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Aus der Stadt Hier dürfen Männer wieder Kinder sein
Hannover Aus der Stadt Hier dürfen Männer wieder Kinder sein
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00:20 18.01.2016
Das Lego-Geschaft von Sebastian Engel. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Das Wühlen in den großen Plastikkisten hat sich für Kurt Kramer gelohnt. Zwischen den bunten Legosteinen hat der Nordstädter eine Baggerschaufel gefunden. „Die suche ich schon seit einem Jahr“, sagt er mit strahlenden Augen. Regelmäßig kommt Kramer in das „Land der bunten Steine“, dem Lego-Geschäft an der Hildesheimer Straße, um Steine zu kaufen. Aber nicht etwa, um sie seinen Enkeln zu schenken. Der 62-Jährige braucht sie für die eigenen Bauprojekte. „Am liebsten baue ich technische Sachen und Fahrzeuge, mit Fernbedienung und allem Drum und dran.“

Kramer ist in dem Laden von Sebastian Engel kein außergewöhnlicher Kunde. Ins „Land der bunten Steine“ kommen nicht nur Kinder. „Es sind viele alleinstehende Männer zwischen 35 und 60 Jahren dabei“, sagt der Inhaber. Lego ist ihr Hobby, ein unbeschwerter Ausgleich zum stressigen Job - und das Geschäft ist ihr Paradies. 2011 hat Engel den Laden eröffnet und dabei sein Hobby zum Beruf gemacht. In den Regalen stehen Hochglanzkartons mit den neusten Lego-Trends, Star-Wars-Baukästen dürfen da natürlich nicht fehlen. Man kennt sie aus anderen Spielwarengeschäften oder großen Warenhäusern. Die älteren Kunden wie Kurt Kramer haben es aber meist auf die großen Plastikwannen voller loser, gebrauchter Steine abgesehen. Sie basteln lieber eigene Bauwerke, statt die Komplettkästen nachzubauen. „Meist geht es den erwachsenen Kunden gleich: Sie kommen mit Kindern oder Enkeln ins Geschäft und werden dann selbst angefixt“, sagt Engel. Oder sie haben auf dem Dachboden eine alte Kiste aus der eigenen Kindheit wiedergefunden.

Bei Engel war es ähnlich: Der heute 29-Jährige hat als Kind stundenlang mit den bunten Steinen gespielt. „Im Teenageralter habe ich dann aufgehört und meine Freizeit lieber am PC verbracht. Doch während meiner Ausbildung habe ich Lego wiederentdeckt.“ Die Idee, ein Fachgeschäft aufzumachen, kam dem gelernten Industriemechaniker auf dem Flohmarkt. Denn gebrauchte oder seltene Steine bekommen Fans sonst nur dort. Der dänische Spielzeughersteller Lego verkauft nur Komplettpakete. Doch im Regen oder bei Kälte macht es wenig Spaß, die Kisten zu durchwühlen. Anfangs nur nebenberuflich geführt, ist Engel nach zwei Jahren hauptberuflich ins Lego-Geschäft eingestiegen. Und er scheint eine Marktlücke gefunden zu haben. Viele Kunden kommen mittlerweile regelmäßig. Die gebrauchten Steine, die Engel von Privatleuten kauft, kosten 3 Euro pro 100 Gramm. Hannah (8) und ihr Bruder Philipp (6) aus Limmer haben es eher auf die Sets abgesehen - obwohl die um einiges teurer sind. „Mein Bruder baut am liebsten Schiffe und Hubschrauber und ich baue dann mit“, sagt das Mädchen.

Die Baggerschaufel von Kurt Krämer ist ein wichtiges Teil für einen Bagger, den er bauen will. Wenn der fertig ist, kommt er womöglich in die Vitrine des 62-Jährigen. „Das ist mein Hobby. Auch, wenn manche Leute das nicht verstehen und mit dem Kopf schütteln.“

Die Brüder mit den Steinchen

Modellbau aus Lego ist das zentrale Thema der „Steinchenbrüder“ Alexander und Tim Kratzsch. In ihrem Laden an der Annenstraße/Ecke Rautenstraße in der Südstadt zeigen die Hannoveraner, was man aus Lego alles bauen kann: vom Modell eines ganzen Hauses bis zu Backgammon-Spielen ist eigentlich fast alles möglich. Ihre Kunden können mit ihren Wünschen und Ideen zu den Brüdern kommen, die sie dann sozusagen in Lego gießen.

Die Kratzschs, die als Kinder leidenschaftliche Lego-Bauer waren, fertigen Baupläne an und kalkulieren so, wie viele Steine von welcher Farbe und Größe benötigt werden. „Mit der Entwicklungszeit können das bei großen Projekten wir Häusern schon mal mehrere Wochen Arbeit in Anspruch nehmen“, sagt Tim Kratzsch (32), der hauptberuflich in der Immobilienbranche tätig ist. Die Modelle für echte Bauprojekte etwa können Architekten im Verkaufsgespräch den Kunden vorführen. „Und weil man die einzelnen Etagen abnehmen kann, bekommen die Kunden einen besseren Einblick in die Wohnungen, die sie vielleicht kaufen wollen“. So ein originalgetreues Haus-Modell kostet dann schon mehrere Tausend Euro. Eine kleine Modell-Vespa für die Vitrine gibt es hingegen für um die 45 Euro, wenn sie in Serie geht.

Auch Einzelsteine haben die „Steinchenbrüder“ im Sortiment. Diese kaufen sie gebraucht von Kunden an, reinigen sie und verkaufen sie dann für einen Cent bis 17 Euro, je nach Form, Größe und Häufigkeit. Außerdem restaurieren die beiden alte Lego-Sets. Noch ist der Laden der Kratzschs eine Nebentätigkeit. Ziel aber sei es, dass Alexander (25) das Geschäft hauptberuflich führt und davon leben kann, wenn er mit seinem Wirtschaftswissenschaftsstudium fertig ist.      

Von Isabell Rollenhagen

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