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Aus der Stadt Im Hüttendorf kehrt nach Attacke auf Trittin der Alltag ein
Hannover Aus der Stadt Im Hüttendorf kehrt nach Attacke auf Trittin der Alltag ein
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17:42 25.09.2010
Kochen kann politisch sein: Wam Kat, der Küchenchef des Hüttendorfs. Quelle: Uwe Dillenberg

Mit Theater hat Hauke sonst nicht so viel am Hut. Jedenfalls mit subventioniertem Staatstheater. Als er aber von Bekannten hörte, dass in Hannover so eine „total freakige Klamotte abgeht“, da ist er dann doch aus Berlin losgefahren, um beim Hüttendorf der reaktivierten „Republik Freies Wendland“ dabei zu sein. Früher hätte man Hauke, der 26 Jahre alt ist und gern auf seinen Nachnamen verzichtet, einen Berufsdemonstranten genannt. Er selbst sagt: „Ich bin Aktivist aus dem Umfeld von Hanna Poddig.“ Seit einer Woche ist Hauke beim Hüttendorf des Schauspiels auf dem Ballhofplatz dabei – und macht also beim Staatstheater mit. „Es ist eine ungewöhnliche Erfahrung“, sagt er.

Ungewöhnliche Erfahrungen haben hier auch andere gemacht. Und zwar nicht nur, als aus Spiel Ernst wurde und Jürgen Trittin am Mittwochabend während einer Diskussionsveranstaltung mit Hanna Poddig von einer Joghurttorte getroffen wurde. Lange haben die 50 Jugendlichen, die im Hüttendorf wohnen – die meisten von der IGS Roderbruch – über den Tortenangriff und über Gewaltfreiheit diskutiert. Und dann haben sie auch Witze darüber gemacht. Mitten auf dem Dorf liegt jetzt eine Holzplatte, auf der ein Tortenabwurfplatz, das „Tortodrom“, eingezeichnet ist. Über die Tortenattacke will auch Hauke jetzt nicht mehr sprechen. „Es ist schade, dass das so viel anderes verdrängt hat“, sagt er.

Zwei Tage nach dem Tortenwurf ist fast wieder Normalität ins Dorf eingekehrt. In der Jongliergruppe wird jongliert, in der Gesangsgruppe gesungen, und die Gärtnergruppe hat ein Rundbeet angelegt. Fertig ist das Hüttendorf nicht, aber weitergebaut wird auch nicht mehr. Am Sonntag beginnt die Demontage. Während des Abbaus soll ein Film über den Abriss des echten Hüttendorfes in Gorleben laufen. Man mag hier Heldengeschichten.

Und die Jugendlichen inszenieren sich selbst auch ganz gern als Helden des Widerstands. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie’s einem geht, wenn man hier seit Tagen auf der Isomatte schläft“, jammert eine Bewohnerin in ihr Handy. Dabei schlafen die Jugendlichen nicht in den selbst gezimmerten Hütten, sondern im geheizten Ballhof-Foyer.

Und auch fürs Essen ist gut gesorgt. Das kocht das Team von Wam Kat, dem Demo-Koch, der auch schon für die Mannschaft des Greenpeace-Schiffs „Rainbow Warrior“ gekocht hat. Wam Kat kocht vegan und mit lokalen Produkten. Und wenn er mit der Kochgruppe Gemüse schnippelt, wird es politisch. Der Koch klärt auf. Er sagt, dass es nicht gut sei, an 365 Tagen im Jahr die Möglichkeit zu haben, Tomaten zu essen. Dann habe man nichts mehr, auf das man sich freuen könne. Er sagt, dass eine normale Möhre vom Bauern aus Deutschland besser sei als eine Biomöhre aus China und dass man immer abwägen müsse zwischen den eigenen Luxusansprüchen und dem Umweltschutz. Die Jugendlichen hören zu.

Nach dem Ballhof-Projekt, für das ihn das Theater engagiert hat („als Künstler, nicht als Koch“), will er Urlaub machen. Und Ende Oktober ist er beim Treffen des Netzwerks „Terra Madre“ in Turin zu Gast. Er ist dort der Vertreter der deutschen Slow-Food-Bewegung. Sein Plan: Er will dort mit den Nahrungsmitteln kochen, die die anderen Köche übrig lassen.

Ausgeprägtes Ökobewusstsein ist leicht verkrampft und schmallippig. Wam Kat, cool, sympathisch und mit niederländischem Akzent, zeigt, dass das auch ganz anders sein kann.

Musikalische Revolution: Nach der Aufregung um den Tortenanschlag auf Jürgen Trittin rief gestern Abend der Sänger Rainer von Vielen im Ballhof nun auch noch die Revolution aus, zumindest eine musikalische. Mehrere Hundert Besucher tanzten zu Songs namens „Tanz eine Revolution“ und „Alles und noch mehr“, mit denen der 33-Jährige aus dem Allgäu unter anderem den österreichischen Protestsongcontest gewonnen hatte. Mit dem Auftritt schloss sich der Kreis des musikalischen Programms im Hüttendorf: Nach klassischen Politrocksongs der Ton Steine Scherben Family bei der Eröffnung bot Rainer von Vielen Elektroklänge mit Hip-Hop-Elementen. So modern kann Protest sein.

jan

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