Thomas Jefferson soll einmal gesagt haben, dass man jedes Hindernis mit Beharrlichkeit angehen soll — und mit einer sanften Stimme. Die passende Stimme hat Jens Schärff auf jeden Fall. Im angenehmen Plauderton referiert der 42-Jährige auch nach zwei Stunden Jogging durch Hannover im ruhigen Laufschritt über den Architekten Fritz Höger, lobt das höchstgelegene Kino in Deutschland, die Hochhaus-Lichtspiele, und weiß, dass einst 18 000 Unterschriften gegen die Aufstellung der Nanas gesammelt wurden. Dann sagt er: „Okay, nun geht’s locker-flockig weiter“, setzt sich etwas schneller in Bewegung und zeigt auf die Sehenswürdigkeiten — an denen wir Mitläufer schnaufend vorbeiziehen.
Schärff ist ein besonderer Fremdenführer, denn der Hannoveraner präsentiert seine Stadt im Laufschritt. Im entspannten Tempo geht es sechs Kilometer an Sehenswürdigkeiten vorbei. „Touristjogging“ nennt Schärff das Angebot für sportliche Stadtinteressierte, das am Monatg in Hannover Premiere feierte.
Sein erster Kunde heißt Marco Goldschweer und kommt aus Hamburg. Der 35-Jährige ist Steuerberater und vor Kurzem nach Wunstorf gezogen. „Ich war oft im Hamburger Stadtpark laufen“, erzählt Goldschweer. „Das touristische Joggen ist ideal, um nebenbei die Stadt kennenzulernen“, sagt Goldschweer. Und so stehen wir in T-Shirt und Turnschuhen vor dem Hauptbahnhof und dehnen uns, während Schärff über die nachlassende Beliebtheit von Ernst August I., König von Hannover, berichtet, nachdem dieser das Staatsgrundgesetz 1837 außer Kraft setzte. „Der heutige Ernst August ist ja auch nicht so beliebt“, lacht der Hamburger. Dann wird gelaufen.
Wir beginnen langsam und ziehen durch die Luisenstraße, staunen über die Auslagen und die fünf Sterne für das Hotel Luisenhof. Vorbei am Opernplatz und am Holocaust-Mahnmal geht es zum Künstlerhaus in der Sophienstraße. Dort gebe es Filme abseits des Mainstreams, im schönen Hinterhof lustige Partys, und gegenüber in der Landschaftsstraße wohnten einst Münchhausen und der Dichter Ringelnatz. „Ringelnatz soll sich hier Werbesprüche für Persil ausgedacht haben“, sagt Schärff. Der Poet habe es leider nicht lange in Hannover ausgehalten, die Leute sollen ihm zu mürrisch gewesen sein. Für den Lokalpatrioten Schärff völlig unverständlich. „Wir Hannoveraner machen uns immer selbst schlecht, dabei hat die Stadt so viel zu bieten.“ Und so folgt mit jedem Kilometer ein Superlativ: Hannover hatte den ersten Durchgangsbahnhof in Deutschland, mit der Grupenstraße die erste Fußgängerzone in Niedersachsen und bietet heute das weltgrößte Schützenfest. Der Hamburger Goldschweer nickt nur, und wir nutzen eine rote Ampelphase zum Durchatmen.
Es geht vorbei an der Börse zum Aegi und zum Torhaus, dann weiter zum Gebäude der Volkshochschule. Darin steht ein großer Teil der historischen Stadtmauer — und vor der Erklärungstafel eine riesige Pflanze. „Das ist typisch, da haben wir eine so gut erhaltene Stadtmauer und verstecken die Hinweise darauf“, schimpft Schärff, der eigentlich Personal-Trainer und Gesundheitscoach ist. 2006 gab er seinen Job als Team-Trainer bei VW auf, um seine sportliche Leidenschaft zum Beruf zu machen. Das touristische Joggen soll ein kleiner Nebenerwerb sein.
Die Strecke führt nun zum Rathaus, und Goldschweer wundert sich, dass das Neue Rathaus schon so alt aussieht. Dann folgen Maschteich, Maschsee, AWD-Arena, Internationale Schule, Waterloo-Biergarten, Neustädter Kirche mit der Grabstätte von Gottfried Wilhelm Leibniz. Wir können kaum noch atmen, doch zu Schärffs sanfter Stimme kommt nun – ganz im Sinne Jeffersons – die Beharrlichkeit. Wir haben es fast geschafft, betont Schärff.
An uns ziehen das Hohe Ufer, das Alte Rathaus, die Markthalle und die Marktkirche vorbei. Ich habe aufgegeben, mir Jahreszahlen zu merken. Am Holzmarkt-Brunnen gönnen wir uns eine Verschnaufpause. „Wenn man am goldenen Ring dreht und die Augen schließt, gehen Wünsche in Erfüllung“, erklärt Schärff. Wir halten uns an unseren Jogging-Experten, drehen am Rad und siehe da: Schärff verkündet, dass wir im Schuh-Café bei Marco Filippig Wasser trinken. Danach geht’s weiter zum ältesten Fachwerkhaus der Stadt in der Burgstraße aus dem Jahr 1564. Schärff zeigt uns noch den Gehry-Tower, das Anzeiger-Hochhaus, den Kröpcke und wieder den Hauptbahnhof. Der Hamburger ist beeindruckt und lobt kurzatmig die Stadt. Zwei Stunden hat die Tour gedauert. Künftig sind es nur eineinhalb. Wir haben zur Premiere das volle Programm bekommen und sind erschöpft, doch begeistert. So viel Stadt passt also in zwei Stunden — ganz locker-flockig.
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