanna Dömötör lehrt mittlerweile in Linz und ist mit 27 Jahren jüngste Flötenprofessorin im deutschsprachigen Raum.

Auch Valeriya Myrosh und Goran Stevanovich haben wichtige Sprossen auf der Karriereleiter erklommen. Myrosh, Tochter aus einer Musikerfamilie, geboren 1991 in Balchasch, Kasachstan, kam mit fünf Jahren auf die Krim; begann Klavier zu lernen. Schon als Jugendliche gab sie mit einer Delegation für begabte Kinder aus der Ukraine Konzerte, gewann Preise, unter anderem beim Internationalen Franz Liszt Wettbewerb in Weimar.

Goran Stevanovic, 1986 geboren in Bijeljina, Bosnien/Herzegovina, begann mit acht Jahren mit dem Akkordeon. Er konzertiert in Deutschland, China, den USA oder Russland; siegte unter anderem 2012 beim Deutschen Akkordeon-Musikpreis.

Künstlerische Exzellenz ist aber nur ein Kriterium, mit dem sich die Stipendiaten in einem komplizierten Aufnahmeverfahren für den Gundlach-Musikpreis qualifizieren. Bedürftigkeit ist ein anderes. Dazu kommt die menschliche Komponente: „Wir wollen keine technokratischen Virtuosen, sondern Persönlichkeiten, die sich für ihr Instrument,und die Welt interessieren“, sagt Ursula Hansen. Die 76-Jährige hat den Preis mit ihrem Mann Peter Hansen für hannoversche Musikstudenten gestiftet und betreut ihn bis heute mit. Stevanovic beispielsweise stammt aus einfachen Verhältnissen. Der Vater arbeitete in einer Zuckerfabrik, später als Pförtner, die Mutter in einer Schuhfabrik. Als er sich für ein Instrument entscheiden musste, herrschte in seiner Heimat Krieg, da war die Auswahl nicht groß.

Er habe manchmal fast ein schlechtes Gewissen, dass er in einer so idyllischen Umgebung lebe, während in seiner Heimat soviel Armut herrsche, sagt er mit Blick auf den Garten der Vielharmonie mit den alten, hohen Bäumen, den Rosenbeeten, dem weißen Gartenpavillon. „Ich hoffe, ich kann später meinem Land etwas davon zurückgeben.“

„Preis soll
 Mosaikstein sein“

Nachgefragt bei Ursula Hansen, Gründerin des Vielharmonie-Hauses.

Frau Hansen, Sie haben das Haus Vielharmonie gemeinsam mit der Gundlach Stiftung 2005 gegründet. Warum?
Zunächst einmal liebe ich Musik. Deshalb wollte ich auch Musik fördern. Wir haben aber auch nach einem Projekt gesucht, das zu uns, zur Firmengruppe Gundlach, passt. Gundlach schafft Wohnraum. Da lag es nahe, dass wir einen besonderen Wohnraum für Musikstudenten schaffen.

Hat sich das Konzept der Vielharmonie bewährt?
Ja, und zwar auch, weil wir aus den Erfahrungen mit dem Vorgängerhaus in Bornum gelernt hatten. Das war ähnlich konzipiert, lag aber einfach zu weit von der Musikhochschule entfernt. Die Studenten konnten die Pausen, die sie tagsüber zwischen ihren Veranstaltungen an der Hochschule hatten, wegen der langen Fahrwege nicht nutzen. Die jetzige Vielharmonie ist nur einen Sprung von der Musikhochschule entfernt. Sie entspricht den Bedürfnissen der Studenten viel besser.

Das Haus heißt Vielharmonie. War das harmonische Zusammenleben vieler Nationen auch ein wichtiger Gründungsaspekt?
Die Idee des internationalen Zusammenlebens, des Zusammenmusizieren, zu fördern, war am Anfang auch ein Wunsch von mir. Aber das war eine Illusion. Die Stipendiaten reisen allesamt schon während ihres Studiums sehr viel, geben außerhalb von Hannover viele Konzerte. Kuscheliges Zusammensein findet fast gar nicht statt.

Ist es heute noch genauso wichtig wie vor zehn Jahren, Musikstudenten zu unterstützen, in dem man Wohn- und Übemöglichkeiten schafft?
Die Vielharmonie ist eher noch wichtiger geworden. Die Mieten sind in den vergangenen Jahren ja stetig gestiegen. Entsprechend schwieriger ist es für junge Musiker geworden, geeignete Wohnungen zu finden. Die Studenten können sich ja oft nur ein Zimmer für höchstens 200, 300 Euro leisten. Die Wohnungsnot ist heute größer als damals.

Was für Pläne haben Sie für die Zukunft des Hauses?
Wir wollen die schalldichte Übebox verlegen, so dass im Erdgeschoss Platz für einen Gemeinschaftsraum entsteht. Und wir wollen den Gundlach Musikpreis noch bekannter machen. Das ist vor allem wichtig für die Studenten.Der Preis soll ihnen auch als wichtiger Mosaikstein in ihrem Lebenslauf helfen. Die Gundlach Stiftung hat deshalb 2014 erstmals eine CD mit Musik von Preisträgern der Vielharmonie herausgebracht. Jetzt sollen weitere folgen.

Interview: Jutta Rinas

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