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„Tomaten wachsen eben nicht im Supermarkt“

Erfolgreicher Gemüseanbau „Tomaten wachsen eben nicht im Supermarkt“

In dem Pilotprojekt lernen Kleingärtner den Gemüseanbau. Der Umweltverband BUND hat gemeinsam mit der Region und dem Bezirksverband der Kleingärtner dieses Projekt gestartet. Insgesamt haben sich nach der Eröffnungsvorträge 34 Laubenpieper zum Mitmachen bereit erklärt.

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„Was die mir beibringen wollen, das weiß ich doch eigentlich“: Francesco Rizzo schützt seine Bohnen vor gefräßigen Tauben - und verteilt gerne die Früchte seiner Arbeit in der Kolonie.

Quelle: Frank Wilde

Hannover. Seit zwölf Jahren hat Heiko Fleiß einen Kleingarten in der Steintormasch. Aber Gemüseanbau? „Das kenne ich eigentlich nur aus meiner Kindheit“, gesteht der 58-Jährige: „Bei meinen Großeltern und Eltern habe ich immer mal im Garten mitgeholfen.“ Selbst aber nutzt er seinen Kleingarten eher als Wochenend- und Freizeitdomizil. Bis jetzt. Denn nun wird er geschult - zum Hobby-Gemüsebauer.

Insgesamt machen 34 Laubenpieper mit und lernen zusammen wie man Gemüse erfolgreich anbaut.

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Hannovers Kleingärten erleben derzeit einen Boom. Zum Beispiel bei Familien, die wieder gerne in der Stadt wohnen, aber trotz Etagenwohnung nicht auf grüne Freiflächen verzichten wollen. Viele Migranten wollen Gärten beackern, und nicht zuletzt findet vor allem eine junge Klientel es schick, die eigenen Salattomaten zu ziehen und mit eigenen Kartoffeln zu kochen. Ahnung vom Gärtnern haben die meisten aber nicht, denn bei dem einst über Generationen überlieferten Wissen gibt es einen Bruch.

34 Laubenpieper machen mit

Ein Pilotprojekt testet jetzt, wie sich das ändern lässt. Der Umweltverband BUND hat gemeinsam mit der Region und dem Bezirksverband der Kleingärtner einen Versuch gestartet. In der Steintormasch, mit 812 Gärten in fünf Kolonien angeblich Norddeutschlands größte Kleingartenanlage, haben sich nach den Eröffnungsvorträgen 34 Pächter zum Mitmachen bereit erklärt.

Auch Francesco Rizzo ist dabei. Der 69-jährige Italiener bewirtschaftet seinen 500-Quadratmeter-Garten seit 20 Jahren. Von seinen Kartoffeln und „Pferdebohnen“ kocht seine Frau Maria regelmäßig Mittagessen, die fünf Kinder und 15 Enkel bekommen auch etwas ab, und trotzdem bleibt genug zum Verschenken an die Nachbargärtner. Drei Feigenbäume, ein Pfirsichbaum und mehrere Zitrusgewächse stehen dort, ein Freund bereitet aus seinen Trauben roten und weißen Wein. Muss so jemand wirklich von irgendwelchen BUND-Nase­weisen etwas über Gemüseanbau lernen? „Was die mir beibringen wollen, weiß ich doch eigentlich“, sagt er südländisch-selbstbewusst. Und stutzt dann doch. „Wie, den Boden umzugraben ist schlecht?“

Ja, das ist schlecht, sagt BUND-Projektleiterin Andrea Preißler-Abou El Fadil. „Die Bodennützlinge aus den tieferen Erdschichten kommen an die Luft, was sie umbringt, und die aus den oberen Erdschichten werden von Sauerstoff und Licht abgeschnitten.“ Und sie hat ein schönes Beispiel parat. Wenn wir Menschen essen, sagt sie, dann zerkauen wir zwar die Nahrung, aber wirklich in den Stoffwechsel kommen die Nährstoffe erst durch etwa drei Pfund nützlicher Bakterien und Enzyme im Verdauungstrakt. „Den Boden umgraben wäre so, wie wenn diese Nützlinge in Magen und Darm alle getötet wären und wir künstlich mit einer Sonde ernährt würden.“ Das versteht Francesco Rizzo. Er nickt bedächtig.

Protest gegen Kleingartenkonzept geht weiter

Gut 2600 Unterschriften sind schon gesammelt.

Gut 2600 Unterschriften sind schon gesammelt.

Quelle: privat

Mit Infoständen in der Innenstadt protestiert das „Aktionsbündnis gegen Kleingartenzerstörung“ dagegen, dass die Stadt 813 der rund 20 000 hannoverschen Kleingärten in Wohnbauland umwandelt. In diesem Monat sind zwei weitere Termine geplant: Am 22. und 29. April werden in der Innenstadt Unterschriften gesammelt. Das Bündnis will einen Bürgerantrag einreichen, damit die Ratsgremien sich noch einmal mit dem umstrittenen Konzept beschäftigen müssen.

