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"In Hannover bin ich zum Sänger geworden"

Gunter Gabriel im Interview "In Hannover bin ich zum Sänger geworden"

Er hat Millionen verdient und wieder verloren, ist gefallen und wieder aufgestanden. Gunter Gabriel ist der Duzfreund und Sänger des kleinen Mannes. Am Freitag tritt er ab 20 Uhr an der Maschseequelle auf – ein Interview über Hannover, Hauskonzerte und einen Haufen Macken, das ausnahmsweise der Befragte beginnt.

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Für Gunter Gabriel war nicht Hamburg, sondern Hannover das Tor in die Welt.

Quelle: Warner Music

Hannover. Gabriel: Ich weiß schon, wie die Schlagzeile lauten wird.

HAZ: Ach ja? Wie denn?
Hannover war für Gunter Gabriel das Tor in die Welt. Ich habe ja zehn Jahre in Hannover gewohnt, von 1960 bis 1970, bis ich 27 Jahre alt war. Normalerweise sagt man, Hamburg ist das Tor zur Welt. Aber für mich war das Hannover.

Warum?
Auf der Vahrenwalder Straße 192, wo jetzt Burger King ist, ist hinten ein Lagerschuppen. Da habe ich über einer Werkstatt gewohnt. Außerdem war da eine Spedition, für die ich als Nachtwächter gearbeitet habe. Damit habe ich mein Studium finanziert.

Was ist Ihre Heimat?
Jedenfalls nicht mein Geburtsort. Den Begriff Heimat kenne ich gar nicht. Ich bin kein heimatbewusster Mensch. Ich kann höchstens sagen, meine Heimat ist Deutschland. Deutschland ist mein Wohnzimmer. Die Cowboystiefel sind mein Fundament. Damit kannst Du vom Schicksal nicht umgeworfen werden.

Und Ihr Schicksal haben Sie in der Vergangenheit ja mehr als nur einmal herausgefordert, etwa durch ihren einstigen, ziemlich exzessiven Lebensstil ...
Ich bin aber rechtzeitig geflüchtet. Sonst wäre ich heute im Knast. Meine damalige Freundin hatte immer Koks und Heroin in einer Dose dabei. Auf ihrem Tisch standen immer Schalen mit Koks. Für mich war das vollkommen neu. Ich war damals aber in einer kritischen Situation. Da ist man anfällig. Und wenn man die falschen Freunde hat, bist Du verloren.

In Hannover haben Sie Maschinenbau studiert, richtig?
Genau.

Wäre Ihr Leben als Maschinenbauer nicht ein wenig ruhiger verlaufen?
Nee, daran wäre ich kaputt gegangen. Mir fehlte dafür der nötige Biss. Ich hatte auch keinen Bock dazu. Ich habe das vor allem getan, um meinem Vater zu imponieren. Der war ein Arschloch. Er sagte immer, Du bist für gar nichts gut, Du bist der letzte Penner. Du wirst es nie bringen. Und das hat mich dermaßen angekotzt, dass ich gesagt habe: Pass mal auf, Du Blödmann! Ich werde jetzt mein Abitur nachholen, dann studieren und dann wirst Du mal sehen, was aus deinem Sohn wird. Vielleicht kannst Du dann endlich mal sagen, Ja, ich bin stolz auf dich. Das ist allerdings nie passiert.

Woher haben Sie dann ihr Selbstbewusstsein?
Durch die Musik. Das andere war eher ein Notnagel.

Wie haben Sie dann Ihren eigenen Weg gefunden?
Das war schwer. Wenn Du in den sechziger Jahren gesagt hast, ich will Sänger werden, haben alle nur gelacht. Das war eine brotlose Kunst. Und so habe ich das auch erst empfunden. Dann war ich in Hannover aber mit einem Künstlerehepaar befreundet. Die lebten relativ simpel in einer Kellerwohnung an der Leine in der Nähe des Königsworther Platzes. Durch die Frau, die später auch meine Geliebte wurde, kam ich plötzlich in Künstlerkreise. Das war für mich vollkommen neu. Vorher war ich nur in Malocherkreisen unterwegs. Die Frau, mit der ich immer noch freundschaftlich verbunden bin, hat damals gesagt, hör auf mit dem ganzen Quatsch an der Ingenieurschule. Du musst das tun, was Dein Herz dir befiehlt. Das war ein ganz wichtiger Satz. Jetzt erkenne ich erst, wie wichtig diese Impulse waren. Am nächsten Tag ging ich zu meinem Professor und habe gesagt, ich werde Sänger und schreibe Songs. Zu dem Zeitpunkt war ich noch Vorsitzender und Pressesprecher des Asta.

Pressesprecher?
Ja, ich habe schon mit 14 Jahren Schreibmaschine gelernt. Ich habe heute noch eine alte Kugelkopfmaschine. Ich spanne das Blatt ein, rattere das durch und dann ist da alles drauf.

Wo waren Sie denn sonst in Hannover unterwegs?
In dem Lokal „Zum fröhlichen Weinberg“ am Hauptbahnhof gab es immer Nachwuchswettbewerbe. Da konnte man singen. Jeder konnte mitmachen. Das waren die Impulse.

Und heute sind Sie für 1000 Euro in deutschen Wohnzimmern unterwegs und so die Schulden losgeworden.
Die Konzerte mache ich solange weiter, wie ich kann. Das ist einfach großartig. In Cuxhaven habe ich vor ein paar Tagen für einen 70-jährigen ehemaligen Seemann zum Geburtstag gespielt. Ich war das heimliche Geschenk seiner Frau. Als ich neben ihm stand, hat er praktisch ununterbrochen geweint. So stark waren seine Gefühle. Der konnte es nicht fassen, dass ich in seinem Wohnzimmer war. So etwas passiert mir ständig. Das habe ich nicht vorhergesehen, als ich sagte, ich singe für einen Tausender.

Wie viele Konzerte sind denn mittlerweile zusammengekommen?
Über 800. Es geht aber nicht immer für einen Tausender. Ich habe ja auch meinen Gitarristen und meinen Fahrer dabei. Meistens kostet es 1500 bis 1600 Euro. Übrigens ist auch das in einer hannoverschen Fernsehsendung entstanden. Bei Herrmann und Tietjen. Da ging mein Adrenalin mit mir durch. Ich habe die Telefonnummer eines Freundes in die Kamera gehalten.

Ist dessen Mailbox danach nicht total zusammengebrochen?
Er hatte 2000 Anrufe an dem Wochenende. Der ist völlig durchgedreht. Aber er hat es mit mir durchgezogen. Jetzt soll die Geschichte sogar verfilmt werden. Bernd Eichinger hat mich deswegen angerufen, aber leider ist er inzwischen verstorben und eine andere Produktionsfirma hat das Projekt übernommen.

Wie fit sind Sie denn gerade körperlich? Es wurde schließlich immer wieder berichtet, dass es Ihnen gesundheitlich nicht so gut ginge.
Mental bin ich total gut drauf. Ich habe einen Haufen Macken, aber das Schlimmste ist, dass ich ein paar Pfunde zuviel habe.

Das geht nicht nur Ihnen so.
Erstmal ist wichtig, dass man das erkennt. Dann muss man sich fragen, wie ändere ich das, oder ergebe ich mich dem Ganzen. Nein, ich ergebe mich dem nicht. Mein Ziel ist weiterhin unter 100 Kilo zu kommen. Ich habe es bisher nicht geschafft. Letztendlich bin ich selbst schuld daran, dass ich das Gewicht nicht verloren habe. Es ist einfach auch der Stress, der über mich hereingebrochen ist, die vielen Termine. Es war völlig neu für mich, so dermaßen ausgelastet zu sein mit Terminen. Andererseits ist das auch wieder super und ein befriedigendes Gefühl, wieder so gefragt zu sein.