8000 Unterschriften seien nötig, etwa ein Drittel davon bereits gesammelt, sagt Sprecherin Sylvia Remé. Rund 150 am Thema Interessierte seien aktuell im Verteiler des Bündnisses, rund 20 davon aktiv engagiert.

Der Rat hatte das Kleingartenkonzept 2016 beschlossen. Es sieht vor, dass die Zahl der Kleingärten nicht kleiner wird, aber durch Zusammenlegungen Flächen frei werden. Allerdings sind einige Kolonien insbesondere im Bereich Hainholz überproportional stark betroffen. Die erste Kolonie, die aufgelöst wird, ist Rosengrund in Kirchrode. med     

Nur auflockern, nicht umgraben

Um das zerstörte Gleichgewicht im Boden wieder herzustellen, sagt Preißler, nähmen viele Gärtner Dünger. Besser sei es, auf das ohnehin mühsame Umgraben zu verzichten und den Boden nur mit einer Grabeforke aufzulockern. Gegen Unkraut helfe Mulch, für die Nährstoffgabe schlicht Kompost.

Oder man arbeitet nach einem ausgetüftelten Flächenkonzept. In den Vorstellungsrunden haben die BUND-Leute den Kleingärtnern verschiedene Modelle vorgestellt. Das klassische Vier-Beet-Konzept etwa oder die indigene Milpa-Methode mit Bohnen, Kürbis und Mais, das Quadratgärtnern („Squarefood“) oder Hochbeete. Heiko Fleiß, der jetzt das Gemüsegärtnern für sich entdecken will, hat sich für das Vier-Beete-Konzept entschieden. Aus dem Schulunterricht kennt man es als Dreifelderwirtschaft oder Fruchtfolge-Konzept. Das Beet, bei Fleiß ist es zunächst 26 Quadratmeter groß, wird in vier Teile geteilt. Je Teilfeld wird im ersten Jahr ein starker Nährstoffzehrer angebaut (zum Beispiel Kürbis), im zweiten Jahr ein Mittelzehrer (zum Beispiel Möhren), im dritten Jahr ein Schwachzehrer (Bohnen oder Radieschen) und im letzten Jahr erfolgt eine Gründüngung, die dem Boden Nährstoffe zurückgibt - dann geht alles von vorne los. Durch den Einsatz synthetischer Mineraldünger ist diese Art des Anbaus vielfach in Vergessenheit geraten, „wir wollen wieder ein Bewusstsein dafür schaffen“, sagt Jan Heeren, der Landschaftsarchitektur studiert und den BUND bei dem Projekt unterstützt. Vor allem bei Familien, die mit ihren Kindern gärtnern wollen, sei das Interesse groß. „Die Tomaten wachsen schließlich nicht im Supermarkt“, sagt Preißler. „Es ist toll, wenn Eltern ihren Kindern den Naturkreislauf zeigen.“

Säuremessung im Boden

Echte Vorbehalte habe es kaum gegeben gegen das Projekt, sagt Heeren, während er mit einem digitalen Messgerät die pH-Werte im Boden misst. Die Kontrolle des Säuregrads ist ein Service für alle teilnehmenden Kleingärtner - mit teils überraschenden Ergebnissen. Bei Heiko Fleiß ist der Beet-Boden an einer Stelle in gutem Zustand (pH 6,5), dicht an der Gartenlaube aber mit pH 6,2 zu sauer. „Da muss Algenkalk drauf“, sagt Preißler. „Ist schon bestellt“, sagt Fleiß.

Vor allem die Vielzahl an immergrünen Koniferen hat die Böden in vielen Kleingärten übersäuern lassen. Das Pflanzenwachstum aber und damit auch der Ertrag ist stark davon abhängig, ob der Bodenwert stimmt. „Wir schulen nicht mit erhobenem Öko-Zeigefinger, sondern wollen dazu animieren, sich mehr Gedanken über den Gemüseanbau zu machen“, sagt Heeren. Deshalb bekommen alle Teilnehmer samenfeste Gemüsesorten in kleinen Papiertütchen. Im Gegensatz zu den meisten Baumarktsorten sind sie keine Hybridzuchten, die ständig nachgekauft werden müssen, sondern man kann aus ihnen Samen für die Nachzucht gewinnen. Über Jahrhunderte war das üblich, doch auch dieses Wissen ist innerhalb einer Generation verloren gegangen.

Aber nicht bei Francesco Rizzo. „Kommt mal gucken“, sagt er verschmitzt und führt die Besucher in seine Gartenlaube. Dort liegen, sortiert in Pappkartons, neue Bohnensamen für die Aussaat. „Ich trockne meine Bohnen immer, und wenn sie zu trocken werden, nehme ich sie als Saat“, sagt er. Für ihn alleine aber sind es zu viele, deshalb verschenkt er an andere Kleingärtner. Vielleicht bekommt auch Heiko Fleiß welche ab. „Das“, sagt Jan Heeren, „das ist noch ein Aspekt unseres Projekts - die soziale Komponente in den Kleingärten wiederzubeleben.“

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