Finanziell läuft es entsprechend besser als noch vor ein paar Jahren?
Ja, aber das ist nur das Finanzielle. Verstehste? Das ist nur ein Teil der Medaille. Eigentlich ist es gar nicht dieses verdammte Geld, dass dich glücklich macht. Es ist eher das Bewusstsein, dass Du den Leuten etwas Wert bist. Wenn Du den Leuten ein Lebensgefühl oder eine andere Philosophie beibringen kannst. Ich bin erst relativ spät in die Branche reingekommen. Jetzt bin ich 40 Jahre dabei und muss sagen, es ist großartig, dass die Leute immer noch von meinen Songs begeistert sind.

Jetzt sind Sie mal wieder in Hannover. Sind das in Anbetracht Ihrer Vergangenheit spezielle Konzerte?
Beim Maschseefest ist leider immer dieser blöde Wasserteich davor. Man ist so weit weg von den Leuten. Ich hoffe, dass der dieses Jahr abgedeckt wird. Ich liebe die Nähe. Ich möchte sehen, wie die Leute lachen, ich möchte sehen, wie sie weinen. Deswegen habe ich auch dem Typen von der Philharmonie gesagt, mach es bitte möglich, dass die Zuschauer näher rankommen.

Wo ist Gunter Gabriel besser? Auf der Bühne oder auf Platte?
Das sind zwei ganz verschiedene Sachen. Auf Platte werde ich immer besser, weil ich jetzt auch gute Produzenten habe. Ich produziere die Sachen nicht mehr so wie früher. Ich bin jetzt auch minimalistischer. Aber am besten bin ich natürlich auf der Bühne, denn da liegt die Frucht dessen, was Du dir zuhause ausgedacht hast.

Ihr letztes Album „Sohn aus dem Volk“ wurde hochgelobt, präsentierte Sie aber auch in einem ganz neuen stilistischen Gewand. Haben sich die Fans verändert?
Die Alten waren ein bisschen fassungslos. Vor der Bühne stehen jetzt viele junge Bengels. Neuerdings kommen auch viele Frauen. Dabei sehe ich mich als Männersänger. Für Frauen sind andere Leute zuständig. Ich wollte nie wie Howard Carpendale rumrennen. Die neuen Sachen spiele ich wenig auf der Bühne. Dafür habe ich immer noch nicht die richtige Band. Mit meiner Studioband war ich eine zeitlang unterwegs, aber von denen kann keiner diese klassische Country-Gitarre spielen. Dabei ist das ein ganz wichtiges Element meiner alten Sachen.

Die Hannoveraner werden also mehr „30-Tonner-Diesel“ als „Ich geb‘ den Rest für Dich“ zu hören bekommen?
Natürlich. „30-Tonner-Diesel“ ist einfach ein Standardsong, den ich bringen muss, und den ich auch gerne spiele, weil es einer meiner besten Songs ist.

Sie sind also immer noch Sprachrohr der Trucker?
Das liegt mir am Herzen. In zwei Jahren wird es da ein großes Projekt geben, das wir jetzt schon vorbereiten. Diese Truckergeschichte ist übrigens eine Wurzel aus Hannover.

Wieso?
In der Spedition, in der ich gearbeitet habe, habe ich gesehen, was so abgeht mit den Fahrern.

Wann ging es Ihnen besser, 1971 oder 2011?
Ganz klar jetzt! Wenn Du sehen würdest, wo ich gerade bin, würdest Du durchdrehen.

Sind Sie auf Ihrem Hausboot?
Ich sitze oben auf dem Dach. Vor mir liegen die ganzen teuren Jachten. Der Himmel ist blau, das Wasser ist ganz glatt. Es ist relativ mild. Das ist einfach Frieden.

Sind Sie zur Ruhe gekommen?
Ich komme nicht zur Ruhe.

Sind Sie entspannter?
Entspannt ist der richtige Ausdruck. Ich bin jetzt ausbalanciert. Mein Leben habe ich im Griff. Ich will aber noch so viel machen, bevor ich abkratze. Ich werde nächstes Jahr 70. Es ist abzusehen, wann ich abnippel. Wenn ich Glück habe, schaffe ich noch zehn Jahre. Die Ideen gehen mir aber nicht aus.

Interview: Sebastian Harfst

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